Portrait

Georg Gänswein: Der Türsteher des Papsts

Privatsekretär des Papstes – das klingt nach Traumjob. Doch wer Georg Gänswein erlebt, merkt schnell: Seine Arbeit ist knochenhart.

Er wird an diesem Wochenende in Freiburg nicht zu übersehen sein. Tausende werden Georg Gänswein dabei beobachten können, wie er dem Papst zuweilen eine Lesebrille oder ein Manuskript reicht, vielleicht auch ein Glas Wasser. Man wird ihn einschreiten sehen, sollte ein scharfer Wind vom Turm des Freiburger Münsters hinunterwehen und das Gewand des Pontifex durcheinanderbringen. Und man wird ihn vielleicht dabei erwischen, wie er sich verwundert die Augen reibt. Denn der gebürtige Südbadener ist dabei, wenn zum ersten Mal ein Papst Freiburg, seine alte Heimat, besucht. Er ist der Sekretär eben dieses Papstes.

Seit über sechs Jahren hat Georg Gänswein nun schon diese Funktion. Er hat Regierungschefs von Barack Obama bis Angela Merkel die Hand geschüttelt und ist mit Benedikt XVI. um die halbe Welt gereist. Das Amt hat Spuren hinterlassen – gewiss innerlich, ganz sicher äußerlich. Auf Fotos vom April 2005, den Tagen nach der Papstwahl, sieht Gänswein jung und frisch aus und verzückte so die Italiener, ihre Zeitungen und selbst Signora Franca, die Frau des damaligen italienischen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi. Heute, sechs Jahre später, hat das Grau in seinen Haaren die Vorherrschaft gewonnen. Vielleicht um die Zeit anzuhalten oder es zumindest zu versuchen, hat Gänswein im vergangenen Jahr ein Buch über die ersten fünf Jahre mit Benedikt XVI. veröffentlicht.

Aber er wollte es ja – Rom! Auch wenn er nicht ahnen konnte, wie hoch in den Vatikan sein Weg führen würde. Für römisch, für allzu römisch sogar, hielt man ihn schon in Freiburg, als er Referent von Erzbischof Oskar Saier war und schließlich – es heißt, nach Differenzen – nach Italien ging. Noch heute ist das Verhältnis vom Erzbistum zu Gänswein von dieser Zeit geprägt. Doch viele, die ihn für zu streng halten, geben doch gern damit an, den Sekretär des Papstes schon ewig zu kennen.

Glaubt man ihm, hat ihn nicht der Ehrgeiz in das Amt des Privatsekretärs gebracht, sondern der höchst unerwartete Karrieresprung des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger. Als Georg Gänswein im Jahr 2003 dessen Sekretär wurde, sah dies eher wie eine Karrieresackgasse aus: Sekretär eines Kardinals, der sich schon darauf freute, im Ruhestand wissenschaftlich zu arbeiten?

Dass es anders kam, würde Georg Gänswein selbst wohl nicht als größtes Glück bezeichnen. Wenn man ihn danach fragt, wie es ist, der Privatsekretär des Papstes zu sein, schweigt er erstmal ein, zwei, drei Atemzüge lang. Dann sagt er: "Ich glaube, dass viele Leute meinen, das wäre der beste Job der Welt." Vor einigen Jahren hat er seine Aufgabe in einem Gespräch mit der Badischen Zeitung einmal als "Schneepflug sein" bezeichnet: Er sei der, der den Papst täglich vor einer Lawine schützen müsse.

Als Privatsekretär hat er die Aufgabe, das Arbeitsleben des Papstes so zu organisieren, dass dieser in Terminen, Audienzen oder Reisen nicht untergeht. Die Aufgabe, dem Chef den Rücken frei zu halten, erledigt Gänswein professionell. Konfliktscheu darf er nicht sein, auch nicht in den heiligen Hallen des Apostolischen Palasts. Zugang zum Papst zu haben, ist hier das Maß aller Dinge. Und wer, wie Gänswein, diesen Zugang kontrolliert, macht sich nicht nur Freunde. Aber so ist eben sein Job.

"Der Heilige Vater hat mich gefragt", sagt er über die Tage nach der Papstwahl, "und dann habe ich gern angenommen". 2005 war das, und "Don Giorgio" war in aller Munde. So schwer die Römer 2005 von ihrem Johannes Paul II. lassen konnten, so rasch begeisterten sie sich, wenn schon nicht so sehr für den auf sie kühl wirkenden Benedikt XVI., so doch für dessen jungen, gutaussehenden Privatsekretär. Selbst seriöse Magazine wie das der Corriere della Sera titelten mit dem neuen Privatsekretär. Sportlich, schlank, Skifahrer – "Bella Figura". Dass er an Äußerlichkeiten gemessen wurde, war damals neu für Gänswein. "Am Anfang war ich etwas überrascht, auch ein wenig irritiert", gesteht er besorgt, "denn über die Oberfläche übersieht man den eigentlichen Kern. Inzwischen, glaube ich, schaut man nicht mehr nur auf die Schale, sondern auch ein bisschen auf den Kern."

