Auftakt der BZ-Serie "Namen in der Region"

Interview mit dem Familiennamen-Fachmann Konrad Kunze: "Namen sind wie Fossilien"

In den kommenden Wochen erklärt er in der BZ, welche Wurzeln Namen haben, die im Breisgau häufig vorkommen und in der Region als typisch gelten. Zum Auftakt unserer Namens-Serie haben wir Konrad Kunze interviewt.

Der fünfte Band des Deutschen Familienatlasses ist gerade erschienen. Veröffentlicht hat ihn der emeritierte Germanistikprofessor Konrad Kunze. In den kommenden Wochen wird der 76-Jährige in der BZ die Herkunft häufig in Südbaden vorkommender Familiennamen erläutern, damit so manches Geheimnis lüften und den einen oder anderen Irrtum aufklären. Zum Auftakt der Serie hat Kathrin Blum den Sprachwissenschaftler zum Gespräch getroffen.
"Der schönste und sympathischste Name von allen ist, wie ich finde, Schätzle."
BZ: Herr Kunze, einer der journalistischen Grundsätze lautet: Namen sind Nachrichten. Woher kommt Ihr eigener Name?
Kunze: Dahinter steckt der Rufname Konrad. Aus Heinrich wird bei vertraulicher Anrede Heinz oder Heinze, aus Friedrich Fritz oder Fritze und aus Konrad Kunz oder Kunze. So gesehen bin ich ein doppelter Konrad. Weil es früher so viele Heinrichs und Konrads gab, entstand auch die Bezeichnung Hinz und Kunz, die so viel bedeutet wie: jedermann.

Fünf klassische Merkmale von Nachnamen

BZ: Seit wann gibt es Nachnamen?
Kunze: Bei uns in Südwestdeutschland seit rund 800 Jahren. Mitte des 13. Jahrhunderts trug schon die Mehrzahl der Menschen in Freiburg einen Familiennamen. In anderen Regionen und auf dem Land kam das teilweise erst später, in Norddeutschland etwa seit Anfang des 14. Jahrhunderts. Die Ostfriesen waren die Letzten. Sie bekamen erst 1809 Familiennamen.

BZ: Wie wurden die Familiennamen festgelegt?
Kunze: Es gibt fünf Merkmale, nach denen Menschen früher unterschieden wurden. Erstens: nach dem Vater oder der Mutter. Das in Schleswig-Holstein verbreitete Petersen etwa bedeutet nichts anderes als ’Sohn des Peter’. Zweitens: nach der Wohnstätte. Es gab Hans an der Kirche oder Hans am Bach. Drittens nach der Herkunft – also Hans, der Schwarzwälder oder Hans aus Breisach. Das vierte Unterscheidungsmerkmal war der Beruf: Hans, der Schuhmacher. Oder aber, fünftens, die Unterscheidung nach Aussehen oder Charakter. Hans, der Dicke. Oder: Hans, der Blöde.

BZ: Welche Familiennamen sind typisch für Südbaden und auch nur hier vertreten?
Kunze: Wehrle, Winterhalter oder auch Rombach sind dafür Beispiele. Der schönste und sympathischste Name von allen ist, wie ich finde, Schätzle.

BZ: Wann haben Sie begonnen, nach der Herkunft von Namen zu forschen?
Kunze: Seit etwa 25 Jahren beschäftige ich mich mit Familiennamen. Davor habe ich mich dann und wann mit der Herkunft von Orts- und Flurnamen befasst.

"Sogar Krankheiten lassen sich von Namen ableiten."
BZ: Namen scheinen nicht nur Sie zu faszinieren, sondern auch die vielen Zuhörer, die Sie regelmäßig zu einschlägigen Vorträgen locken. Woran liegt das?
Kunze: Dafür gibt es mehrere Gründe. Der größte Teil unserer Sprache besteht aus Namen. Im Rechtschreibduden finden Sie nur rund 130 000 Wörter. Aber allein Familiennamen zählen wir in Deutschland fast eine Million. Namen sind sprachgeschichtlich überaus aufschlussreich, denn in ihnen ist – wie in Fossilien – die alte Sprache konserviert.

BZ: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Kunze: Der Schuhmacher hieß in unserer Region im Mittelalter Suter. Dieses Wort ist längst ausgestorben, lebt aber in Familiennamen wie Sutter, Sauter oder Sütterlin fort. Übrigens kann nicht nur die Sprachgeschichte, sondern auch die Siedlungsgeschichte mit Hilfe von Namen erforscht werden. Überhaupt sind Namen Quellen für viele historische Forschungsdisziplinen. Vielen Familiennamen kann man ansehen, wo sie entstanden sind und wie weit sich die betreffenden Familien verbreitet haben. Zum Beispiel hatte jemand mit dem Namen Grozinger vor etwa 800 Jahren einen Vorfahren, der aus Bad Krozingen ausgewandert ist. Auch die Berufswelt des Mittelalters spiegelt sich in Namen wider, so war der Nonnenmacher jemand, der Schweine kastriert hat. Menschen mit dem Namen Weißbrot waren Bäcker, die nur solches Brot backen durften, jemand der Kropf hieß, hatte wohl einen solchen – oder eben seine Vorfahren. Sie sehen – sogar Krankheiten lassen sich von Namen ableiten. Im Markgräflerland gibt es häufiger den Namen Argast. Er ist auf Arbogast, einen heiligen Bischof aus Straßburg, zurückzuführen und lässt auf die Verehrung dieses Heiligen in der betreffenden Region schließen.

BZ: Kann die Namensforschung als Wissenschaft bezeichnet werden, oder spielt auch Spekulation eine Rolle?
Kunze: Sie ist eine ganz exakte sprachwissenschaftliche und historische Disziplin. Und dazu gehört auch zuzugeben, dass sich manche Dinge nicht mehr oder nur mit sehr großem Aufwand klären lassen.

BZ: Wie ist das mit Vornamen? Sind die ein eigenes Forschungsgebiet?
Kunze: Ihre Erforschung ist sehr spannend. Die Herkunft vieler Vornamen lässt sich leicht in entsprechenden Lexika nachlesen. Ich interessiere mich aber nicht nur dafür, sondern auch für die Verbreitung einzelner Namen. In der Vergangenheit war es aufgrund fehlender statistischer Daten nicht möglich, die Verbreitung kartografisch zu erfassen. Neuerdings gibt es diese Möglichkeit und dabei treten große Überraschungen zutage. Im Jahr 2000 wurde beispielsweise der Name Eugen fast nur von Personen in Baden-Württemberg getragen. Die Vornamen Hansjörg und Hanspeter sind typisch südbadisch, in anderen Gegenden schreiben sie sich Hans-Jörg oder Hans-Peter. Und Sepp nicht als Abkürzung, sondern als offizieller Name ist vor allem im Alpenraum gebräuchlich. Sie sehen: Es würde sich lohnen, einmal einen Vornamen-Atlas für Deutschland in Angriff zu nehmen.
Zur Person

Der 76-jährige Literatur- und Sprachwissenschaftler Konrad Kunze befasst sich seit rund 25 Jahren mit der Namensforschung. Der gebürtige Schwarzwälder lehrte bis zu seiner Pensionierung vor zwölf Jahren an der Uni Freiburg. Regelmäßig hält er in ganz Südbaden sehr gut besuchte Vorträge über Namensentwicklung und -verbreitung. 2009 veröffentlichte er den ersten Band des Deutschen Familienatlasses, in diesen Tagen ist bereits der fünfte von insgesamt sieben Bänden erschienen.

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von kbl
am Fr, 12. August 2016 um 10:50 Uhr

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