Die Lahrer Firma Günther Energie & Service

Kraftstoff ist ein besonderer Saft

125 JAHRE AUTOMOBIL: Wie es zu Günther Energie & Service kam.

LAHR. Wer in Lahr Günther sagt, denkt nur an eines: Kraftstoff – und zwar in jeder Art. Dabei wissen viele nicht mehr, dass der "Ölgünther", der seit mehr als zehn Jahren am Flugplatz erfolgreich mit seinem Tank- und Waschpark Geschäfte betreibt, einmal als "Kohlengünther" begonnen hat.

"Um als popeliger Ölhändler an den Standort hier zu kommen, braucht man Glück, Durchsetzungsvermögen und Gespür." In Harald Günthers Stimme klingt eine ganze Menge Stolz und knitzige Genugtuung mit, als er das Geheimnis des Firmenerfolgs auf einen kurzen Nenner zu bringen versucht. "Als wir uns 1998 zum ersten Mal mit dem Gedanken befasst haben, aufs Flugplatzgelände zu gehen, hat kaum jemand an die Zukunft des Areals geglaubt – wir schon." Die militärische Konversion und die damit verbundene Neuorientierung im Lahrer Westen waren Voraussetzung für das Gelingen, das heute unter dem Namen "Günther Energie & Service" firmiert. Vor der Ansiedlung aber mussten eine Reihe von Hindernissen aus dem Weg geräumt werden, erinnert sich der 54-jährige gelernte Mineralölkaufmann, der das Unternehmen gemeinsam mit seiner Ehefrau Gabi, einer gelernten Bankkauffrau, und seinem Bruder Artur, einem Diplomingenieur, als Familienbetrieb führt.

Die Anfänge des Unternehmens gehen aufs Jahr 1950 zurück. Damals hatten die Eltern Luitgard und Artur Günther ein Gemischtwarengeschäft in Reichenbach gegründet, zu dem auch der Handel mit Kohlen gehörte. Sechs Jahre später begann der Handel mit Mineralöl – als Heizöl und Dieselkraftstoff. "Vom Kohlen-Günther zum Öl-Günther, damals ging’s los", lacht der Sohn im Rückblick. 1986 übernahm er das Ruder und zieht mit dem Unternehmen schon wenig später nach Lahr auf das Gelände des Alten Bahnhofs um. Die Firma erweiterte ihr Lieferprogramm um Biodiesel und Flüssiggas – und musste weichen, als das innenstadtnahe Gelände überplant wird. Günther kommt zupass, dass nahezu zeitgleich das Flugplatzareal als Gewerbegebiet erschlossen wird. Dort aber hat ein großer Mineralölkonzern bereits Interesse an einer Niederlassung signalisiert. Mehr als das, wie Günther überzeugt ist. Nach seinen Informationen hatte das städtische Bauamt dem Konzern die Ansiedlung auf rund 4500 Quadratmeter schon zugesagt.

Ihm habe der Konzern angeboten, dort den Manager zu geben. "Aber je mehr ich mit denen gesprochen habe, umso überzeugter war ich, dass ich das besser kann", sagt er heute. "Die wollten eine reine Tankstelle mit Diesel und Benzin, mir schwebte weit mehr vor – Erdgas, Flüssiggas, Biodiesel, dazu eine Waschanlage auch für Lkws und Motorräder, ein Rundumservice mit Bistrobereich." Dass er als kleiner Mittelständler seine Vorstellungen am Ende in die Tat umsetzen konnte, dafür ist er Oberbürgermeister Müller noch heute dankbar. "Er hat meine Pläne unterstützt und damit auch dafür gesorgt, dass David gegen Goliath noch einmal gesiegt hat." Statt der vom Konzern geplanten acht Arbeitsplätze stehen heute 42 Mitarbeiter in Lohn und Brot.

Harald Günther kann das benötigte Areal erwerben (nach Erweiterungen heute rund 20 000 Quadratmeter) und eröffnet am 21. Juli 2000 den Betrieb. Dass der Konzern (letztlich erfolglos) wegen angeblicher Verletzungen des Corporate Identity durch Günther auf Unterlassung und Schadenersatz in Höhe von rund einer halben Million Mark klagt – der 54-Jährige sieht es gelassen aus der Distanz.

Dass er womöglich als einziges Unternehmen in Deutschland alle Kraftstoffe anbietet, dafür hat Harald Günther eine einfache Erklärung: "Ich musste mich interessanter als die Konkurrenz machen." Und er weiß: "Jede Alternative hat einmal auf dem Hinterhof angefangen." Rasanten Entwicklungen muss man sich anpassen. Mal geht’s rauf, mal runter: Seit der stärkeren Besteuerung etwa ist der Verbrauch an Biodiesel stark zurückgegangen. Was ist mit Elektromobilität? Eine Ladestation hat er noch nicht. "Aber ich schaue schon, welche Chancen der Markt bietet, vielleicht gibt es ja bald die Möglichkeit, Batterien zu tauschen." Noch dauert deren Aufladen zu lange. "Falls sich was entwickelt, stehe ich Gewehr bei Fuß. Wenn das E-Werk Interesse hätte, würde ich ihm die benötigte Fläche zur Verfügung stellen", sagt er.

Der Umsatz an der Tankstelle ist beachtlich: Pro Tag werden rund 100 000 Liter Kraftstoff umgesetzt, den er auf dem freien Markt von den Mineralölwerken Oberrhein in Karlsruhe bezieht. 80 Prozent des Umsatzes bei Kraftstoffen macht er mit Lkws. Die meisten von ihnen kommen von Speditionen außerhalb der Region. Unspektakulär sind die meisten Kunden, verrät er.

Nur einmal, beim deutsch-französischen Treffen in Freiburg im vergangenen Jahr, da gab’s doch etwas Außergewöhnliches. Sicherheitsleute hatten an diesem Tag zuvor die Waschanlage kontrolliert, hatten die Angestellten Günther gesteckt. Wenig später tauchten drei gepanzerte Wagen auf, die hintereinander in die Anlage einfuhren. Vorne und hinten Sicherheitspersonal, in der Mitte eine Limousine mit abgedunkelten Scheiben. "Ich denke, da war die Kanzlerin Merkel drin", schmunzelt er über den hohen Besuch in der Waschstraße.

Und noch eine Anekdote hat er parat. Nach einem technischen Defekt in der Waschstraße steckte ein Kunde mit seinem Fahrzeug fest. Weil die Walzen genau in Türhöhe klemmten, musste der arme Mann im Wagen bei sommerlicher Hitze ausharren. Die Scheiben waren schon angelaufen, als er nach rund einer halben Stunde aus seiner misslichen Situation befreit werden konnte. Da hatten die Angestellten Harald Günther gerufen. Der Chef persönlich sollte den tobenden Kunden besänftigen. Günther fiel nichts Besseres ein, als den nach Luft japsenden Kunden mit den Worten zu empfangen: "Willkommen bei der versteckten Kamera." Bei ihm war die Luft raus, er musste lächeln, und ich auch. Es genügt eben nicht, nur erfolgreich Öl zu verkaufen.
von Manfred Dürbeck
am Sa, 02. Juli 2011

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