Mal festlicher, mal kräftiger Klang

BZ-SERIE: In Hugstetten gibt’s zwei sehr unterschiedliche Orgeln.

MARCH-HUGSTETTEN. Nur wenige hundert Meter voneinander entfernt gibt es in Hugstetten zwei Kirchen, die eine evangelisch, die andere katholisch – und zwei Orgeln, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch für Freunde der Kirchenmusik haben beide ihre Berechtigung und ihren ganz speziellen Reiz.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert war Hugstetten noch ein kleines Dorf, das von der Landwirtschaft und dem Tabakanbau in bescheidenden Verhältnissen lebte. In der Nähe vom Schloss beim Rathaus stand schon damals eine kleine Kirche, für die 1879/80 eine Orgel angeschafft werden sollte. Auf die kleine Empore und für die schmale Gemeindekasse passend musste sie sein. Knapp 100 Jahre später kaufte die katholische Gemeinde wiederum eine neue Orgel, doch diesmal mit modernster Technik, passend für die schlichte, große Betonkirche in der Ortsmitte.

Man sieht Martin Schmeisser die Freude regelrecht an, wenn er in die Tasten der im April 1978 festlich eingeweihten Orgel von Sankt Gallus in Hugstetten greift. Einen vornehmen festlichen Klang, ohne den Raum zu erdrücken, attestiert der 74-jährige Kirchenmusiker dem Instrument, das aber aufgrund seiner klassischen Disposition eher für Barockmusik geeignet sei.

Mit 14 hat Schmeisser das Orgelspielen gelernt, seit 1982 spielt er regelmäßig auf den Orgeln der Marcher Kirchen. Besonders schön seien in Hugstetten die zarten Töne, meint der langjährige Leiter der ökumenischen Erwachsenenbildung, der noch immer für die Lösung mit dem freistehenden Spieltisch mit zwei Manualen plus Pedal und die elegante Lösung für den weiten Weg zur Orgel Bewunderung übrig hat. Auch die "wunderbaren Flötenregister" und die "schmetternden Trompeten" begeistern ihn immer wieder.

Die Orgel selber hat 25 Register mit rund 1300 Pfeifen. Eigentlich waren nur 23 Register bestellt, erzählt Orgelbaumeister Hartwig Späth, Inhaber der Firma Freiburger Orgelbau, die das Instrument gebaut hat. Doch beim Bau der Orgel wurden zwei zusätzliche Register kostenlos über den Vertrag hinaus geliefert, "weil wir in dieser Orgel etwas Besonderes bieten wollten und weil es eine jahrhundertealte Tradition ist, wenn es einem Orgelbauer vergönnt ist, in die Kirche seines Heimatortes eine Orgel zu bauen".

Ein Extra ist eine "Piffaro 8", ein Prinzipalregister nach italienischem Vorbild, das schwebend zum Prinzipal 8‘ gestimmt wird. Das zweite gestiftete Register ist eine "vox humana 8", die im Hauptwerk, aber kopfüber in den Schwellkasten hängend, eingebaut wurde. Hier stammt das berühmte Vorbild von der Basilika in Weingarten.

Der Entwurf für die Orgel mit dem dreiteiligen Gehäuse auf der großen Empore stammt ebenfalls von Späth. In der Mitte sind das Hauptwerk und das Schwellwerk, außen steht das Pedalwerk hälftig geteilt in C und Cs-Seite. Solche freistehenden Pedaltürme kamen ursprünglich nur im norddeutschen Orgelbau vor, erläutert der Orgelbauer.

Der Stil der Gehäusekästen sei dem Raum entsprechend schlicht gehalten worden. Lediglich die Schleierbretter aus massivem Eichenholz über den Pfeifenmündungen zeigten dekorative Elemente. Die längste Pfeife der Orgel ist etwa 2,6 Meter lang, der klingende Teil der Kleinsten ist hingegen acht Millimeter kurz. Der tiefste Ton hat 32, der höchste 10 000 Hertz.

Ein ganz anderes Exemplar ist hingegen die aus dem Jahr 1880 stammende Orgel in der evangelischen Martin-Luther-Kirche. Sie sei eine typische Dorforgel aus jener Zeit, einfach aufgebaut mit einer schwierigen Traktur und wenigen Registern, die daher nur begrenzt für konzertante Musik geeignet sei, meint Martin Schmeisser. Die Orgel hat 567 Pfeifen. Die Längste ist 2,5 Meter lang, der klingende Teil der kleinsten misst zwei Zentimeter. Der Ton der tiefsten Pfeife hat eine Frequenz von 32, der der höchsten 6000 Hertz. Die Orgel sei ein Unikat der beiden Orgelbauer Primus Heim und Richard Wintermantel aus Villingen, die nur diese Orgel gebaut haben, erläutert der Marcher Orgelfachmann und Intonateur Reiner Janke.

Das Instrument, das einige Zeit auf dem Dachboden vor sich hingammelte und 1989 restauriert wurde, weise einige ungewöhnliche Konstruktionen auf, so bei den Ventilen für die Luftzufuhr, was laut Janke mit einer gewissen Unzuverlässigkeit verbunden sei. Es entstünden so immer wieder zufällige leichte Heultöne, die nicht reproduzierbar seien. Dennoch liebten viele Organisten den warmen und kräftigen Klang der Orgel, auch wenn die Mechanik aufgrund ihrer Konstruktion schwer zu spielen sei.
von Mario Schöneberg
am Sa, 17. Januar 2015

Orgeln in Hugstetten

Martin-Luther-Kirche

- erbaut 1880 als Unikat von Primus Heim und Richard Wintermantel aus Villingen

- restauriert 1989 durch die Firma Freiburger Orgelbau aus March-Hugstetten

- Register: 8

- Pfeifen: 567

Kirche Sankt Gallus

- gebaut 1979 von Freiburger Orgelbau Hugstetten, Entwurf von Hartwig Späth

- Register: 25

- Pfeifen: rund 1300

Weitere Teile der BZ-Orgelserie gibt es unter mehr.bz/orgelserie
 

Autor: schö

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