Instrument auch für Ornithologen

BZ-SERIE: Holzhausens Orgel hat eine Besonderheit: einen klappernden Storch und eine heisere Lerche.

MARCH. Ihr heutiges Gesicht hat die Kirche St. Pankratius seit 1782. Die aktuelle Orgel allerdings beherbergt das Gotteshaus erst seit 14 Jahren. Aber das instrumentale Schmuckstück, das im Jahr 2001 gebaut wurde, fügt sich nicht nur optisch hervorragend in den barocken Kirchenraum ein, sondern auch klanglich. Allerdings befinden sich im schmucken Holzgehäuse neben den üblichen Seilzügen, Luftschläuchen und natürlich Pfeifen auch ein Autofensterhebermotor, ein klappernder Storch und eine heisere Lerche.

"Zuvor gab es hier lauter Gebrauchtorgeln", sagt Markus Zimmermann, Musikwissenschaftler und Orgelkenner, der Margot Zimmermann, die Organistin von St. Pankratius, heute in Sachen Orgeltermin vertritt. Rund 100 Jahre behalf man sich in Holzhausen mit ausgemusterten Instrumenten aus anderen Kirchen. Im Jahre 2001 wurde die heutige Orgel eingeweiht, die ganz in der Nähe, im Teilort Hugstetten, bei der Firma Freiburger Orgelbau Späth speziell für die Holzhauser Kirche gebaut worden war.

Das hölzerne Gehäuse und der Orgelprospekt greifen ihr barockes Umfeld auf, ohne dabei historisierend zu wirken. Eine Wechselschleifenkonstruktion sorgt dafür, dass fast alle Register von beiden Manualen anspielbar sind. "Das erlaubt eine gewisse Flexibilität", erklärt Zimmermann, setzt sich an den Spieltisch und zieht im Wortsinne alle Register. Dank Schwellwerk wird "die besonders schöne Oboe zum dezenten Fagott". Zu beachten sei der Tremulant, der Töne zittern lässt. Wahrhafte Sphärenklänge lassen sich mit einem absichtlich verstimmten Register erzeugen. "Die Kleine kann mit wenigen Handgriffen zu einer veritablen, dicken Orgel mutieren", erklärt Zimmermann und lässt mutieren. Allerdings kann die Orgel auch sehr zurückhaltend sein, was sie "sehr mischfähig" macht – damit soll gesagt sein, dass sie sich hervorragend mit weiteren Instrumenten kombinieren lässt und sich so gut für Konzerte eignet.

Ebenfalls geeignet ist das Instrument für ein breites Spektrum an Orgelliteratur. Ob der Klassiker Bach, "die ganzen älteren Sachen" oder englische sowie französische Orgelmusik – das junge Klangwunder macht’s möglich. Aber die Orgel hat zudem noch eine Überraschung im Bauch: Auf Knopfdruck erscheint ein veritabler Klapperstorch auf dem ehrwürdigen Instrument und klappert, was das Zeug hält.

Zimmermann lacht. Meister Adebar käme besonders bei Hochzeiten zum Einsatz. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Mechanische Gimmicks haben im Orgelbau eine lange Tradition, erläutert Zimmermann. Die Gründe lagen zunächst darin, dass der Kirchenbesucher den Organisten beim Spiel nicht sieht. So hatte man zum Teil auf den Orgeln mechanisch betriebene musizierende Engel angebracht, die auch unten vom Chorraum aus zu sehen waren und sich alsbald – dann mit allerlei wechselndem Personal von der Tänzerin bis zum Tambour-Major – als recht buntes Völkchen auf ihren weltlichen Verwandten, den Jahrmarktsorgeln wieder fanden. Wo eine ernste Absicht ist, ist der Humor oft nicht weit. Bald entstanden allerlei kauzige Wesen in den Orgeln, die entweder realen Tieren nachempfunden waren, wenn beispielsweise der örtliche Geistliche Ochs hieß, oder aber Wolpertinger artige Mischwesen wurden, wenn zeitgleich Bürgermeister und Pfarrer auf die Schippe genommen werden sollten. Im Falle Holzhausen hatte zunächst eine Lerche Einzug in die Orgel gehalten, denn von 1984 bis zum Jahre 2003 hatte Michael Lerchenmüller die Pfarrstelle inne. Der kleine Singvogel ist inzwischen aber arg heiser – der Wasserbehälter, der für das typische Gezwitscher sorgt, müsste aufgefüllt werden. Da der Pfarrer ohnehin fort ist, das Storchennest auf dem Kirchturm jedoch alljährlich wieder von den großen Schreitvögeln bezogen wird, hat man kurzerhand umgesattelt. Mittels eines Autofensterhebermotores kann nun ein Storch hervorgezaubert werden. Auch sein neckisches Klappern verdankt der bunte Vogel dem Bauteil aus der Kfz-Werkstatt.
von Julius Steckmeister
am Sa, 24. Januar 2015

SPÄTH-ORGEL

- Firma: Orgelbau Späth, Hugstetten

- Baujahr: 2001

- Register: 17 mit zwei Manualen

- Pfeifen: 936

Weitere Teile der BZ-Orgelserie gibt es unter mehr.bz/orgelserie
 

Autor: just

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