OB-Wahl in Offenburg

Kandidat Harald Rau: "Ich will eine Vision für Offenburg"

Oberbürgermeisterkandidat Harald Rau spricht über intelligente Mobilität, Wohlfühlorte in den Ortsteilen, eine Verwaltungsreform und echte Bürgerbeteiligung.

Er war Professor in Tübingen, hat als Vorstandschef zehn Jahre lang ein großes Sozialunternehmen mit damals 2500 Beschäftigten geleitet, ist seit 2016 als Sozialdezernent der Großstadt Köln für ebenso viele Mitarbeiter verantwortlich und will nun in der ersten Reihe gestalten, sich für "intelligente Mobilität" ebenso einsetzen wie für "das Megathema Wohnen". OB-Kandidat Harald Rau sagt: "Offenburg braucht eine Vision."

Die Entscheidung

Es war im März, als der parteilose Harald Rau über ein Netzwerk grüner Kommunalbeamter erfuhr, dass Offenburg einen neuen Oberbürgermeister sucht. "Ich war aufgrund meines Bezuges zu Offenburg wie elektrisiert", sagt der 56-jährige Sozial- und Verwaltungsfachmann, der sich erst vor zwei Jahren unter 106 Kandidaten und in zehn Auswahlrunden sein Amt als Dezernent für Soziales, Umwelt und Integration der Stadt Köln erkämpft hat. Der Bezug zu Offenburg reicht bis in Raus Jugendzeit zurück. "Ich kenne Offenburg seit Mitte der 80er-Jahre."

Geboren wurde er als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Ehingen an der Donau – rein zufällig wie die amtierende Offenburger OB. Während des Studiums habe er drei Viertel seiner Doktorarbeit und später die Hälfte seiner Habilitationsschrift in Zell-Weierbach geschrieben, wo er bei Inge und Manfred Merker lebte. Merker, langjähriger Lehrer am Grimmelshausen-Gymnasium, sei über Jahrzehnte ein Freund und väterlicher Mentor für ihn gewesen.

Rau will Offenburg in der ersten Reihe gestalten

Rau, später außerplanmäßiger Professor, wurde Dozent am Psychologischen Institut und Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Uni Tübingen, hält ein Patent zur Messung und therapeutischen Änderung des Blutdrucks und hat auch einmal eine Doktorarbeit betreut, in der eine Doktorandin am Grimmels den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulleistungen untersuchte. In seiner Offenburger Zeit habe er auch bei Georges Aubert im Kirchenchor der Auferstehungsgemeinde gesungen.

Vor seinem Wechsel nach Köln führte er zehn Jahrelang zunächst als Geschäftsführer, später als Vorstandschef, "Die Zieglerschen", ein großes diakonisches Unternehmen mit heute 180 Millionen Euro Jahresumsatz. Ende März führte Harald Rau in Offenburg die ersten Gespräche. Zehn Leute hätten damals von seinen Ambitionen gewusst – alle hätten dicht gehalten. Dass ein Mann seiner Vita OB in Offenburg werden will, hat für ihn einen einfachen Grund: Er wolle die Stadt in ihrer Gesamtheit gestalten – und das in der ersten Reihe. Das könne er in Köln nicht. Trotz seiner 56 Jahre fühle er sich energiegeladen und jugendlich: "Ich sehe auch nicht nur Potenzial für acht Jahre, sondern für mehr."

Der Wahlkampf

Die beruflichen Verpflichtungen in Köln machen es Rau nicht ganz leicht, in Offenburg permanent vor Ort zu sein. Für den Wahlkampf nimmt er Urlaub, was er keineswegs als Opfer sieht: "Ich mache Urlaub bei den Menschen." Und auch wenn er in Köln "auf dem Ticket der Grünen" gewählt worden sei und in Offenburg von Grünen und SPD unterstützt werde, so schätze er doch die Überparteilichkeit: "Das entspricht meinem Wesen – ich bin wirklich nah an den Menschen und will nicht an eine Partei gebunden sein." Er nutze jede Gelegenheit, Menschen kennen zu lernen, mit Vereinsvorsitzenden, Ortsteilvertretern und Geschäftsleuten zu sprechen und sich mit den Themen in der Stadt vertraut zu machen.

