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Medizintechnik aus Freiburg: Stryker hilft Ärzten im Körper zu navigieren

Löcher im Schädel, zertrümmerte Fußknochen, Tumore im Kopf: Das sind die Situationen, bei denen die Produkte von Stryker aus Freiburg zum Einsatz kommen.

"Niemand wünscht sich, dass er unsere Produkte braucht", sagt Firmensprecher Michael Braun. "Aber falls doch, ist man heilfroh, dass es sie gibt." Der Medizintechniker US-amerikanischer Herkunft sitzt im Freiburger Gewerbegebiet Haid. "Wenn ich gefragt werde, wie lange es uns gibt, sage ich: seit 1866", sagt der Geschäftsführer Oliver Bärtl.

Damals wurde in Freiburg die Firma F.L.Fischer gegründet, die als Keimzelle der Freiburger Medizintechnik gilt. 120 Jahre nach der Gründung hatte Fischer ernste Probleme und wurde von Leibinger übernommen. 1996 kaufte der US-Pharmakonzern Pfizer das Unternehmen. Eine Verbindung, die nur zwei Jahre hielt. Dann übernahm Stryker das Geschäft.

Stryker ist einer der größten Medizintechniker der Welt. Der US-Konzern hat seinen Sitz, genau wie Pfizer, in Kalamazoo im US-Bundesstaat Michigan. 1936 wurde das Unternehmen von dem Orthopäden Dr. Homer Stryker gegründet. Unter anderem Krankenbetten werden gebaut. Die amerikanischen Rettungstragen, die man aus jeder Arztserie kennt, sind von Stryker. Der Konzern kommt mit seinen 22.000 Mitarbeitern auf einen Jahresumsatz von 8,7 Milliarden Dollar (6,8 Milliarden Euro). "Im Konzern haben wir etwa 55.000 Produkte", sagt Bärtl.

Die 670 Mitarbeiter in Freiburg erwirtschafteten 2012 einen Umsatz von 170 Millionen Euro. Das ist etwas weniger als im Jahr zuvor, als die Auslastung ganz im Zeichen einiger Großaufträge stand. "2011 hatten wir überdurchschnittliches Wachstum", sagt Bärtl. Jahrelang galt bei Stryker die Devise, dass der Umsatz um 20 Prozent wachsen solle. Davon hat man sich mittlerweile aufgrund der erreichten Größe verabschiedet.

Fast jeder vierte Mitarbeiter in Freiburg ist Ingenieur

Die Freiburger sind Spezialisten für zwei Bereiche: das Reparieren von Knochen und das Navigieren im Körper. Die Platten und Schrauben, die zertrümmerte Knochen zusammenhalten, werden in einer hoch automatisierten Fertigung hergestellt. Hergestellt werden die Produkte in der Regel aus Titan. Die Knochenplatten sind jedoch keine starren Gebilde, sondern der Anatomie des Körpers angepasste Muster, die sich über den Knochen legen lassen und ihm so Halt geben. Das Titan macht die Produkte felsenfest. Die Schrauben sind winzig klein, nur ein paar Millimeter lang. Es gibt aber auch welche, die so lang sind wie ein Finger, etwa für den Oberschenkel.

Fast jeder vierte Mitarbeiter in Freiburg ist ein Ingenieur. Fast 20 Millionen Euro investiert Stryker Freiburg jedes Jahr in die Forschung und die Entwicklung neuer Produkte. "Wir sind ein Standort mit vielen Patenten", sagt Bärtl. Aktuell seien 225 Patente auf Freiburg registriert. So wird etwa die Navigationstechnik komplett in Freiburg entwickelt – Hard- und Software. Damit wird ein Raster über den zu operierenden Bereich gelegt. Auch bei den OPs an den Extremitäten kommt die Technik zum Einsatz, etwa wenn es darum geht, die Befestigung für eine Knochenschraube anzubringen. Durch die Navigationstechnik lässt sich der richtige Punkt präzise orten, was zu einem kleineren Eingriff führt. An der Hüfte, im Knie, im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, am Rücken oder der Wirbelsäule – die Einsätze sind vielfältig. Die Schädelplatten aus Freiburg sind so fest, dass ein ausgewachsener Mann auf ihnen herumspringen könnte.

Kritik von der Gewerkschaft

Das Wachstum hat Stryker herausgefordert. Lange, laut Gewerkschaft viel zu lange, waren deswegen zahlreiche Mitarbeiter in Containern untergebracht. Heute räumt Bärtl ein, dass man hier schneller eine andere Lösung hätte finden müssen. "Wir würden es sicher anders machen", sagt er. Gerade nimmt Stryker einen 1100 Quadratmeter großen Neubau in Betrieb. Zudem hat die Firma sich im benachbarten Spectral-Gebäude auf anderthalb Stockwerken eingemietet.

Von der Gewerkschaft gibt es Kritik. "Stryker zählt zu den Unternehmen mit außergewöhnlich vielen Leiharbeitern", sagt Marco Sprengler von der IG Metall. Mehr als 100 seien es immer. Zudem gebe es innerhalb des Unternehmens kein nachvollziehbares Gehaltssystem. "Vergütet wird nach dem Nasenprinzip", sagt Sprengler. Teilweise gebe es für dieselbe Stelle Gehaltsdifferenzen von bis zu 1500 Euro brutto.

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von Philipp Peters
am Di, 11. Juni 2013 um 08:46 Uhr

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