Er bereut es mittlerweile, am Anfang zu offenherzig mit Medien gesprochen zu haben, sogar Paparazzi haben ihm nachgestellt. Bösmeinende in der Kurie meinten, da wolle sich jemand in den Vordergrund drängen. Und dass Modeschöpferin Donatella Versace erklärte, sich bei ihrer Herrenkollektion an Gänswein orientiert zu haben, wird ihm auch nicht gefallen haben. Denn eigentlich vereint Benedikt XVI. und seinen Sekretär die Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen. Beide erlebten eine sorglose, einfache Kindheit auf dem Dorf, wo vor allem eines Gewissheit war: der Glaube.

Der Vater von Georg Gänswein war Schmiedemeister in der 400-Seelen-Gemeinde Riedern am Wald im Landkreis Waldshut. Auf Georg, geboren am 30. Juli 1956, folgten vier weitere Kinder. Alle fuhren Ski auf den Hängen des Hochschwarzwalds, Georg sowieso. Er spielte gerne Fußball und Klarinette im Musikverein. Ein Berufsziel damals: Börsenmakler. Doch der von seinen Eltern vorgelebte Glaube führte ihn statt an die Wall Street ins Freiburger Priesterseminar, in das er gleich nach dem Abitur 1976 eintrat. Anfangs hatte er sogar überlegt, in den Kartäuserorden einzutreten, der ein Schweigeorden ist und als besonders streng gilt. 1984 wurde er in seinem Heimatbistum zum Priester geweiht.

Wenn Georg Gänswein spricht und diskutiert, fällt eine Gleichzeitigkeit auf von freundlichem, ja jovialem Umgangston und Entschiedenheit in der Sache. Politische Korrektheit, Kompromisse, Erfordernisse des Zeitgeistes sind nicht die Maßstäbe, die er für geeignet hält. Seine Doktorarbeit schrieb der Kirchenjurist darüber, wie das Zweite Vatikanische Konzil Zugehörigkeit zur katholischen Kirche definierte: "Kirchengliedschaft. Vom Zweiten Vatikanischen Konzil zum Codex iuris canonici".

So hart er in Urteilen sein kann, so freundlich klingt seine Stimme, der badische Singsang mischt sich mit dem Italienischen. Dann sagt er "Si si si si", wenn er "ja" meint, und wenn er von Italien erzählt, werden die Gesten groß. Die italienische Küche liebt er, er trinkt morgens Cappuccino, isst dazu aber Schwarzbrot, das ihm aus Deutschland geliefert wird. Die offene, humorvolle Art der Italiener und Römer mag er. Kontakt zur Heimat hat er immer gehalten. Regelmäßig verbringt den Urlaub bei seiner Familie in Riedern, in Freiburg an der Herrenstraße steht noch sein Namensschild an der Wohnung.

Hat sein Terminplan Luft, nimmt er sich in Rom auch Zeit, wenn sich Besucher aus Südbaden im Vatikan anmelden, etwa seine Schulkameraden, der Kirchenchor aus der Heimat, Ministranten oder sogar eine Narrenzunft aus Freiburg. Da wirkt er ungezwungen und locker. Der Freiburger Verleger Manuel Herder hat Georg Gänswein erst vergangene Woche in Castel Gandolfo getroffen und verraten, dass er sich riesig auf den bevorstehenden Besuch freue.

Was wird aus Georg Gänswein noch werden? Sein Vorgänger im Amt des Privatsekretärs, Stanislaw Dziwisz, wurde nach dem Tod seines Chefs Johannes Paul II. mit dem Erzbistum Krakau belohnt. Dziwisz war sogar als Privatsekretär ein "Erzbischof", was vielen an der Kurie missfiel. Somit steht nicht zu erwarten, dass Georg Gänswein nach dem Ende des jetzigen Pontifikats postwendend in ein bedeutendes deutsches Bischofsamt wechseln wird. Außerdem wird das vom nächsten Papst abhängen. Doch auch davon, wie viel Freunde oder Feinde sich Georg Gänswein auch im deutschen Klerus in diesen Jahren macht.
von Martin Zöller
am Sa, 24. September 2011

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