"Heute haben wir hier zwei Franzosen wegen Spionage verhaftet"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (5): Ein Brief aus Achern erklärt die politische Lage und erkennt ein Gutes am Krieg: Er hat das deutsche Volk geeint.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

6. AUGUST 1914

Brief von Karl Bartenstein an seine Frau Martha
"Achern, 6. August abds. 6 Uhr.

Mein Herzlieb!
Ich schreibe dir heute mit Bleistift, weil meine beiden Vize Feldwebel teils dienstlich teils außerdienstlich abwesend sind, so dass ich den Bahnhof nicht verlassen kann. Dein liebes Kärtchen vom 4. und die Ppk. vom 5. habe ich richtig erhalten. Wir sind noch gut dran; säße ich in Kehl oder sonst im Bereiche einer Festung, so könnten wir uns nur offene Karten senden, da verschlossene Briefe nicht befördert werden. Frau Huber hat dies zu ihrem Leidwesen erfahren, da ihr Mann als Kolonnenführer in Kehl ist. Dafür hatte sie heute das Glück, dass er eine militärdienstliche Bestellung bei seiner Firma zu machen hatte und auf diese Weise telefonisch mit ihr sprechen konnte; sie war sehr beglückt, als sie am Telefon erfuhr, dass ihr Mann mit ihr sprach. So glücklich werden wir leider vorerst nicht sein. (...) Heute haben wir hier zwei Franzosen wegen Spionage verhaftet, die wohl nach Rastatt abgeliefert werden. Sonst hat sich hier nicht viel Bedeutsames ereignet. Umso bedeutsamer sind die sonstigen Ereignisse der letzten Tage: Englands Kriegserklärung und die Reichstagseröffnung. Erstere kommt mir etwas unerwartet, sie erschwert unsere Lage, ohne sie jedoch hoffnungslos zu machen; denn zu Lande werden uns die Engländer nicht viel anhaben können. Italien scheint noch ein unsicherer Kantonist zu sein, und das schlimmste ist, dass man bei uns seinen Vertragsbruch und die Verletzung seiner Bündnispflichten nicht einmal gehörig kennzeichnen darf, weil es immer noch besser ist, Italien bleibt neutral, als wenn es Österreich noch in den Rücken fällt. – Aber dann die Reichstagseröffnung! Wer hätte es noch vor 14 Tagen für möglich gehalten, dass der deutsche Kaiser einem Sozialdemokraten die Hand drückt, und dass die Sozialdemokratie einen Kriegskredit von 5 Milliarden einstimmig genehmigt! Ein Gutes hat dieser Krieg, so schrecklich er ist, also doch schon gebracht: er hat das deutsche Volk wieder einig gemacht und die Menschen einander näher gebracht. Hoffentlich hast du, mein Herzlieb, jetzt die letzten Nächte besser schlafen können. Ist die Einquartierung jetzt da? Drei Mann sind ja nicht viel; wir wollen hoffen, dass nicht später viel mehr kommen. (...) Ich war gestern Abend bei Helds, wo es sehr gemütlich war. Im übrigen ist immer der gleiche Betrieb hier; jeden Augenblick fährt ein Zug mit Truppen oder eingezogenen Reservisten durch; und immer gibt es dann ein großes Hurrageschrei der durchziehenden Mannschaften, das vom Publikum erwidert wird. Wenn man nur nicht immer daran denken müsste, wie es diesen Leuten wohl in ein paar Wochen zu Mute sein wird, und was sie, selbst wenn sie siegreich sind, alles werden ausstehen müssen! (...) Hoffentlich bekomme ich morgen wieder gute Nachricht von dir. Grüße alle Lieben herzlich von mir und sei innig geküsst von eurem sich heute so einsam fühlenden Vati".
Ernst Eberlein, Breslau, Schlesien
4 Uhr früh wecken. Der Oberleutnant Schmidt – wohl gutmütig – hält angezecht eine kurze Rede mit Kaiserhoch. Bis 2 Uhr nachmittags Urlaub nach Schoslau, um mir ein Paar Arbeitsstiefel zu kaufen. Die Gelegenheit benutzte ich zum herrlichen Frühstück im Schweidnitzer Keller. Nachmittag heftiger Dienst, der durch einen bis auf die Haut durchnäßenden Regen unterbrochen wurde. Zuflucht in drei Häuser des nächsten Dorfes.

Abends alles vor Müdigkeit erledigt. Das Küchenmädchen stellte mir ein Bett zur Verfügung, wofür ich ihr Dank weiß. Denn konnte mal richtig schlafen, was im Schlafsaal unmöglich war. Abends der Oberleutnant, angeheitert. War kein Vorbild. An diesem Abend war bei ihm alles "verrückt". Urlaub nach Breslau – selbst zur Erledigung dringender Besorgungen – nicht erteilt."

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Herausgegeben vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Mi, 06. August 2014

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