Markgräflerland

Heimattage: So wie das Paradies

An diesem Wochenende hat sie ihren großen Auftritt, die Heimat. Bei den Baden-Württemberg-Tagen in Müllheim werden Tausende unterwegs sein und sich amüsieren zwischen Schlagerparty, Gutedelverkostungen und Leistungsschauen.

Bis in den September hinein präsentiert sich das Markgräflerland – die deutsche Toskana – als "Heimat der Sinne" (www.heimattage-markgraeflerland.de).



Doch Heimat, was ist das, jenseits von Event und dem Vollbad im Wir-Gefühl? Das deutschtümelnde Pathos vom Heimatland hört man heute kaum noch. Die allermeisten, denen der Begriff noch etwas sagt, verstehen darunter die Region, in der sie zuhause sind. Wir haben Persönlichkeiten aus Politik und Kultur gefragt, was für sie Heimat ist. Die Antworten hätten unterschiedlicher nicht sein können. Der eine hat gleich mehrere, ihm im Lauf des Lebens zugewachsene Heimaten, der andere identifiziert sie mit Kultur, dem Dritten ist sie ganz abhanden gekommen.

ERWIN TEUFEL: HEIMAT IST DORT, WO MEINE WURZELN SIND

Meine Heimat? Ich bin überzeugt, auch wenn dieser Plural seltsam klingt, jeder Mensch hat mehrere Heimaten; sie wachsen ihm im Lauf seines Lebens zu – so wie er auch mehrere Identitäten hat. Eine dieser Heimaten ist die Herkunftsfamilie, in die wir hineingeboren sind, eine weitere die Familie, die man selbst gegründet hat. Dann die Gemeinde, in der man aufgewachsen ist und der Ort, wo man sich später niederlässt und sich als Bürger einbringt.

So ist auch meine Heimat eine ganze Vielfalt: die Muttersprache, der Dialekt, das Elternhaus, meine Spiel- und Klassenkameraden von früher, die Stadt Rottweil, wo ich geboren wurde und aufs Gymnasium ging, die Heimatgemeinde Zimmern, in der ich aufgewachsen bin, die Stadt Spaichingen, in der ich acht Jahre Bürgermeister war und seit 38 Jahren lebe, der Wahlkreis Villingen-Schwenningen, den ich 34 Jahre lang im Landtag vertreten habe.

Zu meinen Kindern habe ich immer gesagt: In dreißig Kilometern Umkreis muss man Weg und Steg kennen. Natürlich soll man darin nicht verharren, sondern darüber hinaussehen. Deshalb bin ich mit ihnen im Wohnmobil durch halb Europa gefahren, nicht unbedingt, um am Strand herumzuliegen, sondern um ihnen die reiche Kultur der europäischen Regionen zu zeigen.

Ich weiß, Heimatliebe ist ein Begriff, über den manche die Nase rümpfen, aber das hat er nicht verdient. Er bedeutet ja nicht Enge, sondern Tiefe, und mich meiner Wurzeln zu besinnen, muss mich nicht daran hindern, oben mit der Baumkrone gewissermaßen die Luft der weiten Welt zu atmen.

"Das alemannische Land", hat Hermann Hesse gesagt, "hat vielerlei Täler, Ecken und Winkel. Aber jedes alemannische Tal, auch das engste, hat seine Öffnung nach der Welt." So sehe ich übrigens auch die Schweiz, die ich gut kenne: heimatverbunden und weltoffen. Dem Schweizer geht ja bekanntlich nichts über sein Tal, seinen Kanton und seine Region, und dennoch sind Schweizer auch weltläufige Menschen und erstaunlich erfolgreich in aller Welt unterwegs.

Und wir Deutschen? Wir sind Reiseweltmeister, das stimmt, aber das widerspricht der Heimatliebe keineswegs. Fast jeder trägt ein Quäntchen Fernweh in sich und das Interesse, andere Kulturen kennenzulernen. Und nur wer in die Ferne reist, weiß, wie sich Heimweh anfühlt. Ich selbst bin sehr gerne auf Reisen, aber mindestens genauso gerne kehre ich nach Hause zurück.

