Familien in Südbaden

Ist die bäuerliche Familie auf dem Land ein Auslaufmodell?

Sie ist schon fast selten geworden, die bäuerliche Familie, in der auch noch die Großeltern mit unter einem Dach wohnen. Ist sie ein Auslaufmodell? Nein, sagt die Familie Eggert. Für sie hat das Familienmodell viele Vorteile.

BONNDORF-GÜNDELWANGEN. Der Begriff Familie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewandelt. Das, was einst als Familie bezeichnet wurde – Mama, Papa und gemeinsame Kinder – hat mittlerweile viele andere Formen entwickelt. Und schon fast selten geworden ist die bäuerliche Familie, in der auch noch die Großeltern mit unter einem Dach wohnen. Aber es gibt sie noch, die Bauernfamilie auf dem Land. Ein Beispiel dafür ist die Familie Eggert aus Bonndorf-Gündelwangen.

"Bei uns kann man sich immer aufeinander verlassen. Wenn man jemanden braucht, ist immer einer da", sagt die 18-jährige Tochter Michaela, für die Familie einen hohen Stellenwert hat und die auch keine Probleme mit der "Abgeschiedenheit" des dörflichen Lebens hat. Für ihren großen Bruder Andreas (23) ist das beschauliche Dorf ohnehin keine Schwierigkeit mehr. Er ist stolzer Besitzer eines Motorrades und damit unabhängig von öffentlichen Verkehrsmitteln und dem "Mama-Taxi". Außerdem: Fahrzeuge gibt es genug auf dem Bauernhof und wenn alle Stricke reißen, geht’s auch mal mit dem Traktor auf Tour.

"Urlaub? Das lässt die tägliche Arbeit auf dem Hof nicht zu."Angelika Eggert
"Ich will endlich mal ans Meer. Alle meine Freunde waren schon am Meer, nur ich nicht." Der 16-jährige Alexander spricht damit ein Thema an, das in einem bäuerlichen Familienbetrieb eigentlich kein Thema ist – nämlich Urlaub. "Ein Halbtagesausflug klappt schon mal, aber länger? Das lässt die tägliche Arbeit auf dem Hof halt nicht zu", meint dazu Mutter Angelika Eggert (45). Lächelnd fügt die dreifache Mutter an: "Unsere letzte Reise war vor 19 Jahren unsere Hochzeitsreise. Da waren wir vier Tage in Südtirol." Seither waren die Eggerts nie mehr länger als einen Tag fort. Für Angelika Eggert ist das aber kein Problem, genauso wenig wie für ihren Mann Frank (45), der den bäuerlichen Betrieb 1994 von seinem Vater übernommen hat und den vergleichsweise kleinen Hof mit viel Leidenschaft bewirtschaftet. "Die Arbeit geht hier nie aus", lacht der Landwirt und geht schon wieder ans Telefon, übernimmt er neben dem Job auf dem eigenen Hof doch auch Lohnarbeiten und da ist in Erntezeiten nun mal Nonstop-Einsatz gefragt. Noch während er davoneilt, um sich wieder auf den Traktor zu schwingen, stellt er aber klar: "Ohne die Familie wäre das alles gar nicht machbar. Aber wir halten zusammen."

Das bestätigt seine Frau Angelika gerne und sie verweist zudem darauf: "Die gemeinsame Arbeit stärkt den Zusammenhalt der Familie. Jeder weiß, dass er auf den anderen angewiesen ist." Dabei war für Angelika Eggert das Leben auf einem Bauernhof nach ihrer Hochzeit etwas ganz Neues. Sie stammt nicht aus einer Landwirtsfamilie und musste sich an die neuen Strukturen erst gewöhnen. Heute sagt sie aber: "Ein anderes Leben kann ich mir gar nicht mehr vorstellen." Nichtsdestotrotz widmet sich die Mutter nicht ganz der Landwirtschaft und den familiären Aufgaben. Sie ist seit 1987 berufstätig und arbeitet in der Touristinformation in Bonndorf. Ihr Beruf macht ihr Spaß und sie kann damit auch einen Beitrag leisten zum Lebensunterhalt der Familie.

Den Rücken frei hält ihr dabei die Oma, die mit auf dem Hof wohnt. Oma Maria Eggert ist mittlerweile 80 alt, aber noch topfit. Sie ist so etwas wie der ruhende Pol in der Familie und sie machte es auch möglich, dass Mutter Angelika trotz der Kinder ihrer Berufstätigkeit nachgehen konnte. Denn damals, als der älteste Sohn eineinhalb Jahre alt war, gab es im Dorf keine Möglichkeit einer Kleinkindbetreuung. Da war die Oma Gold wert und das ist sie noch heute. Maria Eggert sorgt täglich dafür, dass mittags ein gutes Essen auf dem Tisch steht, sie backt und kümmert sich um den Garten und auch im Stall ist die 80-Jährige noch aktiv. "Oma macht uns das Leben viel einfacher", sagen die Kinder und Michaela fügt an: "Von der Oma kann man auch sehr viel lernen."

