"Jetzt wird der sogenannte heimliche Krieg geführt"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (13): Kriegserklärung Ägyptens an Deutschland, Schließung eines neuen Balkanbundes und Schanzarbeiten.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

15. AUGUST 1914

Meta Iggersheimer, Amberg

Kriegserklärung Ägyptens an Deutschland. Schließung eines neuen Balkanbundes: Rumänien, Bulgarien, Türkei.

Hilde Grapow, Kassel

Jetzt wird der sogenannte heimliche Krieg geführt, man erfährt ungefähr nichts vom Kriegsschauplatz. Wir haben vier Gemeine, 83er, im Quartier, es sind zu nette Kerle! Sie müssen aber auch bald fort an die Front. Hoffentlich werden die grässlichen Belgier ordentlich verhauen. Die haben sich schlimmer als Wilde benommen, immer aus dem Hinterhalt geschossen, die Verwundeten schrecklich misshandelt und ermordet, einfach entsetzlich!

Oberst a. D., Schlesien

Die letzten Zeitungen bringen schreckliche Nachrichten über die Grausamkeiten, welche die rohe gemeine Bevölkerung von Belgien begeht. Das sind ja die reinen Bestien. Welche Angst befällt mich bei dem Gedanken, dass mein L. diesen gefahrvollen Auftrag hat, wo er tagelang ohne jede Verbindung mit seiner Truppe bleibt. Wenn er nur vorsichtig sein wollte und sich nicht zu weit hinausbewegt. Ich bin in steter Angst um sein Leben und bin ganz benommen und krank davon. Wie leicht kann er hinterlistig erschossen werden oder sonst in die Hände dieser Bestien fallen, Gott stehe ihm bei. Die Bevölkerung ist jedenfalls aufgehetzt von der Regierung, wir haben also auch hier mit einem ganz gemeinen Feinde zu tun. Wenn nur unsere Führer mit der größten Strenge und Härte auftreten und alles massakrieren möchten, fangen und brennen, dann würden diese Bestien doch vielleicht zur Besinnung kommen. Auf andre Weise behandelt, wird es immer schlimmer.

Das haben wir im Jahre 70 gesehen, dass die milde Behandlung des Volkes nur zu unserem Nachteil ausschlug. Denn die Proklamation König Wilhelms an das französische Volk, worin er sagte, dass er den Krieg nur gegen die Regierung führe, machte das Volk nur noch frecher. Darauf entstanden erst die Franktireur-Banden. Infolge dieser Proklamation erließ das General-Kommando einen Befehl, der uns vollständig die Hände band. Es ist oft genug vorgekommen, dass die Hunde vor Offizieren und Mannschaften ausgespuckt haben, ohne dass ihnen etwas getan wurde. Diese Milde führt selbstverständlich zu diesen Frechheiten. Geknechtet müssen die Hunde werden bis aufs Blut.

Ernst Eberlein, Breslau, Schlesien Schanzarbeiten. Meldete mich freiwillig zur Infanterie. Viel Stimmung bestand nicht. Es machte sich eine Zurückhaltung bemerkbar. Viele drückten sich, weil ihnen die wenigen Tage schon das Soldatspielen verleidet hatten. Löhnung und Abmarsch.

Max Schmidt, Ville (Belgien)

Durch eine herrliche Landschaft marschierten wir nur vier Stunden nach Ville, einem kleinen, aber sauberen Dörfchen. Hier fand unser Feldpostamt Quartier im Maison Paulus. Firmenschild "Feldpostamt des Gardekorps" und der Feldbriefkasten wurden aufgehängt, und schon ging der Betrieb los. Ungezählte Postkarten nach der Heimat wurden eingeliefert, Postanweisungen aufgegeben und Zeitungen bestellt. Nur ankommende Post gab es nicht.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Fr, 15. August 2014

Badens beste Erlebnisse