Auswandern ist da schon eine andere Sache. Viele Deutsche haben das ja nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen getan, aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen. Vielen von ihnen ist es aber gelungen, ihre Wurzeln auch in der Fremde nicht zu verleugnen und ihr heimatliches Brauchtum zu pflegen. Ebenso wenig wäre es zumutbar, wenn man von den Zuwanderern in Deutschland verlangte, dass sie ihre Herkunft verleugnen und sich vollkommen auf uns einstellen. Das wären sicher nicht die besten Bürger.

Wir sollten ihnen offen sagen: Ihr braucht nicht die Nabelschnur zu eurer Heimat durchtrennen, zu eurer Verwandtschaft, eurer Kultur oder Religion. Wenn ihr aber auf Dauer hierbleiben wollt, dann hat das nur Zukunftschancen mit einem Mindestmaß an Integrationsbereitschaft, vor allem mit der Bereitschaft, die deutsche Sprache zu lernen.

Ich habe einen Onkel, der musste während der Weltwirtschaftskrise in die USA auswandern. Es war dort nicht leicht für ihn: Sie haben an sechs Wochentagen gearbeitet und am siebenten lernten sie in der Sonntagsschule Englisch. Jawohl, das ist ein Stück Arbeit, aber so stelle ich mit Integration vor.

Dass sich die Heimatvertriebenen so ausdauernd zu Gehör bringen, halte ich für legitim. Ich fühle mich ihnen verbunden, denn ich stelle mir vor, wie schlimm es für mich gewesen wäre, wenn ich meine Heimat verloren hätte und stattdessen beispielsweise irgendwo an der Kurischen Nehrung gelandet wäre. Ich bin oft zu den Vertriebenentreffen gegangen, habe dort niemandem nach dem Mund geredet, aber die Treue der Menschen zu ihrer Heimat und ihren Vorfahren bewundert.

Gewiss hat Heimat immer auch etwas Utopisches, Idealistisches. Kein Ideal und nichts von dem, was uns etwas wert ist, gibt es in Reinkultur. Es gibt sie nur als geschichtliche Gebilde und Erfahrungen und alles Menschenwerk ist unvollkommen.

Erwin Teufel war von 1991 bis 2005 Ministerpräsident von Baden-Württemberg

FABRICE BOLLON: HEIMAT IST DIE KULTUR, IN DER MAN LEBT

Heimat ist ein relativ neuer Begriff, der hauptsächlich im 19.Jahrhundert und bis zum Zweiten Weltkrieg eine starke Entfaltung gekannt hat, als Spiegel der Nationalismen. Der geographische Inhalt des Begriffs impliziert und rechtfertigt den Kolonialismus. Ich kann mit diesem Begriff nichts anfangen, und sage mit dem französischen Chansonier Brassens: "Ces cons qui sont nés quelque part." (in etwa: diese Idioten, die sich wichtig finden, weil sie an einem bestimmten Ort geboren sind.)

Relevant ist das, was mich als Mensch bewegt und mich mit anderen Menschen verbindet oder von ihnen unterscheidet. Nur in diesem Sinne, für die Prägung der Persönlichkeit ist der Geburtsort wichtig. Aber wie sich der Mensch individuell entwickelt, ist viel wichtiger. Letztendlich kommt man unweigerlich auf den Begriff Kultur: Was den Menschen ausmacht, ist seine Kultur, und sie übersteigt bei Weitem das rein Geographische, da Kultur immer neu erschaffen wird und werden muss. Dieser Begriff, der vor allem im Zeitalter des Internets alles Geographische sprengt, ist viel zukunftsträchtiger als der Begriff Heimat. Erst wenn man sich dessen bewusst wird, versteht man, wie wichtig Schulen und Kulturinstitutionen für die Zukunft sind. Denn nur durch diese beiden Säulen der Demokratie werden Identität und Gemeinsamkeiten geschaffen.

Was man unter dem Begriff Heimat eigentlich versteht, wenn man ihn losgelöst von der Geographie analysiert, ist: die Kultur. Deutschland definiert sich stärker durch Goethe, Schiller, Wagner, Nietzsche, Beethoven, die nationale Fußballmannschaft usw, als mit der Festlegung des Rheins als westliche Grenze...

Fabrice Bollon, geboren in Paris, ist Generalmusikdirektor des Theaters Freiburg.