Maria Eggert selbst lächelt, als die Familie über sie redet. Denn auch für sie selbst ist dieses Zusammenleben unter einem Dach ein großer Vorteil. "Man hat noch etwas Sinnvolles zu tun, man wird gebraucht", sagt sie und strahlt: "Ich helfe gerne, wo ich kann." Irgendwie scheint die Aufgabe in der Familie und das Wissen, dass jemand da ist, die Seniorin auch fit zu halten. Und Einsamkeit im Alter – ein Schicksal, mit dem viele Senioren zu kämpfen haben – bleibt Maria Eggert in dieser Familienform auf jeden Fall erspart.

"Man wird gebraucht und ich helfe gerne, wo ich kann."Maria Eggert
Was bedeutet den Eggerts nun Familie? "Wir sind füreinander da", sagt Angelika Eggert und präzisiert: "Wir leben miteinander und nicht aneinander vorbei." Für die 45-Jährige ist Familie Geborgenheit, geliebt und gebraucht werden, einfach das Zentrum des Lebens, das kein Geld der Welt ersetzen kann. "Wir können uns aufeinander verlassen", ergänzt die 17-jährige Michaela und Vater Frank weiß es zu schätzen, dass jeder hilft, wenn er gebraucht wird. Mit Blick auf den landwirtschaftlichen Betrieb ist allen klar, dass man mit anpacken muss. Schließlich gilt es 60 Hektar Acker- und Grünland zu bewirtschaften, das Milchvieh, Jungvieh und die Mutterkühe zu versorgen und auch die Schweine, hat der Eggerthof doch noch eine Struktur wie einst – ohne Spezialisierung auf einen bestimmten Betriebszweig.

Die Arbeit ist das eine, der Hof hat aber auch für die Kinder viele Vorteile. "Wir haben einfach viel Platz ums Haus", denken die Teenys an ihre Kindheit zurück, die sie nie und nimmer in einer Stadtwohnung hätten verbringen wollen. Andreas schätzt zudem die Tatsache, dass man "große Kärren" fahren kann und Michaela weiß, dass sie nur dank des Hofes die Möglichkeit hat, eigene Pferde zu haben – eine Sache, die der 17-Jährigen sehr wichtig ist. Sie könnte sich auch vorstellen, Bäuerin zu werden, meint Michaela, die derzeit das Gymnasium in Neustadt besucht und gar kein Problem damit hat, auf dem Land zu wohnen. "Landwirtschaft ja – aber allenfalls im Nebenerwerb", sagt hingegen der 23-jährige Andreas, der eine Ausbildung zum Industriemechaniker absolviert hat und in einem Betrieb in Bonndorf arbeitet. Der 15-jährige Alexander hingegen hat mit Landwirtschaft wenig am Hut. "Ich interessiere mich da nicht so dafür, ich will eher was im kaufmännischen Bereich machen", stellt der Realschüler klar und außerdem will er endlich mal ans Meer und das, das weiß der junge Mann, scheint als Landwirt ja nicht möglich zu sein. Einig sind sich aber alle drei Kinder, dass ein Leben in der Großstadt für sie keine Option ist.

Seitens der Eltern stehen den Kindern alle Wege offen. Angelika und Frank Eggert üben keinen Druck aus. "Keiner muss den Hof übernehmen, jeder soll aus seinem Leben das machen, was er für sich für richtig hält", lautet ihre Devise.

Wenn man die drei Generationen vereint an einem Tisch sitzen sieht, glaubt man ihnen, wenn sie sagen: "Die Familie, die Gemeinsamkeit, das Füreinander da sein steht für uns ganz oben." Und man glaubt ihnen auch, wenn sie behaupten, dass ihr Familienmodell Zukunft hat, einen Anker darstellen kann in einer immer schnelllebigeren und beziehungsärmeren Welt. "Wir würden mit niemandem tauschen wollen", sind sich Kinder, Eltern und Oma einig, sogar der Junior, der aber einschränkt: "Die Familie ist schon toll, aber ich will halt endlich mal ans Meer." Dieser Wunsch wird sich für den 15-Jährigen sicherlich auch noch mal erfüllen.
Leben auf dem Land

Die Familie Eggert lebt und wohnt in Gündelwangen, dem mit rund 540 Einwohnern größten Ortsteil der Stadt Bonndorf (insg. 6800 Einwohner). Im Dorf gibt es ein reges Vereinsleben, an dem sich auch die Eggerts aktiv beteiligen. Die Vereine sind es auch, die mit Festen und Veranstaltungen die Dorfgemeinschaft stärken.
von Juliane Kühnemund
am Do, 30. Oktober 2014 um 00:00 Uhr

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