"Geschichten rund um den Wein"

BZ-SERIE "WEINWEGE AM OBERRHEIN" (19 UND ENDE): Noch Luft nach oben – Andreas Braun über die Zukunft des Weintourismus im Südwesten.

er Wein gibt Baden sein schönstes Gesicht. Ob im Markgräflerland oder am Kaiserstuhl, im Breisgau oder in der Ortenau – wer kann sich der Faszination dieser Kulturlandschaft entziehen? Doch wird mit diesen Pfunden auch richtig gewuchert? Petra Kistler fragte Andreas Braun, Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg.

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BZ: Herr Braun, wie wichtig ist das Thema Wein für den Tourismus im Land?
Braun: Das Thema Wein ist eminent wichtig, weil der Weinbau unsere Landschaften prägt und gestaltet. Die vielen Steillagen und Mauerweinberge sind sogar ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich mit vielen anderen Anbaugebieten.

BZ: Und wie groß ist der touristische Markt?
Braun: Wir haben etwas Marktforschung betrieben und sind erstaunt, wie viele Menschen in Deutschland sich als weininteressiert bezeichnen. Das ist ein großer Markt im zweistelligen Millionenbereich, von dem wir natürlich auch etwas abhaben wollen.

BZ: Das heißt, beim Weintourismus ist im Land noch Luft nach oben …
Braun: Auf jeden Fall! Das fängt damit an, dass es sehr viele Beteiligte gibt, die nicht immer zu hundert Prozent effektiv miteinander kommunizieren und arbeiten. Das Spektrum reicht vom Weinbau über die Gastronomie und Hotellerie bis hin zu den Weinerlebnisführern und Touristikern. Nur wenn untereinander fruchtbare Beziehungen geknüpft werden, kann auch ein weintouristisches Erlebnis entstehen.

BZ: Was erwartet der Gast, wenn er sich auf eine Reise in Sachen Wein begibt?
Braun: Er erwartet erst einmal eine intakte Kulturlandschaft, die erlebnisreich ist, sowie gut beschilderte Wege und Routen. Aber natürlich auch Hinweise auf andere Highlights und Sehenswürdigkeiten. Das kann ein Aussichtspunkt, eine Burgruine, ein Schloss, eine schöne Kirche oder eine malerische Altstadt sein. Und natürlich dürfen Hinweise auf Einkehrmöglichkeiten und Unterkünfte nicht fehlen. Hinzu kommt die Information zum Öffentlichen Nahverkehr: Gerade beim Wein ist es sinnvoll, mit Bus oder Bahn anzureisen – man möchte ja unbekümmert genießen.

BZ: Erwartet der Gast einen persönlichen Kontakt zum Winzer?
Braun: Ganz häufig ja, weil der Winzer derjenige ist, der die Geschichten rund um den Wein erzählt: Was ist hier für ein Terroir? Wie kam ich auf diese Rebsorte? Was mache ich mit dem Wein? Wie wird der Wein so, wie er schmeckt? Diese Geschichten sind es, die den weininteressierten Gast ungemein beschäftigen und fesseln.

BZ: Ein Winzer hat doch gar nicht die Zeit, den Entertainer für die Touristen zu spielen.
Braun: Klar, der Winzer oder die Winzerin können nicht alles selber schultern. Deshalb können Aufgaben etwa auch an Weinerlebnisführer outgesourct werden. Das sind hoch kompetente Ansprechpartner für die Themen Wein und Region. Und sie sind enorm gefragt.

BZ: Will der Gast einen Einblick in die Produktion bekommen?
Braun: Bedingt. Die meisten Weingenießer sind keine ausgewiesenen Technikfreaks, aber einige Geschichten drum herum will der Gast schon hören.

BZ: Will er auch mitmachen? Zum Beispiel bei der Weinernte?
Braun: Es gibt in allen Regionen solche Angebote, die sehr, sehr gut angenommen werden. Zahlenmäßig ist dies natürlich ein kleineres Segment.
BZ: Wie wäre es mit Schauweinbergen?
Braun: Es gibt einige Schauweinberge, aber sie sind oft nicht mehr im Betrieb. Der Gast möchte aber einen lebendigen Weinberg erleben, in dem noch gearbeitet wird. Natürlich kann es hie und da zu Konfliktsituationen kommen, vor allem in der Lesezeit, aber mit Unterstützung der regionalen Touristiker können touristische Programme entwickelt werden.

