"Kein Unterschied, keine Partei, alles hilft mit, Deutschland ist einig"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (6): Im Zug nach Ludwigsburg werden die edlen deutschen Heldentöchter, die die Soldaten versorgen, hochgelobt.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

7. AUGUST 1914

Hilde Grapow, Kassel
Endlich habe ich was gefunden, wo ich mich betätigen kann! Mutti und ich sind immer am Wilhelmshöher Bahnhof und verpflegen die durchreisenden Truppen. Das macht riesig viel Freude! Heute war ich den ganzen Morgen von 9 bis 2 Uhr dort. Die Soldaten bekommen immer Kaffee, Butterbrote usw. Wenn ein Zug einfährt, gehen die Damen an die Wagen: Eine hat einen Eimer mit Kaffee, die andere
Tassen und Brötchen. Die Soldaten sind alle zu nett, freuen sich über alles und sind fast alle furchtbar fidel und lustig. Dann steigen sie zum Teil aus und bekommen auch Zigarren, Schokolade, Keks und Ansichtskarten. Über die Postkarten freuen sie sich immer besonders. Jeder will noch mal nach Hause schreiben. Die geschriebenen Karten nehmen wir dann wieder an zur Besorgung. Man kann morgens von 5 bis 9 Uhr, dann von 9 bis 2 Uhr, von 2 bis 6 Uhr und dann von abends bis Mitternacht kommen. (...) Die Züge waren teilweise mit Laub geschmückt, und alle Wagen waren mit Kreide bemalt und beschrieben. Zum Beispiel: "Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit. Alle Serben müssen sterben, und der Engländer darf nicht erben." Dann stand dran: "¼ Liter Russenblut 30 Pfennige!" Grässlich! "Nikolaus, nimm dich in Acht, aus dir wird Leberwurst gemacht!", "Speisenfolge: Franzosengulasch mit Zarenkompott!" und "Poincaré-Suppe, Russischer Salat, Englische Sauce". Oft stand auch dran: "Nach Paris!" oder "Parole: Paris" und noch alle möglichen herrlichen Sachen. Ich habe mich mal schlapp gelacht!

Meta Iggersheimer, Amberg
Mein lieber Bruder ist voll glühender Begeisterung. Er meldete sich freiwillig, Mutter vergoss schon viele Tränen, es ist eben der einzige Sohn. Doch auch ich habe Kämpfe im Innern zu führen, die Schwesterliebe regt sich. – Montenegro erklärt an Österreich den Krieg.

Eugen Miller,
im Zug nach Ludwigsburg
Um 16 Uhr noch gepackt, kurze Hosen angezogen. Großmutter ist da, von ihr noch 4 Mark erhalten. 17.04 Uhr Abfahrt
nach Ludwigsburg. Bis Crailsheim gefahren. Dort von 18 bis 21.05 Uhr Aufenthalt. Während dieses Aufenthalts war ich zum ersten Mal Zeuge von der menschenfreundlichen, keinen Unterschied kennenden Tätigkeit des Roten Kreuzes. Es fuhren mehrere bayerische Militärzüge durch. Der eine fuhr unter Musik seiner beiden Kapellen in den Bahnhof ein und machte Halt. Da sah man junge bildhübsche Damen, die einen mit Körben voll Brot, die anderen mit hartgesottenen Eiern und Salz, den haltenden Kriegern ihre Gaben verteilen, so viel jeder wollte, ja überhaupt mitnehmen konnte. Andere Mädchen des Roten Kreuzes trugen zu zweien saubere Kübel voll süß dampfenden Kaffees und Tees. Jeder Krieger ließ sich seine Feldflasche von schöner Hand füllen und trank mit seinem Kochgeschirr, im Vaterland schon als kriegsbereiter Beschützer, das freundlich mundende Getränk. (...) Es ist und war ergreifend, wie ins Feld ziehende Krieger von ihren edlen deutschen Heldentöchtern noch freundliche Gaben auf den Weg bekamen. Herrlich, wie das schöne, an der ernsten Lage unseres Vaterlandes ebenso teilnehmende Geschlecht den doch nicht betrübten, sondern immer noch humorvollen Kriegern den Abschied erleichtern will, vielleicht aber auch erschwert. Als Dank gaben ihnen die Krieger die Versicherung, dass sie fest fürs Vaterland und seine Kleinode, die es birgt (besonders in seinen deutschen Frauen und Mädchen), kämpfen und den Franzosen das Fell gerben wollen. An den Wagen stehen die Worte mit Kreide: "Eilzug nach London über Moskau – Petersburg – Paris". Dann "Auf Wiedersehen in Paris" und dergleichen. Kein Unterschied, keine Partei, alles hilft mit, Deutschland ist einig.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galian. Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Do, 07. August 2014


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