MIGUEL GARCIA: HEIMAT IST DA, WO ICH MICH WOHL FÜHLE

Ich fühle mich wohl in Deutschland, ich lebe seit mehr als 20 Jahren hier. Für mich ist Heimat da, wo ich mich wohl fühle, wo ich daheim bin. Wäre das nicht so, dann würde ich woanders leben. Es war nie mein erklärtes Ziel, Mexiko zu verlassen, ins Ausland zu gehen. Das hat sich so ergeben, so spielt das Leben manchmal. Auch, wenn ich in Mexiko bin, um Familie und Freunde zu besuchen, um Urlaub zu machen, fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Doch in Deutschland liegt mein Lebensmittelpunkt.

Ich habe einen Sohn, der in Deutschland geboren ist, mit dem ich spanisch spreche. Es ist mir wichtig, dass mein Sohn neben deutsch auch spanisch spricht – nicht nur mit mir, sondern auch mit anderen Menschen in Deutschland. Damit er sieht, dass es eine Bereicherung ist, mehrere Sprachen zu sprechen. Mein Sohn hat sich immer als Deutscher gesehen. Als wir einmal von einem Urlaub in Mexiko zurückkamen, hat er gesagt, er ist noch immer zu hundert Prozent Deutscher – aber er ist auch Mexikaner! Er hat das Land, in dem ich geboren wurde, erkannt als einen Teil, der auch zu ihm gehört. Das hat mich sehr gefreut.

Wer mich sieht und mich sprechen hört, der weiß, dass ich ich kein Deutscher sein kann. Da sind die Äußerlichkeiten und der Akzent. Aber meine Aktivitäten hier in Deutschland, meine Bindungen, die Sprache, in der ich meine Gefühle ausdrücke, die zeigen, dass ich auch deutsch bin. Mit der Sprache, die so wichtig ist, wird das Deutschsein ein Teil von einem selbst. Die Gesellschaft ist manchmal hart im Umgang mit Menschen, die anders sind. Das merke ich auch bei meiner Arbeit im Migrantinnen- und Migrantenbeirat Freiburg. Da gibt es Menschen, die fühlen sich hier wohl und dürfen doch nicht hier bleiben. Oder solche, die möchten in ihre Heimat und können nicht. Da gibt es Menschen in jeder Situation. Ich wünsche mir, dass es normaler würde, anders zu sein, denn auch eine Gesellschaft kann dazu beitragen, dass ihre Mitglieder sich heimisch fühlen.

Miguel Garcia ist gebürtiger Mexikaner. Er lebt in Freiburg und ist der Vorsitzender des Migrantinnen- und Migrantenbeirats.


ARNOLD STADLER: HEIMAT IST EIN WUNDERSCHÖNES WORT

Das gibt es so nur im Deutschen. Leider gibt es die dazugehörende Sache so auch nicht mehr, und, so fürchte ich, hat es nie gegeben, sowenig wie das Paradies. Heute, auf dieser Welt, mit dieser Welt und diesen Menschen, die es immer noch nicht geschafft haben, Menschen zu sein, also jene, die sie doch eigentlich sein wollen oder sollten, die es – laut Adorno – bisher eigentlich nur geschafft haben von der Steinschleuder zur Megabombe, fällt mir bei dem Wort Heimat als erstes die Heimatlosigkeit des Menschen ein. Wo soll Heimat sein, auf dieser Erde vielleicht, die allenfalls nach außen hin etwas Rundes ist?

Ich habe es doch nicht zum Zyniker geschafft, sondern nur zum promovierten Träumer.

Für mich als Sprachmenschen ist es zudem etwas Betrübliches, zu erkennen, daß es auch in der Sprache keine Heimat gibt, denn meine Sprache, die sogenannte Muttersprache ist ja längst am Sterben, und es ist nicht schön, etwas Geliebtem beim Sterben zusehen zu müssen.

Als einem Augenmenschen, der ich auch noch bin, fällt dazu auch ein, daß die sichtbare, optische Heimat immer weniger wird. Zuerst jene Heimat, die ich in den Menschen sah, welche gestorben sind und auch einmal sterben werden, vielleicht sogar noch vor mir.

Dann fällt diesem Augenmenschen das tatsächlich ruinierte Gelände auf, das einmal Rast hieß, sodaß tatsächlich nichts mehr zu sehen ist, wo einmal so etwas wie Heimat war.

Und die schönen Dörfer, die es gab und die ich kannte, längst aufgegeben, sind bestenfalls noch Schlafstationen. Auf den dazugehörenden Feldern stehen keine Menschen mehr, und nicht einmal Kühe, die mir immer auch gefallen haben.

