Mehr als ein Erfinderleben: Popplows Biografie über den Lahrer Felix Wankel

Ein Homo politicus wider Willen? – Marcus Popplow hat eine Biografie über den gebürtigen Lahrer Felix Wankel geschrieben.

LAHR. Felix Wankel ist für die Stadt Lahr sicher eine der schwierigsten Gestalten ihrer Geschichte. Der 1902 in Lahr geborene Techniker wurde einerseits 1981 zum Ehrenbürger ernannt, gerät anderseits aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit aber immer wieder in die Diskussion. Eines der zentralen Probleme bestand dabei immer darin, dass es zwar eine gar nicht so kleine Literatur zur einzelnen Aspekten des Lebens Wankels gab, bislang aber keine umfassende Biographie. Letztere hat jetzt Marcus Popplow unternommen, der das Leben des Autodidakten und Erfinders des "Wankelmotors" breit über 150 Seiten in allen seinen Facetten ausleuchtet. Dass er dabei auf Nachweise und Fußnoten verzichtet, ist bedauerlich, aber dem populärwissenschaftlichem Charakter des Werks geschuldet.

Marcus Popplow arbeitet als Wissenschafts- und Technikhistoriker an der Universität Salzburg und hatte bereits zuvor über Wankel publiziert. Seine Biographie lässt sich unter mehreren Blickwinkeln betrachten. Aus technikgeschichtlicher Sicht interessiert vor allem die Frage, wie sich Innovationen in einem bereits besetztem "Feld" durchsetzen. In diesem Fall am Beispiel des Rotationskolbenmotors, der sich gegen den bereits eingeführten Hubkolben durchsetzen musste. Eine andere Sichtweise würde die Frage des Verhältnisses von "einsamen Genie" und Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen und danach fragen, welche Wechselwirkungen zwischen beiden bestehen. Alle diese Fragen und einige mehr werden in dem Buch behandelt.

Bezüglich Lahr jedoch interessiert zunächst einmal besonders das Verhältnis zwischen dem "politischen" und dem "technischen" Wankel. Manfred Dürbeck hatte vor einiger Zeit in dieser Zeitung die entscheidenden Fragen markiert: "Auf welche Weise hat sich Wankel mit dem NS-Regime eingelassen? Wer hat dabei wen möglicherweise instrumentalisiert? War Wankel des Teufels Ingenieur oder der Technikbesessene, der paktierte, weil er seine Arbeit um keinen Preis gefährden wollte?" Popplow untersucht dieses Verhältnis anhand zweier Zeitabschnitte in Wankels Leben.

Zwei Parallelexistenzen in den 20er Jahren

In den 20er Jahren führt der Erfinder in Prinzip zwei Parallelexistenzen. Sein Engagement für die rechtsradikale Szene Badens, sein NSDAP-Eintritt 1922 und dann erneut 1926, seine Tätigkeit als Führer der badischen Hitler-Jugend 1931 – all das sind bekannte Details der Wankelschen Biographie. Im welchen Verhältnis stehen sie zu dem "Hinterhoftüftler", der bereits erste und leidenschaftliche Schritte im Bereich der Motorentechnik unternimmt? Popplow sieht das verbindende Element in einer bestimmten Generationsausprägung jener jungen Menschen, die den Ersten Weltkrieg zwar noch bewusst miterlebt, aber nicht mehr aktiv in ihn eingegriffen haben. Die "Schmach von Versailles" wollten technikbegeisterte junge Männer wie Wankel dadurch tilgen, dass sie aktiv an den technischen Innovationen in Deutschland mitarbeiteten und so den (als unvermeidlich angesehenen) nächsten Krieg durch diese Überlegenheit gewinnbar machten. So gesehen ist der "politische Wankel" unverzichtbarer Bestandteil des Technikers und erklärt einen Teil seiner Motivation. Doch war der Politiker dabei nicht übermäßig erfolgreich. Popplow betont mehrmals den politischen Dilettantismus Wankels, der sich Autoritäten und Parteidisziplin nie unterwerfen wollte.

Nachdem es so 1932 zum Bruch mit der NSDAP (nicht aber mit der nationalsozialistischen Idee) gekommen war, gelang es Wankel nach sechs Monaten "Schutzhaft" erst durch Fürsprache höchster NS-Funktionäre und durch Intervention von Hitler persönlich, einen festen Platz im Rüstungssystem des NS-Staates zu gewinnen. Hier konnte Wankel einerseits seinen "Erfindergeist" voll ausleben, blieb aber objektiv Bestandteil der Kriegsvorbereitung. Auch Popplow kann letztlich nicht genau sagen, ob sich Wankel hier nur notgedrungen auf das NS-System einließ, weil er anders keine Möglichkeit zur Forschung sah.

Einerseits hielt Wankel Distanz zur NSDAP, zumindest was Formalien wie den Hitlergruß oder Paraden zum 1. Mai anging. Auf der anderen Seite blieb der persönliche Kontakt zu Partei- und SS-Spitzen erhalten (Wankel war selbst zwei Jahre Mitglied der SS) und der NS-Staat sah ihn als so wertvoll an, dass seine Bezüge und Unterstützungen laufend erhöht wurden. Den Blick ins Innere des Erfinders jedoch lassen die Quellen nicht zu – ein Problem, dass sich mit vielen Karrieren im NS-Staat verbindet. "Ob ihm die Indienstnahme für Rüstungszwecke jedoch auch aus ethisch-moralischen Gründen missfiel, dazu sind keine Äußerungen von ihm bekannt", formuliert Marcus Popplow und schlussfolgert: "So ist Wankel eines von vielen Beispielen dafür, dass die Rüstungsforschung im Dritten Reich keinesfalls allein von oben angeordnet war. Vielmehr wurde sie durch die Selbstmobilisierung vieler Techniker für die Ziele des Regimes tatkräftig unterstützt."

Nach 1945 keine Möglichkeit mehr zu politischen Eskapaden

Nach 1945 – das sollte nicht vergessen werden – bewegte sich Wankels Leben in völlig zivilen Bahnen. Und jetzt auch höchst erfolgreich. