Langer Atem für eine große Orgel

BZ-WEIHNACHTSSERIE: Die Mühleisen-Orgel in der evangelischen Kirche in Bötzingen ermöglicht eine große Stilvielfalt.

BÖTZINGEN. Die evangelische Kirche in Bötzingen spiegelt ein aktives Gemeindeleben wider. Das Kircheninnere, in den 90er Jahren modern saniert, daneben das 2011 neu gebaute Gemeindehaus – all das passt zu der rührigen Kirchengemeinde. Das gilt auch für das Prunkstück, die Mühleisen-Orgel, 1997 errichtet und finanziert in 20 Jahren konsequenten Ansparens.

Die Orgel dominiert den Chorraum der Kirche und zieht so den Blick jedes Kirchenbesuchers sofort auf sich. Nicht nur akustisch, sondern auch optisch steht sie, direkt hinter dem kleinen Altar, im Mittelpunkt des Geschehens. Trotz ihrer enormen Größe erdrückt sie nicht ihre Umgebung. Die schlichten, glatten Formen des Unterbaus aus Kirschbaumholz, wie auch der matte Glanz des darüber aufsteigenden Prospekts der großen Orgelpfeifen strahlen eine zurückhaltende Eleganz und Ruhe aus. Nichts soll hier ablenken von dem Dienst, dem dieses große Instrument gewidmet ist, dem Lob Gottes. Nichts aber soll auch daran fehlen, um für den musikalischen Lobpreis alle Register einer großen Orgel ziehen zu können.

"Man hat hier viele Möglichkeiten, weil es eine sehr vielseitig angelegte Orgel ist", sagt Peter Simmerling. Er und Hanna Heike wechseln sich im Organistendienst der Kirchengemeinde ab. Dem in Gundelfingen wohnenden Familienvater ist der Weg nach Bötzingen keineswegs zu weit. Im Gegenteil, als er vor Jahren aus dem Württembergischen in den Breisgau zog, hoffte er inständig, eine Kirchengemeinde mit einer guten Orgel zu finden und war froh, als sich ihm die Chance in Bötzingen bot. "Was die Orgel auszeichnet, das sind auch ihre Zungenregister für die Trompetenklänge", erklärt Simmerling. Tatsächlich lassen sich hier strahlende Trompeten und volle Posaunen spielen. Aber auch die leisen Töne: So verfügt die Orgel über ein Schwellwerk, das mit dem oberen Manual, also der zweiten, oben liegenden Tastenreihe, bespielbar, ist. Hier sitzen die Pfeifen verborgen im Inneren des Orgelbauwerks in einer Art großen Kasten. Dieser hat eine bewegliche hölzerne Jalousie, die geöffnet und geschlossen werden kann. "Dafür betätigt der Organist den Schwelltritt", zeigt Simmerling auf ein kleines Fußpedal unter dem Orgeltisch.

Sollte der Orgelspieler aber keinen Fuß frei haben, weil er diese für das Pedalwerk benötigt, kann das Schwellwerk auch von einem Helfer, dem Registranden, über einen Handhebel betätigt werden. Bei geschlossener Jalousie lassen sich so gedämpfte Weisen, wie hinter einem dichten Vorhang, spielen, etwa während des Abendmahls. Aber auch Effekte sind möglich, wie das plötzliche, lautere Anschwellen einer Melodie, wenn während des Spielens die Holzjalousien geöffnet werden. Und so gehört auch das Register "Voix Celeste" mit den wie aus himmlischen Sphären erklingenden hellzarten Stimmen, zum Schwellwerk.

Das Hauptwerk, dessen große Pfeifen die Vorderseite des Orgelprospekts bilden, wird mit dem unteren Manual gespielt, dem zwölf Register zur Verfügung stehen. Und dann kann der Organist auch eine dritte Registergruppe über das Pedalwerk bespielen. Hier entsprechen längere, etwas tiefer liegende Pedale den weißen Tasten, die kürzeren, etwas höheren Pedale den schwarzen Tasten der beiden Klaviermanuale. Das Pedalwerk umfasst dabei 30 Tasten und somit Töne, die beiden Manuale umspannen jeweils 56 Töne. Dem Pedalwerk sind vier Bassregister zugeordnet, aber es lassen sich mit ihm auch Melodien auf einem Trompeten- und Posaunenregister spielen. "Dann", so erklärt Simmerling, "spielt man mit den Füßen die Hauptmelodie und mit den Händen die begleitenden Stimmen."

