"Keine berühmte Diva"

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Die Orgel in Denzlingens St. Jakobuskirche dient zur Chorbegleitung.

DENZLINGEN. Die Kassen waren leer, als die Katholiken Denzlingens 1976 ihren Kirchenneubau einweihten. 20 Jahren mindestens müssten übers Land gehen, bis sich die Gemeinde eine Orgel hätte leisten könne, erinnert sich Josef Fischer an Prophezeiungen des damaligen Pfarrers Hermann Hoch. Da schien es wie eine glückliche Fügung, dass gleich in der Nachbarschaft mit Lothar Gutjahr ein Orgelfreund wohnte, der sich anbot, aus gebrauchten Teilen eine Orgel zu bauen. Manche von diesen tun noch heute ihren Dienst.

Lothar Gutjahr war ein Elektroingenieur, der sich im Keller eine eigene Kirchenorgel gebaut hatte, erinnert sich der langjährige Organist und Chorleiter Josef Fischer. Der Gemeinde bot er an, aus dieser und anderen Bauelementen demontierter Orgeln ein Instrument zur Begleitung des Gemeindegesangs zu bauen, was, angesichts leerer Kassen, freudig angenommen worden sei.

So konnte schon zum Weihetag der Kirche, am 28. November 1976, "eine provisorische Orgel, die später erweitert werden sollte, erklingen", so Fischer. Jürgen Schopp, der aktuelle Pfarrgemeinderatsvorsitzende, kann sich noch gut erinnern, wie er aus der evangelischen Kirche an der Freiburger Straße in Waldkirch Pfeifen und andere Teile trug. Nur eine von vielen Kirchen im Schwarzwald, in denen Gutjahr auf die Suche nach verwertbaren Teilen gegangen war, die er dann geschenkt bekam oder preisgünstig erwarb.

Über mehrere Jahre diente das daraus erstellte Gutjahr-Instrument der Begleitung von Chor- und Gemeindegesang, jedoch ließ die geplante Erweiterung auf 42 Register auf sich warten. Mitte der 80er Jahre war dann die Geduld des Kirchengemeinderats zu Ende, und es wurde beschlossen, den Weiterbau einer Orgelbaufirma anzuvertrauen. "Es gab bei der Diskussion um den weiteren Weg zwei unterschiedliche Expertisen", so Fischer. Der als Sachverständiger zugezogene Professor Hans Musch verlangte das Entfernen des kompletten Instruments und den Bau einer neuen Orgel. Sein Kollege, Domorganist Ludwig Doerr war dagegen bereit, einen Neubau unter Einbeziehen der vorhandenen, noch brauchbaren Teile, fachlich zu begleiten. "Die Gemeinde konnte und wollte, nachdem über die Jahre mehrere 10000 Mark in die Orgel geflossen waren, dieses Geld nicht umsonst ausgegeben haben", so Fischer.

Beauftragt wurde letztlich die in March-Hugstetten ansässige Orgelbaufirma Hartwig Späth, die der Orgel, nach den Vorlieben des Orgelbaumeisters, eine romantische Disposition verlieh. Genutzt wurde der Betonsockel, den Gutjahr hatte gießen lassen. Laut Kirchenführer stammen auch die Holzgehäuse mit dem Aufbau der Prospektpfeifen noch aus der Gutjahr-Orgel-Epoche. Während die durchbrochenen Ornamente erst später hinzugefügt wurden.

Beim Konzert zur Einweihung am 18. Oktober 1987 zeigte Ludwig Doerr dann auf, dass die "neue" Orgel auch als Konzertinstrument geeignet ist. Neben Werken der barocken und romantischen Orgelliteratur spielte er moderne Improvisationen.

Knapp 30 Jahre später gehen die Meinungen, ob damals die richtige Entscheidung getroffen wurde, noch auseinander. Darüber, dass es sich um kein Instrument handelt, das in höchsten Tönen zu loben sei, sind sich alle einig. Die Orgel "ist keine berühmte Diva", so Pfarrer Franz Reiser. Dass klanglich mit einem ganz neuen Instrument mehr möglich gewesen wäre, "ist anzunehmen", so Fischer. Die Orgel, die donnerstags und an Sonn- und Feiertagen erklingt, diene vor allem der Begleitung von Gemeinde und Chor. Gelegentlich werde sie aber auch für Konzerte genutzt.

Kleinere Schwächen, wie einzelne Pfeifen, die aufgrund geringer Stimmkonstanz schnell verstimmen, seien hinnehmbar. Trotz aller technischen Möglichkeiten lasse die Orgel klanglich viele Wünsche offen, so Dieter Martin. "Der Orgelbauer hat gemacht, was er noch machen konnte", so der Musikpädagoge. Letztlich ist die Orgel in St. Jakobus, so das Resümee aus den Beurteilungen, das Ergebnis eines mit viel Idealismus geschaffenen Grundstocks und dem Wunsch, diesen günstig zu einem Instrument zu erweitern, das den Anforderungen genügt.
von Markus Zimmermann
am Mi, 24. Dezember 2014

ORGEL IN ST.JAKOBUS

- Baujahr: Anfänge 1976, 1987 weitergebaut

- Orgelbauer: Lothar Gutjahr, dann Hartwig Späth aus March Hugstetten

- Register: ursprünglich 42 geplant, heute 34

- Pfeifen: 2325 Pfeifen zwischen 19 und 520 Zentimetern Länge.

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Autor: mzd

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