BZ: Ohne den uralten Konflikt zwischen Baden und Württemberg aufleben zu lassen? Welche Weinregion ist in Sachen Tourismus weiter?
Braun: Erstaunlicherweise lag Württemberg zunächst in Front, aber Baden hat mit der Neuinszenierung der Badischen Weinstraße und den vielfältigen Erlebnisangeboten rechts und links davon aufgeholt. In der Zwischenzeit herrscht ein sehr lebendiger Wettbewerb zwischen den beiden Regionen.

BZ: Was kann Baden-Württemberg von Südtirol, dem weintouristischen Mekka, lernen?
Braun: In Südtirol sind die Tore der Weinkellereien noch weiter offen, die Winzer holen noch aktiver die Gäste zu sich herein – und dies auf mannigfache Art: durch wunderbar inszenierte, dennoch authentische Feste, aber auch durch mehr erlebbare touristische Angebote. So ganz groß ist die Kluft zwischen dem baden-württembergischen Weinsüden und Südtirol aber nicht mehr.

BZ: Auffällig am Kaiserstuhl ist die Hinwendung zur guten Architektur.
Braun: Die Architektur ist eine zusätzliche Attraktion. Unsere Weinregionen und Weingüter hatten, auch wenn dies der Wirklichkeit längst nicht mehr entsprach, ein verstaubtes Image. Da hilft moderne Architektur in jedem Fall. Das muss nicht unbedingt der Betonkubus im Weinberg sein, es gibt auch großartige Gestaltungsmerkmale im Inneren. Ich kenne viele Winzer und Wengerter, wie sie in Württemberg genannt werden, die in den vergangenen Jahren ihr Weingut um eine Vinothek oder schicke Verkostungsräume erweitert haben.

BZ: Welche Rolle kann das Land und die Tourismus Marketing Baden-Württemberg dabei spielen?
Braun: Wir setzen vielfältige Impulse und kümmern uns um Qualität. So haben wir den Runden Tisch Weintourismus in Baden-Württemberg ins Leben gerufen, an dem Beteiligte aus allen Bereichen sitzen. Dort versuchen wir die Themen, bei denen es noch hakt, zu bearbeiten und zu beackern.

BZ: Und das wären...?
Braun: Zurzeit sind wir dabei, in allen Regionen Weinhotels zu benennen, die den Gast mit Weinkompetenz und Weinerlebnissen empfangen. Die Nachfrage ist groß. Solche Angebote wollen wir noch besser und gezielter vermarkten.

BZ: Sie loben gemeinsam mit den beiden Weinbauverbänden Preise für den Weintourismus in Baden-Württemberg aus. Mit welchem Effekt?
Braun: Wir zeichnen seit 2012 jedes Jahr weintouristische Musterbeispiele aus – das kann ein Weinmuseum aus, aber auch ein Hotelier, der ein ungewöhnliches Angebot entwickelt hat. Wir wollen zeigen, was alles möglich ist. Das ist auch als ein Appell an die Branche gedacht.

BZ: Herr Braun, was ist Ihre Lieblingsweinlandschaft in Württemberg?
Braun: Ich liebe die Weine aus dem Remstal, wandernd und Rad fahrend bin ich aber am liebsten im Mittleren Neckartal unterwegs, zwischen Mundelsheim, Besigheim und Lauffen.

BZ: Und in Baden?
Braun: Die Ortenau, besonders zwischen Durbach und dem Baden-Badener Rebland.

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von pk
am Sa, 30. April 2016

ZUR PERSON: Andreas Braun

Der ehemalige Chefredakteur von "Sonntag Aktuell" ist seit 2009 Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH, die von den großen regionalen Tourismusorganisationen des Landes getragen wird. Andreas Braun, Jahrgang 1958, ist Autor zahlreicher Bücher über Baden-Württemberg und die Weinbauregionen des Landes.  

Autor: bz

Badens beste Erlebnisse