BZ-Interview

Hier haben Jugendliche noch Chancen auf eine Lehrstelle

Trotz Wirtschaftskrise ist zumindest in Südbaden die Bereitschaft der Betriebe groß, auszubilden. Bärbel Höltzen-Schoh, Chefin der Arbeitsagenturen Freiburg und Offenburg, zur Situation für junge Leute in der Region.

Rezession und Kurzarbeit sind in aller Munde. Dennoch: Trotz Wirtschaftskrise ist zumindest in Südbaden die Bereitschaft der Betriebe groß, junge Leute auszubilden. BZ-Mitarbeiterin Ulrike Ehrlacher sprach mit Bärbel Höltzen-Schoh, der Chefin der Arbeitsagenturen Freiburg und Offenburg, über die Situation in der Region und darüber, wo Jugendliche noch Chancen auf eine Lehrstelle haben.

BZ: Die Krise ist auf dem Ausbildungsmarkt noch nicht angekommen. Stimmt das tatsächlich?
Höltzen-Schoh: Das ist richtig. Wir hatten schon im vergangenen Jahr sehr viele Ausbildungsplätze, auch welche, die neu eingerichtet wurden. Wenn wir jetzt sagen, wir sind geringfügig unter dieser Zahl, dann bleiben wir unter einer Rekordzahl. Im Bezirk der Arbeitsagentur Freiburg beispielsweise gab es 2007 3176 gemeldete Ausbildungsstellen, 2008 waren es dann 3247 und 2009 sind es immer noch 3125. Und wir haben auch weniger Bewerber. Meist sind am Ende nur ganz wenige unversorgt.

BZ: Von Zurückhaltung der Betriebe also keine Spur?
Höltzen-Schoh: Es hat sich insofern Zurückhaltung abgezeichnet, dass Betriebe zum Teil später ihre Einstellungszusage gegeben haben. Das können Sie aber an Branchen festmachen. In der Ortenau und Emmendingen beispielsweise gibt es viele Firmen der metallverarbeitenden und exportorientierten Industrie, auch Autozulieferer. Das sind die Betriebe, die aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung später eingestellt haben. In diesem Bereich erwarten wir auch, dass für das nächste Jahr weniger ausgebildet wird. Das Schwierige dabei ist, dass das ausgerechnet die Hochtechnologieberufe wie zum Beispiel Industriemechaniker oder Mechatroniker sind. Bedauerlicherweise sind die Rückgänge in den Berufen, die wir zukünftig brauchen und für die wir heftig die Werbetrommel rühren – die Mint-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik).

BZ: Die Ausbildungsverträge sind jetzt aber wahrscheinlich alle schon unter Dach und Fach. Gibt es jetzt im Herbst überhaupt noch die Möglichkeit, in eine Ausbildung einsteigen zu können?
Höltzen-Schoh: Die meisten Verträge ja. Dennoch gibt es immer wieder einzelne Möglichkeiten, in einen Ausbildungsvertrag einzusteigen, etwa wenn jemand doch lieber studiert und seinen Platz wieder abgibt. Offene Ausbildungsstellen gibt es auch immer noch in Branchen, die vermeintlich unattraktiv sind.

BZ: Welche Branchen sind das?
Höltzen-Schoh: Das sind traditionell soziale Berufe oder der Hotel- und Gaststättenbereich. Obwohl es einerseits Jugendliche ohne Ausbildungsplatz gibt, können offene Stellen in der Gastronomie oder Hotellerie nicht besetzt werden. Das gilt sowohl für Freiburg, die Ortenau und den Hochrhein.
BZ: Warum sind diese Branchen denn so wenig trendy?
Höltzen-Schoh: Das hat mehrere Gründe. In erster Linie prägt natürlich die Umgebung. Eltern und Freunde raten zu einem vermeintlich besseren Beruf, obwohl das gar nicht so ist. Auch in den Bürojobs gibt es heute nicht mehr den Feierabend um 16 Uhr oder ähnliche, vermeintliche Vorteile. Berufe im Hotel- und Gaststättenbereich oder im Nahrungs- und Genussmittelgewerbe haben zudem kein hohes Sozialprestige. Die Lehrstellen werden einfach nicht mehr besetzt.

BZ: Umgekehrt: Welche Berufe sind denn in Mode?
Höltzen-Schoh: Das sind seit Jahrzehnten eigentlich die gleichen. Da haben Sie immer wieder Déjà-vu-Erlebnisse. In Mode bei den Jungs ist der Industriemechaniker oder der Kraftfahrzeugmechatroniker, gefolgt von kaufmännischen Berufen. Bei den Mädchen sind kaufmännische Berufe aber ebenfalls sehr beliebt. Mehr Jungs als Mädchen wollen Koch werden, der Verkauf rangiert in einem mittleren Bereich. Mädchen haben auch großes Interesse an medizinischen Berufen wie den der medizinischen Fachangestellten. Im Trend liegen oft Medienberufe, wo sich immer wieder neue Berufsbilder entwickeln.

BZ: Gibt es, was das Angebot und die Nachfrage angeht, eigentlich regionale Unterschiede?
Höltzen-Schoh: Extreme Unterschiede. Im Ortenauer Kreis besteht, wie schon genannt, ein großer Metall- und Elektrobereich. Der Hotel- und Gaststättenbereich ist dort in der Menge gar nicht so vertreten, auch die kaufmännischen Bereiche, der Verwaltungs- und der soziale Bereich sind dort deutlich kleiner als in Freiburg. In Freiburg ist das gerade umgekehrt. Dort gibt es die Kliniken, die Gerichte und Behörden oder die Universität. In Lörrach spielt die Industrie am Hochrhein, auch die Chemie, eine große Rolle.

BZ: Was machen dann die Jugendlichen aus der Ortenau, die gerne einen Verwaltungsjob hätten?
Höltzen-Schoh: Die sollten sich auch in Freiburg bewerben.

BZ: Sind die dann tatsächlich so mobil?
Höltzen-Schoh: Nein, das sind sie nicht. Der überwiegende Teil der Jugendlichen will dort eine Ausbildung machen, wo er lebt. Ein bisschen anders ist es vielleicht im Hochschwarzwald. Von dort kommen Jugendliche auch zur Ausbildung in die Stadt. Die Freiburger dagegen würden nur ganz schwer etwa nach Neustadt oder nach Waldkirch gehen. Deshalb bleiben auch manchmal Ausbildungsstellen unbesetzt. Wer ein festes berufliches Ziel vor Augen hat, ist häufiger bereit, seinen Wohnort den Gegebenheiten des Ausbildungsmarktes anzupassen.
BZ: Neben den betrieblichen Ausbildungen gibt es auch schulische? Wie groß ist da die Konkurrenz?
Höltzen-Schoh: Sehr groß. Vor allem in den Ballungsgebieten streben die Jugendlichen oft in schulische Ausbildungen. Sie setzen zum Beispiel dem Realschulabschluss noch das Abitur drauf`oder wählen generell eine schulische Berufsaubildung. Als die Konjunktur noch besser war, konnten sich die Betriebe um die guten Auszubildenden reißen. Jetzt wollen manche jungen Leute lieber in die Warteschiene, weil sie glauben, in der Wirtschaft ist es jetzt gerade nicht so toll. Eine weitere schulische Ausbildung wird dann vorgezogen. Negativer Effekt ist, dass dann häufig nur die Bewerber übrig bleiben, die Probleme haben.

von bex
am Di, 22. September 2009

Badens beste Erlebnisse