Er sehe es aber auch als Aufgabe eines Oberbürgermeisters, nicht nur mit den einflussreichen Menschen in der Stadt zu sprechen, sondern auch den sonst Schweigenden und Zurückhaltenden zu einer Stimme zu verhelfen. Dass ihm sein größter Herausforderer Marco Steffens mit zahlreichen Terminen voraus ist, störe ihn nicht: "Allein durch Masse werde ich nicht aufholen." Aber er habe eine klare Wahlkampfstrategie und werde jeden Tag sehr intensiv unter den Leuten sein und natürlich auch in alle Ortschaften und Stadtteile kommen.

Die Themen

Wohnungsnot und bezahlbare Mieten sind für Harald Rau "ein Megathema". Es sei gut, dass Offenburg noch seine Wohn- und Stadtbau habe. Die gelte es zu stärken. Bei der Schaffung von Wohnraum müsse auf einen Mix aus frei finanzierten und geförderten Wohnungen gesetzt werden: "Ich will keine Reichen-Ghettos, sondern Vielfalt und Quartiere mit interessanten Plätzen." In den elf Offenburger Ortschaften hält es Harald Rau für wichtig, dass die Menschen dort einladende und grüne Treffpunkte haben: "Jeder Ortsteil braucht einen attraktiven Wohlfühlort." Dann sei natürlich der Verkehr ein großes Thema: "Wir brauchen intelligente Mobilität – im Stau zu stehen, kann nicht intelligent sein." Es brauche mehr Park & Ride-Plätze für Pendler und einen ÖPNV, der so attraktiv ist, dass das Umsteigen leicht fällt. Einsteigen wolle er durch einen fahrscheinlosen Samstag einmal im Monat, wie es ihn etwa in Tübingen als Vorreiter gibt. Dann brauche es ein festes Budget für noch bessere Fahrradmobilität: "Ich fahre selbst viel Rad, aber das ist noch nicht überall so einfach, wie es sein könnte."

Dann ist ihm für Offenburg "eine echte Beteiligung" der Menschen wichtig. Bislang werde Bürgerbeteiligung von den Menschen häufig als Pro-Forma-Beteiligung wahrgenommen. Dass am Ende Entscheidungen gefällt werden müssten, sei klar, doch zuvor müsse auch einmal in Varianten gedacht werden. Dies gelte auch für die Stadtverwaltung, die noch bürgerfreundlicher werden und den Mitarbeitern wieder mehr Eigenverantwortung geben müsse: "Ich höre da in Offenburg einen gewissen Bedarf." Er selbst habe bei den Zieglerschen eine große Verwaltungsreform umgesetzt und sei auch in Köln der Treiber in seinem Dezernat: "Ich weiß, wie man Verwaltungen umbaut und weiterentwickelt."

Offenburg muss sich laut Rau klimafit machen

Er wolle als OB von Anfang mit einer gewissen Hartnäckigkeit an die Umsetzung gehen – aber gemeinsam mit den Mitarbeitern. Als weitere Herausforderung sieht Harald Rau Themen wie den Klimawandel, bei dem die Regierung ihre Ziele bereits aufgegeben habe. Dies könne nicht sein: "Wenn die Spitze versagt, dann müssen wir als Kommunen etwas tun." Offenburg müsse sich als Stadt klimafit machen, etwa durch mehr Grün und Bäume und sich auch mit anderen Städten vernetzen.

Eine weitere große Aufgabe sei die Integration, bei der Offenburg, aus der Ferne betrachtet, Vorbildliches leiste – auch in den Betrieben. Umso schlimmer sei, dass es so etwas wie eine Sicherheitsbedrohungsthematik in der Stadt gebe. Dem könne unter anderem durch Belebung von Plätzen begegnet werden: "Belebte und attraktive Räume vermitteln Sicherheit." Menschen hätten Angst vor etwas, das sie nicht kennen – je mehr sie kennen, desto weniger gebe es diese Ängste. Er sehe es daher als Aufgabe, Menschen zusammenzubringen: "Wir brauchen eine Fest-, Begegnungs- und Feierkultur." Toll sei in Offenburg das Kulturangebot, doch dass es eine einladende freie Jugendkultur gebe, habe er so noch nicht wahrgenommen: "Kann es sein, dass Offenburg keine wilde Jugend hat?" In diesem Bereich müsse etwas passieren, auch dafür wolle er Anstöße geben.

Angesichts der vielen Herausforderungen reiche für Offenburg ein geradliniges "Weiter so" bei weitem nicht mehr aus: "Ich will eine Vision für Offenburg."
von Helmut Seller
am Mo, 20. August 2018 um 17:38 Uhr

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