"Ihre Stärke sind die leisen Töne"

BZ-SERIE: Der 85-jährige Willi Bechtold kennt die Geschichte der Bollschweiler Orgel gut – sie stand einst in Freiburg-Günterstal.

BOLLSCHWEIL. Während des Krieges wurden häufig Orgelpfeifen eingeschmolzen, um das Material in der Rüstungsindustrie zu verarbeiten. Ersetzt wurden sie durch Pfeifen aus minderwertigem Zink. Auch die Pfeifen der Bollschweiler Orgel in der St. Hilarius Pfarrkirche waren nicht aus der sonst üblichen Zink-Blei-Legierung. "Die Orgel wurde aus sogenanntem Kriegsmaterial von der Firma Welte und Söhne aus Freiburg 1942/43 für die Bollschweiler Kirche gebaut", erzählt Willi Bechtold. Er war fast 50 Jahre lang Organist in Bollschweil und kennt die Geschichte der Pfarrkirche gut.

Die Bollschweiler Orgel aus Kriegszeiten musste in den achtziger Jahren weichen, konnte sie doch wegen ihres schlechten Materials nicht angemessen restauriert werden. Man fand Ersatz: Die frühere Orgel der Liebfrauenkirche in Freiburg-Günterstal, erbaut von Johann-Heinrich Schäfer, einem Orgelbauer aus Heilbronn. Sie war seit 1975 bei der Firma Fischer und Krämer eingelagert, da sie unter Denkmalschutz steht. Sie hat zwei Manuale und ein Pedal, die gekoppelt werden können. 15 Register schaffen einen kräftigen Kla ng. "Wobei die Stärke der Orgel die leisen Tönen sind", wie Bechtold weiß.

Die Orgel scheint optisch wie geschaffen für die Bollschweiler Kirche, fügt sie sich doch perfekt in den Weinbrennerstil der Kirche ein. Diese beeindruckt durch ihre farbenfrohe und flächige Bemalung. Die Orgel passt sich durch ihre einfache Holzfront mit goldenen, aber dezenten Verzierungen an diese Umgebung an.

Die Orgelfirma Fischer und Krämer aus Endingen am Kaiserstuhl restaurierte die Orgel aus Günterstal und baute sie in St. Hilarius ein. 1984 fand die Orgelweihe statt. Die Pfarrgemeinde rief damals zur Pfeifenpatenschaft auf. Für 100 bis 1300 Deutsche Mark konnten Bollschweils Bürger eine Pfeife stiften, je nach Belieben aus den Zwischenfeldern, den Seitentürmen oder dem Mittelturm des Prospekts. Die Pfeifentöne konnten ebenso ausgesucht werden. Die Namen der Spender wurden auf den Pfeifen verewigt.

Auch Willi Bechtold hat eine Pfeife gestiftet: "Die größte hier in der Mitte, die ist von mir", sagt er fast ein bisschen stolz. Dass er damals finanziell half, war für ihn selbstverständlich. Hat er doch jahrelang das Gemeindeleben in Bollschweil mitgestaltet und tut es immer noch. Er kam einst als junger Dorflehrer nach Bollschweil, nachdem er sechs Jahre in Sölden unterrichtet hatte. 1965 übernahm er dann in seiner Freizeit die Leitung des Kirchenchores Bollschweils und das Orgelspiel bei Gottesdiensten. "Ich war immer eingebunden, das ganze Privatleben hat sich nach den Gottesdiensten gerichtet, jetzt genieße ich schon ein bisschen meine Freizeit", sagt er heute. Die Stelle als Organist hat er erst vor einem Jahr abgegeben an einen Jüngeren. Der 85-Jährige begleitet aber immer noch den Gottesdienst am Donnerstag.

Das hat er schon als Jugendlicher in seiner Heimat im Odenwald gemacht. Mit 17 Jahren hatte er Zuhause ein Harmonium und übte zusätzlich an der Orgel seiner Kirchengemeinde. Beim Gedanken daran muss Bechtold herzhaft lachen: "Ich konnte dort nicht oft üben, mir hat meist eine zweite Person gefehlt." Ein sogenannter Kalkant oder Balgtreter muss bei alten Orgeln im Gehäuse stehen und den Wind erzeugen, durch den erst Klang entstehen kann. Heute funktioniert das meist elektronisch.

Auch die Bollschweiler Orgel funktionierte einst durch Menschenkraft. Ein Knopf neben den Registerzügen weist noch darauf hin. "Den hat man als Organist kurz vor dem Spielen gedrückt und damit ein Klingeln in der Orgel ausgelöst, damit der da hinten wusste, dass er schon mal mit Treten anfangen kann." Nur so war die Windlade zu Beginn des Orgelspiels auch mit Luft gefüllt und konnte dann den Luftstrom durch die Pfeifen leiten und so einen Klang erzeugen.

"Die Musik hat mir schon oft im Leben geholfen"

Bald schon gründete Bechtold als Jugendlicher auch den Kirchenchor in seiner Heimatgemeinde. "Ich hatte keine Ahnung, wie man so etwas macht, aber das hat gut geklappt", erzählt er. Durch die Ausbildung zum Lehrer kam er nach Freiburg und schließlich nach Bollschweil. Nachdem er Bollschweils Kirchenchor 26 Jahre geleitet hat, singt er noch als Tenor mit. "Musik ist wichtig für mich, sie hat mir schon oft im Leben geholfen", sagt er. Schwere Schicksalsschläge konnte er nur mit Hilfe der Musik überstehen, da ist sich Bechtold sicher.

Sobald er an der Orgel sitzt, fallen ihm seine liebsten Lieder ein, die seine Finger automatisch zu spielen scheinen. "Für ‚Heilig, heilig‘ brauche ich keine Noten", sagt er schmunzelnd. Mit weicher Stimme singt er dazu. Man spürt, dass er mit Leib und Seele Orgel spielt. Denn wie er sagt: "Der Klang der Orgel ist im wahrsten Sinne des Wortes himmlische Musik."
von Sophia Hesser
am Mo, 16. März 2015

SCHÄFER-ORGEL

- Von Johann Heinrich Schäfer 1868 erbaut für Freiburg-Günterstal, seit 1984 in Bollschweil (restauriert und eingebaut von Fischer und Krämer)

- 15 Register
- 911 Pfeifen

- Letzte Komplettreinigung 2010 durch Orgelbaumeister Andreas Weber

Weitere Teile der BZ-Orgelserie gibt es unter mehr.bz/orgelserie
 

Autor: she

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