"Kugeln pfeifen durch die Sträucher, von Sonntagsruhe nichts zu spüren"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (20): Es wird geschossen, gesprengt und geplündert, viele Tote sind unbestattet, und jeder ist zur Hilfeleistung verpflichtet.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

23. AUGUST 1914

Josef Glaser, Truppentransport bei Brünn (Österreich- Ungarn)

Bei Zuckerfabrik Böhmisch Brod erwacht. Auf den Stationen werden der Mannschaft Erfrischungen gereicht. (...) Im Adlergebirge stehen die Leute in großen Mengen längs der Bahndämme. Das Wetter ist sonnig, dabei aber angenehm kühl. Das Heilrufen ermüdet auf die Dauer. (...)

Mädchen, Karlsruhe

Das Heer des Kronprinzen von Bayern erreichte große Erfolge. (...) Vor dem Schloss abends Siegesfeier. Morgen wird Wilhelm vereidigt. Der Dienst ist sehr anstrengend, von morgens 4 Uhr ab. Er hat sich schon ganz dran gewöhnt. (...) Das 21. Armeekorps zog heute in Lunéville ein. Außer zahlreichen Gefangenen und Feldzeichen hat der in und an den Vogesen vorgehende linke Flügel bereits 150 Geschütze erbeutet. Die Armee des deutschen Kronprinzen hat heute den Kampf und die Verfolgung vorwärts Longwy fortgesetzt. Die zu beiden Seiten von Neufchâteau vorgehende Armee des Herzogs Albrecht von Württemberg schlug heute eine über den Semois vorgedrungene französische Armee vollständig und befindet sich auf der Verfolgung. (...)

Richard Piltz, Orny,

Elsass- Lothringen


Wegen Schießens der Zivilbevölkerung auf unsere Truppen sollen folgende Orte völlig zerstört worden sein: Nomeny, Port-sur-Seille. Ruhetag, der erste seit eineinhalb Wochen. (...)

Otto Gehrke, bei Namur (Belgien)

Kugeln pfeifen durch die Sträucher. Von Sonntagsruhe nichts zu spüren. 8 Uhr morgens werden zwei Zivilisten mit verbundenen Augen vorbeigeführt, wurden in unseren Schützenstellungen gefunden. Vor dem Werk befindliche Gehöfte werden von unserer Feldartillerie in Brand geschossen. Wir gewöhnen uns allmählich an das Getöse. 8.15 Uhr Sprengpatronen verfertigt. 8.45 Uhr Abrücken mit Sturmgepäck auf Namur. Als Drahtschneider zum Regiment 93. Liegen auf dem Feld, die Geschosse der Österreicher ziehen ihre Bahn über uns, richten im Fort schwere Verwüstung an, ab und zu kommt ein Splitter bis in unsere Reihen zurückgeflogen. Minenfelder im Fort explodieren. (...) Aus den Häusern wird geschossen, sie werden gesprengt und geplündert, bis auf die Mauern niedergebrannt. Einwohner (Frauen und Kinder) stürzen mit angstverzerrten Gesichtern aus den Häusern und flehen uns an, ihnen nichts zu tun. 2,5 km von der Stadt erhalten wir heftiges Geschützfeuer, flüchten hinter Hausmauern (...).

Clara und Josephine Bohn,

Ingersheim, Elsass- Lothringen


Heute sollte das Patronatsfest unserer Gemeinde, das Fest des heiligen Bartholomäus, gefeiert werden. Aber es wurde den ganzen Tag kein Gottesdienst gehalten. Von ½ 8 Uhr morgens gingen fortwährend französische Truppen mit Maschinengewehren durch das Dorf. Man glaubte, dieser Tag werde noch schrecklicher als der vorhergehende da schon früh geschossen wurde. Abends wurden viele Verwundete nach Münster abtransportiert. (...)

Georg Becker, Bensdorf,

Elsass- Lothringen


Ein friedlicher Sonntag ist vorüber. Zwar kamen immer noch viele Verwundete durch, doch konnten sie meist weiterbefördert werden. (...) Von der Umgegend hört man, dass noch viele Tote unbestattet auf dem Schlachtfeld liegen. In Liedersingen allein 1000, so dass der Bürgermeister weinend kam und Abhilfe erbat, weil sie sonst das kleine Nest verlassen müssten. Bisher hatte man die gefangenen Franzosen zum Gräberschaufeln mitgenommen, die waren aber weiterbefördert. In Bensdorf wurde bekannt gemacht durch Ausschallen, dass keiner den Ort verlassen dürfe und jeder zur Hilfeleistung verpflichtet sei. (...)

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Sa, 23. August 2014

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