Hilfe, auch gegen die Einsamkeit

BZ-SERIE (TEIL 5): In Lenzkirch baut der sozial caritative und gemeinnützige Verein Füreinander – Miteinander auf nachbarschaftliche Hilfe.

Die Menschen werden immer älter. In nur einem Jahrhundert haben die Menschen in Deutschland 20 Jahre an Lebenszeit gewonnen. Zwei Jahrzehnte, in denen sie zum Ende ihres beruflichen Lebens die Freuden des Ruhestands länger genießen können. Diese erfreuliche Entwicklung zu einem Mehr an Lebensjahren kann aber auch eine Schattenseite haben. Dann nämlich, wenn Krankheiten, körperliche Gebrechen oder einfach schwindende Kräfte die Wege zum Arzt, zum Einkaufen oder einen Spaziergang an der frischen Schwarzwaldluft immer länger und mühsamer werden lassen. Wenn sich das Gefühl einstellt: Ich schaffe das alles nicht mehr.

Weitere Faktoren, wenn etwa der Lebenspartner oder nahestehende Freunde sterben, die Kinder in andere Regionen wegziehen, können dieses Gefühl verstärken, das Menschen geradewegs in die Vereinsamung führen kann.

Einen wichtigen und hilfreichen Gegenpunkt zu dieser Gefühlslage setzt in Lenzkirch der gemeinnützige Verein Füreinander – Miteinander und baut dabei ganz auf die Nachbarschaftshilfe. Hervorgegangen ist der Verein aus dem vor zwei Jahren von der EU geförderten Projekt "Lebensqualität durch Nähe". Aus diesem Projekt ging zunächst der Arbeitskreis "Altwerden in gewohnter Umgebung – seniorenfreundliches Lenzkirch" hervor, der sich in den sozial caritativen Verein wandelte. Der Verein bietet seither auf der Grundlage von bürgerschaftlichem Engagement seine breitgefächerten Hilfen für kranke, behinderte oder ältere Menschen an. Nur der Pflegebereich ist ausgenommen und stellt kein Tätigkeitsfeld für den Verein dar. Das Einsatzgebiet ist dabei auf Lenzkirch und seine Ortsteile Kappel, Saig, Raitenbuch und Grünwald beschränkt. Anfragen aus Nachbarorten müssen deshalb abgelehnt werden.

Der Verein Füreinander – Miteinander kann auf 25 Helfer und Helferinnen im Alter von 17 bis 75 Jahren zurückgreifen. Deren Einsatzgebiete reichen von einfachen Fahrdiensten zum Einkaufen oder zum Arztbesuch über Hilfe im Haushalt oder bei Gartenarbeiten, Unterstützung während der langen Winterzeit bei Räum- und Streudiensten rund ums Haus, Begleitung bei Spaziergängen bis zu einem nachmittäglichen Plausch oder einer geselligen Spielerunde. Am häufigsten gefragt sind dabei die Haushaltsdienste. Hierbei geht es aber nicht um gewöhnlichen Putzdienst in den Wohnungen, sondern um besondere Tätigkeiten wie das Ab- und Aufhängen von Gardinen an den Fenstern oder Abstauben der Wohnzimmerschrankwand. Vieles, wofür man auf Trittleitern steigen und über Kopf arbeiten muss. Dies traut sich manch eine(r) im höheren Alter nicht mehr zu.

Knapp zwei Dutzend Personen haben für sich die regelmäßige Hilfe des Vereins angefordert und bekommen dafür zehn Euro pro Stunde in Rechnung gestellt. Mit acht Euro je Stunde werden die Helferinnen und Helfer belohnt.

Aus diesen Hilfsleistungen sind auch schon erste Freundschaften hervorgegangen. So hat eine Seniorin ihre Helferin eingeladen, mit ihr einen Urlaub zu verbringen. Und an Weihnachten lud eine Helferin drei Alleinstehende zu sich nach Hause ein, um die Stunden gemeinsam zu verleben. So entwickelt sich aus der Nachbarschaftshilfe auch ein Mittel gegen Vereinsamung.

Die Einsätze der Nachbarschaftshilfe werden von Monika Pitschuch und Johanna Friedrich vom Büro des sozial caritativen Vereins im Erdgeschoss des Kurhauses aus koordiniert. Der Verein hat so zwei feste Arbeitsplätze geschaffen. Den Büroraum stellt die Gemeinde Lenzkirch zur Verfügung.

Füreinander – Miteinander hat sich im Juli 2011 gegründet und zählte am Ende des ersten Vereinstages 33 Mitglieder. Heute wird er von rund 120 Mitgliedern unterstützt. Sie zahlen 15 Euro Mitgliedsbeitrag, Paare berappen 20 Euro und Firmen und Institutionen sind mit 50 Euro im Jahr bei der guten Sache für die Senioren dabei.

Seit der Gründung führt Daniela Fiedler den Verein und sie zieht ein überraschend positives Fazit. Der Verein setze auf tatkräftige Hilfe und die werde angenommen. Denn die Unterstützung werde dringend gebraucht. Erst diese Hilfe, von deren Nachfrage Fiedler selbst überrascht worden ist, ermöglicht es vielen Menschen, in ihrer vertrauten Umgebung alt zu werden – dort, wo sie zu Hause sind.

Alle Texte der Serie finden Sie gesammelt in unserem Online-Dossier unter mehr.bz/serie-demografie
von Ralf Morys
am Do, 25. April 2013

ZAHL DES TAGES

23

In Baden-Württemberg ist bereits jeder 23. Einwohner 85 Jahre oder älter. Insgesamt gehören rund 266 000 Personen der Altersgruppe der Hochbetagten an. Drei Viertel dieser sehr alten Menschen sind Frauen.  

Autor: rys


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