Julia Mann: Kaltes Porträt der Mutter

Thomas Mann über Julia Mann und die brasilianische Herkunft.

Ich "habe eine Art von Heimweh nach dem Lande durch mein Leben getragen", schreibt Thomas Mann 1942 über Brasilien, ein Jahr später vermerkt der Emigrant in den USA, der Verlust seines "Vaterlandes" sei ein Grund mehr, nun das "Mutterland" kennen zu lernen: Julia da Silva-Bruhns, seine Mutter, ist Tochter eines aus Lübeck stammenden Plantagenbesitzers in Brasilien, der dort eine portugiesische Kreolin Maria geheiratet hatte. In den "Buddenbrooks" trägt Gerda Arnoldsen, die spätere Frau des Konsuls Thomas Buddenbrook, ihre Züge. Doch kein Wort im Roman von Brasilien, wohl aber die Schilderung einer schönen, exotisch wirkenden Frau.

Mehr oder weniger verschlüsselt durchzieht das Bild der Mutter das gesamte Werk Thomas Manns, es gehört einer Familiengeschichte an, die nicht nur er rekonstruiert. Der ältere Bruder Heinrich fügt Julia Manns kindlich-naiv anmutenden Bericht über ihre Jugend im brasilianischen Paraty und in Lübeck aus dem Jahr 1903 in seinen Roman "Zwischen den Rassen" ein.

Paraty wird von Julia als tropische Idylle am Rande des Urwalds geschildert, keine Rede ist von Sklavenarbeit oder den katastrophalen hygienischen Verhältnissen der alten Kolonialstadt. Deren leuchtendes Bild steht vielmehr in auffälligem Kontrast zum Lübeck der Buddenbrooks. Die nordische Handelsstadt, geprägt durch Protestantismus und republikanische Tradition, erscheint dort eigentümlich düster, ja rückständig, ihrer mittelalterlichen Vergangenheit verbunden. Auch Julia, die mit acht Jahren in Begleitung ihrer Schwester und einer schwarzen Sklavin dorthin kommt, erscheint die neue Heimat finster, fremd und kalt. Eine johlende Kinderschar folgt den exotisch Gekleideten bei ihrem ersten Gang durch die Stadt, die Lübecker Großmutter hatte erwartet, dass die in Brasilien geborene Julia eine "lütte swatte" sei.

Unverschlüsselt, jenseits seiner Novellen und Romane schreibt Thomas Mann erst auffällig spät über die brasilianische Herkunft. In einem Brief benennt er 1939 die doppelte Prägung durch Vater und Mutter. Er beschreibt Julia Manns "sinnlich-präartistische Natur", die mit Unterströmungen von "Neigungen zum 'Süden', zur Kunst, ja zur Bohème" verbunden sei. Später vermerkt er, sich des "Einschlages von lateinamerikanischem Blut" in seinen Adern immer bewusst gewesen zu sein und zu fühlen, was er diesem "als Künstler verdanke". Schließlich fügt er hinzu, dass unter den Geschwistern er als "der Zweite ihrem Herzen am nächsten war".

Das Exotische dient hier der Selbststilisierung, wird zum Zeichen für die eigene Nähe zur Kunst. Wie im Roman entwirft es ein Gegenbild zur Welt des Vaters, der ein großes Handelshaus leitet, als Senator zum Repräsentanten der Hansestadt Lübeck arriviert, ständig Verantwortung einfordert. Doch im Leben wie im Roman ist das Exotische durchaus ambivalent. Die Selbstzweifel des Autors, sein Gefühl, nur ein "Bajazzo" zu sein, das noch seine Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für die "Buddenbrooks" prägt, finden in Hanno Buddenbrooks Lebensuntüchtigkeit ihre Parallele. Und neben der Schönheit Gerdas schildern die "Buddenbrooks" zugleich die "nervöse Kälte", in der "sie lebte und die sie ausströmte". Auch dies ist ein biographischer Hinweis. Viktor Mann berichtet von einem "fliehenden Lebensgefühl" der Mutter Julia, von einer "fast krankhaften Unstetheit", Thomas dagegen benennt die "eigentümliche Kälte ihres Charakters". In einem Brief bezeugt er: Mit der Senatorin Rodde im Doktor Faustus habe ich "das kalte Porträt meiner Mutter" dargestellt. Die Kälte, die im späten Roman zum Zeichen des Künstlers wird, ist dort zugleich Signatur einer Gefährdung. Die Prostituierte, mit der Adrian eine für seine Kunst produktive aber tödliche Beziehung eingeht, benennt er mit dem Namen eines Schmetterlings, den es nur in der Region Pará in Südamerika gibt: Hetaera Esmeralda.

Im Zeichen des Exotischen verbinden sich Kunst und Körper, eine verdeckte Spur wird deutlich, die schon die "Buddenbrooks" bestimmt. Gerda Buddenbrooks faszinierende Schönheit, das Ebenmaß ihrer Züge stehen in überraschendem Kontrast zu Fotografien ihres Vorbilds aus den Jahren 1894 bis 1900. Das Gesicht Julia Manns zeigt dort durchaus maskuline Züge, die im Alter noch deutlicher hervortreten werden. Eine große Nase, eine große Kinnpartie fallen auf. Man hat sie mit Franz von Stucks Darstellung der Sünde verglichen, jenem "Weib zum Rasend-werden", das Thomas Mann in "Gladius Dei" beschreibt. Doch die Imagination von Gerdas verführerischer Weiblichkeit, die in den "Buddenbrooks" ihrer irritierenden Kälte gegenüber steht, ist mehr als eine geheime Männerphantasie, die sich am Bild der Mutter entzündet. Sie verrät eine unbewusste Abwehr der Faszination durch das Männliche, die den Autor der "Buddenbrooks" ein Leben lang konfliktreich begleiten wird.

Rolf-Günter Renner

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Der Autor ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freiburger Universität.
von Rolf-Günter Renner
am Sa, 06. Oktober 2001 um 00:00 Uhr

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