"In einem Schützengraben eine Tafel Schokolade verzehrt"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (24): Die Regimente kommen unter Verlusten voran, in blutigen Kämpfen werden Ort- und Landschaften zerstört.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen, und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

28. AUGUST 1914

Ernst Eberlein, Breslau, Schlesien

Das Schussfeld der Geschütze war frei zu machen. An der Weide wurde Schilf geschnitten. (...) Herrliche alte Bäume der Hundsfelder Chaussee, die viel Schatten gespendet hatten, dreißigjährige Akazien und Erlen, fielen der Axt zum Opfer. Es tat einem wehe, so viel zu zerstören. Welche Veränderungen schon in der Heimat, welche Bilder mag die Front bieten!

Josef Glaser, Janówka,
Russisch-Polen


Mit Hauptmann Ecker und den Kompanie-Kameraden in der offenen Strohkammer geschlafen. Um ½ 5 Uhr aufgestanden. Festgestellt, dass von meinem Zuge nur ein Mann fehlt. Es wird angenommen, dass die ersten Schüsse von einer Kosakenpatrouille abgefeuert worden sind, worauf in der Dunkelheit und ersten Verwirrung das 9. und 10. Regiment sich gegenseitig beschossen. Verluste des 9. Regiments: 25 Tote, darunter Hauptmann Hrasche der 5. Kompanie, und siebzig Verwundete. (...) Auf einer Anhöhe hinter dem Dorfe steht eigene Artillerie, Infanterie ist zum Gefechte entwickelt. Oberst von Reyl sprengt vorüber und ruft: "Es gilt die Ehre des Regiments, haltet euch wacker." Das Regiment entwickelt sich. Meine Kompanie kommt zunächst in die Feuerlinie am rechten Flügel, dann als Geschützbedeckung in die Mitte. In einem Schützengraben eine Tafel Schokolade verzehrt und den Beginn des Tanzes erwartet. Es ist noch kein Schuss gefallen, da geht das Regiment wieder in Marschkolonne über und marschiert weiter. (...) Bei Antonówka die ersten toten Russen gesehen, von der Hitze aufgedunsen. Totes Vieh liegt umher. Zerschmetterte Gewehre, Haufen von 93 Patronenhülsen lassen auf einen harten Kampf deuten. Die Mannschaft verzehrt mit Gier das halbreife Obst, das längs der Dorfstraße zu erreichen ist. Hinter dem Dorfe steht eine Tonwarenfabrik mit angeschossenem Schornstein.(...)

Otto Gehrke, Romerée, Belgien

Abmarsch durch die Kolonnen des 11. Armeekorps, welches nach Russland befördert wird. Alle Augenblicke stoppt der Marsch. Durch Dinant, welches dasselbe Schicksal wie Andenne erlitten hat. Franzosen haben alles zurückgelassen. Unsere Artillerie hat dem Feind bös zugesetzt. Ganze Bespannungen und Bedienungen liegen zerfetzt umher. An anderer Stelle ist ein Felsblock von 2 m im Durchmesser zwei Pferden auf den Rücken gefallen, vollständig zerquetscht. Alle Ortschaften zerstört. (...) Weiter geht’s der Grenze zu, um ½ 4 Uhr über steile Höhen geht es schweißtriefend durch Wald weiter. An einem Kirchhofe haben blutige Kämpfe stattgefunden. An fünfzig tote Franzosen liegen umher, in den Graben und Dörfern liegen Pferdekadaver. In einem Garten liegen deutsche Soldaten begraben, Helme, Seitengewehre zieren das Grab. Ein sehr trauriges Bild, dazu ekelhafter Gestank.

Meta Iggersheimer, Amberg

In Odessa herrscht seit einer Woche Revolution. König Ludwig im Feld. Glänzender Siegeszug nach Frankreich.

Clara und Josephine Bohn,
Ingersheim, Elsass-Lothringen


Heute sind es schon acht Tage, dass die Franzosen hier sind. Um acht Uhr morgens hörte man in der Nähe von Sigolsheim Flintenschüsse. (...) In der Kirche wurde die Orgel total zerstört, die Knabenschule ebenfalls, so dass sie zum Schulunterricht untauglich ist, zum größten Vergnügen der Schulbuben. (...)

Oberst a. D., Schlesien

Vormittags traf die erfreuliche Nachricht ein, dass Franzosen und Engländer bei Maubeuge geschlagen seien. Hoffentlich haben die Halunken von Engländer möglichst starke Verluste, von diesen Schweinehunden dürfte keiner entkommen. Endlich abends 8 Uhr brachte G. freudestrahlend zwei Karten von unserem lieben P. Die Freude war übergroß, und alle Angst war vorüber. Aber was haben wir ausgestanden!

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Do, 28. August 2014

Badens beste Erlebnisse