Alle drei Spielwerke lassen sich zudem durch Koppelungen paarweise verbinden. Alle Verbindungen laufen dabei mechanisch, da die Orgel ja ein kompakter, großer Bau ist. Es ist also nicht, wie etwa im Freiburger Münster, nötig, dass räumlich voneinander getrennte Pfeifengruppen über elektrische Leitungen vom Spieltisch des Organisten aus gesteuert werden müssen.

Die vielen technischen Möglichkeiten und die klangliche Bandbreite der Orgel erklären es, warum diese häufig Organisten von auswärts anzieht, um auf ihr zu spielen. So war die Bötzinger Mühleisen-Orgel viele Jahre feste Station in der Konzertreihe "Mit Bach durch die Region". Barocke Orgelstücke lassen sich hier genau so gut spielen wie die deutsche romantische Orgelliteratur und Orgelwerke der französischen Tradition. Dabei muss man freilich Können beweisen, denn, so weiß es der Organist, "der kleine Kirchenraum verzeiht nichts".

Solch eine Orgel anzuschaffen, das war für die evangelische Bötzinger Kirchengemeinde, zu der auch Gottenheim gehört, eine bewusste, langfristig angelegte Entscheidung. Schon 1991 war die Orgel bei der Leonberger Orgelbaufirma Mühleisen bestellt worden, für damals 500 000 D-Mark. Über Jahre hinweg hatte die Kirchengemeinde Geld gesammelt und für die neue Orgel auf die Seite gelegt. Anfangs hatte es noch Überlegungen gegeben, die Vorgängerorgel umzubauen. Doch dann entschied man sich für eine Neuanschaffung. "Die alte Orgel hatte viele Verschlimmbesserungen erlebt", erinnern sich Irmgard Kanzinger und Wolfgang Schmidt, beide seit vielen Jahren in der Kirchengemeinde aktiv. Der Spieltisch stand auf der Seite der Orgel, es gab eine elektrische Traktur. "Der Unterbau war eine Art Kabuff", erinnern sich Kanzinger und Schmidt. Zeitweise benutzte ihn der Pfarrer als winzige Sakristei. Dann wieder war er offen und in ihn wurden die Konfirmanden gesetzt, damit die Gemeinde während der Gottesdienste sie im Auge behalten konnte.

Diese alte Orgel hatte eine lange, über 200-jährige Geschichte. Schon 1794 wurde sie vom damals "markgräflichen Landorgelmacher" Georg Marcus Stein und Johann Volkmar Voit erbaut, in der damals noch weit kleineren Kirche, die 1848 erweitert und mit dem heutigen Turm versehen wurde. Die 16 Register zählende Orgel erlebte mehrfache Reparaturen. 1917 wurden ihre großen Zinnpfeifen als Metall für Kriegszwecke abmontiert. Erstaunlicherweise kam es im nächsten Weltkrieg, 1944, zu einem Umbau und einer Erweiterung der mittlerweile maroden Orgel durch die Freiburger Orgelbaufirma Welte. Die Orgel bekam nun ein zweites Manual und eine ganze Reihe neuer Register. Von den alten Originalregistern blieben neun erhalten.

Heute nun sind von der alten Orgel einige große Pfeifen als Erinnerungsstücke im Chorraum aufgestellt. Damit man an der neuen Orgel noch viele Jahrzehnte Freude haben kann, unterhält die Kirchengemeinde ein Sonderkonto, um Wartungs- und mögliche Reparaturkosten bestreiten zu können. Auch diesen Finanzbedarf deckt man aus Spenden.
von Manfred Frietsch
am Sa, 03. Januar 2015

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