Wo andere noch Heimat orteten, ist für mich nichts mehr zu sehen.

Zum Beispiel passen Umgehungsstraßen, Wohnanlagen mit Häusern, die keine Geschichte haben und haben werden und industrielle Windparks, sowie all diese zu Stromfabriken mutierten Dächer nicht in das Bild, welches ich mir von Heimat mache. Ein Atomkraftwerk freilich auch nicht.

Und haptisch? Da war oder wäre Heimat vielleicht eine sinnliche Erscheinung gewesen, von den mütterlichen Brüsten an, und weiter, etwas Schönes, zum Anfassen. Wo sich, vielleicht nur in der Erinnerung, die doch auch nur Konstruktion oder Täuschung sein mag, so etwas wie Heimat abgespielt haben mag. Gewiß ist manche Erinnerung schön. Aber vielleicht ist es nur die Erinnerung, das dazugehörende Leben mag ganz anders gewesen sein.

Aber das wäre oftmals dann kein Paradies, sondern eine Hölle gewesen, die erste Möglichkeit, Fremde zu erfahren, d.h. auch: zu erleiden. Und zwar über niemand sonst, als durch jene Mehrheit, welche man die schweigende nennt.

Das Dorf in Mesopotamien, also zwischen Donau und Bodensee, vom dem ich stamme, heißt, wie zum Hohn: Rast. Da habe ich noch ein Haus, aber keine Heimat mehr. Zum Glück noch Menschen, welche die Heimatlosigkeit teilen können und ähnlich empfinden wie ich.

Zu dem Wort Heimat fällt mir nur noch das Wort Heimatlosigkeit ein. Und dann noch: Heimatfriedhof.

Wir haben hier keine Heimat. Doch das ist für jene, die nicht auch noch an etwas ganz anderes glauben – oder intellektueller gesprochen: für möglich halten, auch kein Trost.

Arnold Stadler ist Schriftsteller und Träger des diesjährigen Hebelpreises.

Heimat anderswo

ELKE WINDISCH: KIEZ UND KULTUR

Ródina nennen die Russen ihre Heimat und sie haben gleich zwei: eine große und eine kleine. Kleine Heimat sind Badesee, Wald, Dorfschule und Dorfkirche sowie die Gräber der Ahnen, an denen zu kirchlichen Feiertagen auch getafelt wird. Ebenso der Dialekt. In den Städten sind es neben dem Kiez die touristischen Highlights: In Moskau Kreml und Roter Platz, in St. Petersburg die Kanäle, Brücken und die weißen Mittsommernächte. Zur großen Heimat gehört vor allem die Kultur: Dichterfürsten wie Alexander Puschkin und Komponisten wie Peter Tschaikowski. Nationale Identität stiftet auch die Geschichte, vor allem die Siege russischer Waffen über fremden Eroberer: Mongolen, Tataren, Napoleon und Hitler. Der Nordkaukasus dagegen ist für die Titularnation zwar Russische Föderation, nicht aber Russland.

Elke Windisch ist BZ-Korrespondentin in Moskau

AXEL VEIEL: MEHR ALS EIN WORT

Heimat auf Französisch? Das gibt es nicht. Was nicht heißt, dass in der Sprache Molières eine gewaltige Lücke klaffte. Das Französische offeriert anstelle des großen, gefühlsbeladenen Wortes "Heimat" knapp ein halbes Dutzend klarer konturierte Begriffe. Sie reichen von Patrie (Vaterland) über Region natale und Ville natale (die Region oder Stadt, in der man geboren wurde) bis hin zu dem nach Heimaterde klingenden, gemeinhin mit Dicht- oder Kochkunst verknüpften Terroir (Boden, Gegend, Region). Wobei La Patrie, das Vaterland, dem deutschen "Heimat" wohl am nächsten kommt. Was wiederum daran erinnert, dass links des Rheins nicht zuletzt Errungenschaften der Vorfahren Heimat stiften wie Sprache, Kultur oder die in der französischen Revolution erkämpften Menschenrechte.

Axel Veiel ist BZ-Korrespondent in Paris
von Aufgezeichnet von Stefan Hupka
am Sa, 15. Mai 2010 um 10:39 Uhr

Badens beste Erlebnisse