"Ich ließ aufsitzen, brachte ein Hurra auf unseren Kaiser und König aus"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (3): Am dritten Mobilmachungstag werden 500 Pferde gekauft, und es gibt in Wannsee Aufregung um russische Spione.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Ab heute blicken wir Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.


4. AUGUST 1914

Otto von der Meden, Liebemühl, Ostpreußen
Ich und meine Jungens Adolph und Friedrich haben uns sofort freiwillig zum Heeresdienst gemeldet. Adi meldete sich in Spandau beim Garde- Fußartillerie-Regiment und Friedel bei der Ersatz-Schwadron eines Regiments Jäger zu Pferde in Hannover. Ich kaufte sofort in Osterode als Militärkommission ca. 500 Pferde und 200 Ackerwagen zur Beförderung von allerhand Kriegsmaterial an. In zwei Tagen mussten die Pferde und Wagen ausgehoben sein. Ich konnte dem Generalkommando Allenstein melden, dass ich genügend Pferde angekauft hätte. Während des Ankaufsgeschäftes erhielt ich schon die Anfrage, ob ich für den erkrankten Hauptmann von Mandel die Führung der 6. Artillerie- Munitions- Kolonne übernehmen wollte. Ich willigte natürlich ein und musste am dritten Mobilmachungstage zwei Stunden nach beendigtem Pferdeankauf mit der Kolonne ausrücken. Sie bestand aus ca. 25 Munitionswagen mit Vorder- und Hinterprotze, 180 Kanonieren, 180 Pferden und zwei Offizieren. Alles nigelnagelneues Material. Jeder Rock, jede Hose, jeder Wagen, alles neu. Ich ließ aufsitzen, brachte ein Hurra auf unseren Kaiser und König aus, und fort ging es in den Krieg. Ganz so einfach war das nun allerdings nicht. Die Pferde, die an Kummetgeschirre nicht gewöhnt waren, sondern vom Lande her nur Brustblattgeschirre, wollten nicht anziehen. Schließlich ging es aber. Um 4 Uhr nachmittags verließen wir Osterode, und um 9 Uhr abends waren wir im ersten Quartier in dem kleinen Städtchen Liebemühl.

Annemarie Pallat, Wannsee
In Wannsee tragikomische Aufregung über 24 Autos mit russischem Gold und Spionen, die hier durchkommen sollen und aufgehalten werden müssen, am Rathaus große Absperrung der Chaussee. Ich fuhr per Rad nach Nikolassee zur Versammlung des Vaterländischen Frauenvereins, aber es war viel zu voll. In Berlin tritt der Reichstag zusammen, feine Thronrede des Kaisers, Einigkeit mit den Sozialdemokraten.

Gertrud Blanckenhorn, Kassel
Nun möchte ich nur irgendwo helfen, aber ich kann ja nicht fort, Papa will es nicht. Ich schäme mich so, nicht mitmachen zu können. Einzelschicksale gibt es nicht mehr, nur Deutschlands Geschick zu bedenken.
Milly Haake, Hamm
Die Deutschen drei russische Städte eingenommen. Hurra! Montag hat Russland den Krieg erklärt. Heute ist Notabiturium, und Donnerstag fährt Wilhelm nach Paderborn. Es wurde gesagt, dass bald der Landsturm aufgeboten wird. Dann muss Enzio auch mit, o Schreck. Und doch freu ich mich in einer Beziehung, denn ich glaube, dass er sehr tapfer sein wird. Montag Morgen habe ich ihn getroffen und bin mit ihm gegangen. Ich nenne ihn nur Enzio, weil ich finde, dass das der schönste Jungensname ist. Ich hab mal eine Geschichte gelesen von Bertha Josephson- Mercator: "Unter Jerusalems Toren" heißt sie, doch ursprünglich "Gott will es". Fein, o ganz wunderbar schön. Da hieß auch einer Enzio, und den mocht ich auch so gern leiden.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie      unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Mo, 04. August 2014


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