Ein lange verschollenes Kleinod

In Niederrotweil steht die älteste Orgel des Breisgaus

Über 300 Jahre alt ist die Orgelgeschichte der Kirche St. Michael. Und ohne Übertreibung lässt sich sagen: Es ist eine dramatische Geschichte.

Dem ersten Instrument aus dem Jahr 1712 war keine lange Lebensdauer beschieden. Schon nach 27 Jahren wurde es durch eine andere Orgel ersetzt. Um 1820 wurde diese in die nahe Wallfahrtskirche St. Pantaleon gebracht. Seinerzeit befand sich die Niederrotweiler Kirche in einem jammervollen baulichen Zustand und stand vor dem Abriss. 120 Gulden soll die Kirchengemeinde für die Veräußerung der Orgel bekommen haben.

1833 musste die St. Nikolaus-Kapelle in Oberrotweil wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Ihre Orgel, ein Instrument aus der Werkstatt des Burkheimer Orgelbauers Adrien Joseph Pottier aus dem Jahr 1759, wurde eingemottet, bis die Niederrotweiler Kirche einige Jahre später aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und wieder Pfarrkirche wurde. In ihr fand die Pottier-Orgel aus St. Nikolaus ein neues Zuhause. Allerdings glaubte man lange, das Instrument stamme von Johann Georg Fischer aus Freiburg. Erst im Zuge der Restaurierungsarbeiten im Jahr 1983 erkannten Fachleute, dass die Orgel Pottier zuzuschreiben ist.

Während des Ersten Weltkriegs entfernte man ihre Prospektpfeifen und gab sie der Metallsammlung. "Orgelpfeifen zu Kanonen", könnte man verkürzt sagen. 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, sah sich die Pfarrei gezwungen, weitere aus Zinn gebaute Register als Altmaterial einem Freiburger Silberschmied zu verkaufen. Beschlossen war auch schon, die ganze Orgel als "künstlerisches Gehäuse" anzubieten, um die Kasse der klammen Pfarrei aufzubessern. Zum Glück fand sich dafür kein Abnehmer.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Orgel erneut in Mitleidenschaft gezogen, musste abgebaut und eingelagert werden. Erst 1979 entdeckte Hermann Brommer aus Merdingen das in Teile zerlegte Instrument auf dem Kirchenspeicher. Unter Pfarrer Alois Linz begann darauf die Rekonstruktion des Orgeltorsos.

Für die dafür notwendigen öffentlichen Zuschüsse setzte sich besonders der damalige Landesinnenminister und spätere Bundespräsident Roman Herzog ein. Mit diesem Geld und zahlreichen Spenden konnte Professor Hans-Wolfgang Theobald von der Orgelbauwerkstatt Klais aus Bonn das Instrument restaurieren. Der ältesten Orgel des Breisgaus wurde so neues Leben eingehaucht. Am 16. September 1984 erfolgte ihre feierliche Wiedereinweihung.

Roman Herzog setzte sich für die Restaurierung ein

Die Niederrotweiler Orgel hat ein Manual mit zehn Registern und das Pedal verfügt über drei Register. Die Mechanik des Instruments ist voll funktionsfähig. Die drei Blasebälge können per Hand bedient werden, lassen sich aber auch auf elektrischen Antrieb umschalten. "Viele Organisten kommen nach Niederrotweil, um auf unserer Orgel zu spielen", erzählt Franz Wintermantel, der Vorsitzende des Fördervereins der St. Michaelskirche. Einige von ihnen würden auf den Handbetrieb der Blasebälge bestehen, weil das heute eine Seltenheit ist.

Da der Kirchenraum nicht beheizbar ist, wird die Orgel während der Wintermonate stillgelegt. In der Saison zwischen Mai und Oktober veranstaltet der Förderverein der Kirche jedoch alljährlich eine Serie mit zehn Konzerten, bei denen die über 250 Jahre alte kleine Pottier-Orgel ihren Klangzauber entfalten kann.

Pottier-Orgel

Die Orgel der Kirche St. Michael in Niederrotweil wurde 1759 von Adrien Joseph Pottier, einem Orgelbauer aus Burkheim, für die St. Nikolaus-Kapelle in Oberrotweil gebaut. Sie gilt als die älteste Orgel des Breisgaus. Erst im 19. Jahrhundert kam sie nach St. Michael. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Instrument abgebaut und auf dem Kirchenspeicher gelagert. Anfang der 1980er Jahre erfolgte ihre Restaurierung, seit 30 Jahren ist sie wieder in Betrieb.
von Kai Kricheldorff
am Fr, 19. Dezember 2014 um 15:38 Uhr

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