Kleine Gemeinde, große Vielfalt

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Drei Instrumente sorgen dafür, dass es Kantor Stefan Pöll in Merzhausen nicht langweilig wird.

MERZHAUSEN. Stefan Pöll ist zu beneiden. Dem hauptamtlichen Kirchenmusiker steht in Merzhausen nicht nur eine Orgel zur Verfügung, sondern er kann sich gleich zwischen drei verschiedenen Instrumenten entscheiden: der barocken Mönch-und-Prachtel-Orgel in der alten Kirche, der Klais-Orgel im Neubau und einer Truhenorgel, die die Kirchengemeinde St. Gallus erst vor kurzem angeschafft hat.

"Hier kann man sich als Musiker austoben", schwärmt Stefan Pöll, der diese Vielfalt zu schätzen weiß. Die Unterstützung des "Freundeskreises der Kirchenmusik" und motivierte Laienmusiker ermöglichten regelmäßig die Veranstaltung von größeren Konzerten in Merzhausen. Der nächste große Auftritt steht schon bevor: Am dritten Adventssonntag führen Kirchenchor, Orchester und Solisten unter Pölls Leitung das Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Saëns auf.

Stefan Pöll, in der Oberpfalz geboren und am Chiemsee aufgewachsen, studierte Kirchenmusik in Salzburg, Lyon und schließlich in Freiburg, wo es ihm so gut gefiel, dass er blieb. Seit gut einem Jahr ist der 34-jährige Kantor in Merzhausen. Neben der Chorleitung und dem Unterrichten gehört natürlich das Orgelspiel selbst zu seinen Aufgaben. Seine liebste Orgel in Merzhausen ist das Instrument in der alten Kirche. Denn die 1981 gebaute und 2011 instandgesetzte Mönch-und-Prachtel-Orgel "hat alles, was man für Barockmusik braucht und ist ein kleines Schmuckstück", findet er. Sie verfügt über ein Schwellwerk, was Pöll zufolge für eine Barockorgel eher ungewöhnlich ist. Ein solches Werk ermöglicht die Lautstärke zu regulieren, also dynamisch zu spielen. Außerdem gibt es mit der Musette ein besonders schönes Register, das für Solostimmen sehr gut geeignet ist. "Diese Orgel eignet sich hervorragend für die Literatur süddeutscher Meister, im Gesamtaufbau ist ihr Klang sehr voluminös und strahlend", erklärt Pöll. Außerdem schätzt er, "dass sie sich bequem spielt". Ein kleiner Makel sei, dass die Orgel vergleichsweise empfindlich auf Luftfeuchtigkeitsschwankungen reagiert. Ein weiterer Nachteil: "Da sich der Klangkörper direkt über dem Spieltisch befindet, hört man sich selbst nicht so gut." Ungewöhnlich ist an der alten St. Gallus-Kirche, dass es keine Empore gibt. Die Orgel befindet sich deshalb nicht über der Gemeinde, sondern hinter den letzten Bänken im Kirchenschiff. Pöll sieht das sogar als Vorteil: "Man ist näher dran an der Gemeinde."

Eine weitere Besonderheit in Merzhausen: Im neuen Kirchenteil steht das ältere Instrument. 1978 Jahre wurde die Klais-Orgel gebaut. "Spielerisch ist sie bei Weitem nicht so angenehm wie die Orgel in der alten Kirche", erläutert Pöll. Das liege etwa daran, dass die Mechanik nicht wie bei den meisten Orgeln aus Holz, sondern aus Metall gefertigt ist. "Und das klappert gerne mal." Davon abgesehen sei die Klais-Orgel mit ihren 2322 Pfeifen und 39 Registern aber eine Allzweckwaffe, die aufgrund der vielen Register – auch fürs Pedal – und drei Manualen viele klangliche Variationsmöglichkeiten biete. Besonders gerne spielt Pöll darauf Werke der deutschen und französischen Romantik.

Für die Zuhörer im Kirchenraum sei die Orgel fast nie zu laut, nur die scharfe Zimbel, "die geht aufs Ohr". Das bestätigt Anton Stingl, der ebenfalls regelmäßig in Merzhausen Orgel spielt. Besonders gerne mag Stefan Pöll die Flöte im Schwellwerk. Lob gibt es von ihm und Stingl außerdem für die Setzeranlage, mit der sich Registrierungen speichern lassen, was einen raschen Klangwechsel während des Spiels ermöglicht. Komfortabel ist Pöll zufolge außerdem, dass die Orgel in allen drei Werken über Tremulanten verfügt.

Trotz der großen Vielfalt, die diese beiden Orgeln bereits bieten, gibt es in Merzhausen seit wenigen Wochen noch eine dritte, eine sogenannte Truhen-Orgel mit drei Registern, gebaut von der niederländischen Firma Klop. Sie hat keine Pedale, sieht aus – wie der Name schon verrät – wie eine Truhe und eignet sich Pöll zufolge hervorragend zur Begleitung von Orchestern. Durch großzügige Spenden und den Einsatz der Pfarrgemeinde konnte das 25 000 Euro teure Instrument angeschafft werden. Mit einer Bach-Kantate und dem Segen des Pfarrers wurde die Klop-Orgel vor kurzem eingeweiht. Im kommenden Jahr soll es dem neuen Instrument zu Ehren noch ein ganzes Konzert geben, in das auch eine Drehorgel involviert sein wird, kündigt Stefan Pöll an.

Info: Am Sonntag, 14. Dezember, wird in der St. Gallus-Kirche in Merzhausen von 17 Uhr an das Weihnachtsoratorium Opus 12 von Camille Saint-Saëns aufgeführt. Stefan Pöll leitet das Konzert. Solisten: Heidemarie Röttig (Sopran), Franziska Weiß (Mezzosopran), Britta Suleck (Alt), David Fischer (Tenor), Leonard Geiger (Bariton). Involviert sind außerdem der Chor St. Gallus und ein Orchester. Karten kosten zehn, ermäßigt acht Euro. Vorverkauf: GeBüSch in Merzhausen (Am Marktplatz 2).
von Kathrin Blum
am Sa, 06. Dezember 2014

DIE ORGEL IM ALTBAU

- Baujahr: 1981

- Firma: Mönch und Prachtel Überlingen

- Renoviert: 2011 (von Claudius Winterhalter, Oberharmersbach)

- Anzahl Register: 22

Die Orgel im Neubau

- Baujahr: 1978

- Firma: Johannes Klais Bonn

- Renoviert: 2006 (von Winterhalter)

- Anzahl Register: 39

Weitere Serienteile gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
 

Autor: kbl

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