"Jeder Einzelne ist gefordert"

Landrat Kistler appelliert an die Bevölkerung im Landkreis Waldshut / Besorgte Grenzgänger nutzen die Hotline der Kreisbehörde.

KREIS WALDSHUT (twi/dpa). "Es reicht nicht aus, sich auf den Staat zu verlassen. Jeder einzelne ist gefordert und muss einen Beitrag zur Bewältigung der Situation leisten. Ohne Ihre Mithilfe geht es nicht", appellierte am Wochenende Landrat Martin Kistler an alle Bürgerinnen und Bürger im Landkreis. Dies beginne bei der Beachtung einfacher Regeln zur Hygiene und gehe über die Akzeptanz behördlicher Empfehlungen und Anordnungen bis hin zur Reduzierung der sozialen Kontakte auf das Notwendige.

Kistler weiter: "Ich weiß, dass wir Ihnen damit erhebliche Einschränkungen abverlangen. Gemeinsam werden wir diese schwierige Situation bewältigen. Vorsicht und Umsicht sind gefragt, Grund zur Hysterie gibt es nicht. Lassen Sie uns in Respekt voreinander und Verantwortung füreinander die kommenden Wochen bewältigen." Dazu gehöre auch, dass man sich um die Schwächeren kümmert und insbesondere um diejenigen, die ihre Wohnung erkrankungsbedingt nicht verlassen können. "Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation", zitierte der Landrat Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Alle Maßnahmen in Deutschland, im Land Baden-Württemberg und im Landkreis Waldshut seien darauf ausgerichtet, eine flächendeckende Ansteckung der Bevölkerung möglichst zu verhindern und Zeit zu gewinnen. Durch Zeitgewinn könne sich das Gesundheitssystem auf höhere Erkrankungszahlen noch besser vorbereiten und diese Zeit für die Entwicklung von Impfstoffen und Arzneimitteln nutzen. Kistler: "Durch eine deutliche Verlangsamung des öffentlichen Lebens soll eine Verlangsamung der Ausbreitung des Virus zu erreicht werden." Das gelte auch für den Landkreis Waldshut, auch wenn er bisher zu den Landkreisen mit den wenigsten positiv getesteten Coronavirus-Fällen gehört. Die Lage sei aber dynamisch und man müsse damit rechnen, dass auch in der Region die Zahl der Infizierten deutlich steigt.

Kein Kreistag und Kretschmann-Besuch

Wie bereits berichtet empfiehlt der Landrat, Veranstaltungen und Versammlungen mit über 50 Personen abzusagen oder zu verschieben. Die Landesregierung hat zudem die Schließung der Schulen und der Kindertageseinrichtungen ab Dienstag bis nach Ostern angeordnet. In Abstimmung mit den Vorsitzenden der Kreistagsfraktionen wurde auch die die für Mittwoch, 18. März, vorgesehene Kreistagssitzung abgesagt. Der geplante Besuch von Ministerpräsident Kretschmann Ende März im Landkreis wird in Abstimmung mit dem Staatsministerium auf einen späteren Termin verschoben.

Am Samstag hat der Landkreis als Träger der gewerblichen und kaufmännischen Schulen in Waldshut beide Schulen geschlossen, da eine positiv getestete Lehrperson, die an beiden Schulen unterrichtet hat, gemeldet wurde.

Bis gestern Nachmittag gab es nach einer Mittelung des Landratsamtes im Landkreis Waldshut fünf bestätigte und dem Gesundheitsamt Waldshut gemeldete Coronavirus-Fälle (vier weibliche und eine männliche Person).

Die Menschen im Landkreis habe in den letzten 24 Stunden vor allem die Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Spahn bewegt, sagte Kreis-Pressesprecherin Susanna Heim. Spahn hatte auf Facebook allen Menschen, die in den letzten 14 Tagen in Österreich, Italien und der Schweiz waren, empfohlen, sich freiwillig in Quarantäne zu begeben. Heim: "Zahlreiche Grenzgänger und besorgte Bürger haben auf der Hotline des Landkreises nachgefragt, wie sie sich nun verhalten sollen." Auf Nachfrage des Waldshuter CDU-Bundesabgeordneten Felix Schreiner habe der Minister seine Empfehlung präzisiert: "Besonders Reisende und Ski-Urlauber, die aus der Schweiz, Italien und Österreich zurückkehren, sollten so weit möglich ein bis zwei Wochen zu Hause bleiben, auch ohne Symptome. Wer zur Arbeit über die Grenze pendeln muss, kann durch einfache und bekannte Verhaltensweisen das Risiko reduzieren. Man muss sich im Alltag so verhalten, als wolle man sich vor einer Grippeansteckung schützen". Das Ministerium für Soziales und Integration in Baden-Württemberg hat sich am Samstag auf Anfrage von Landrat Kistler dieser Empfehlung angeschlossen und zu besonderer Wachsamkeit von Urlaubsrückkehrern aufgerufen. Zugleich verwies das Sozialministerium aber auch darauf, dass verschärftere Maßnahmen im Moment nur für die vom Robert-Koch-Institut genannten Risikogebiete gelten.

Deutschland macht die Grenzen dicht

Wegen des neuartigen Coronavirus führt Deutschland ab Montagmorgen strenge Regeln an seinen Grenzen zu Frankreich, Österreich und zur Schweiz ein. Dies erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Sonntag aus Regierungskreisen. Die Einreisebeschränkungen für bestimmte Personengruppen sollen ab Montagmorgen 8.00 Uhr gelten. Deutsche dürfen aber in jedem Fall aus den Nachbarländern einreisen. Es soll sowohl verschärfte Kontrollen als auch Zurückweisungen geben.

Der Warenverkehr zwischen Deutschland und den Nachbarstaaten soll nach dpa-Informationen aber weiter gesichert bleiben. Auch Pendler dürften den Plänen zufolge weiterhin die Grenzen passieren. Hintergrund sei nach ersten noch nicht bestätigten Informationen nicht nur die Eindämmung des Coronavirus, sondern auch der Versuch, Hamsterkäufe von Ausländern zu unterbinden, die im grenznahen Raum bereits zu Versorgungsproblemen geführt haben.
von dpa
am Mo, 16. März 2020

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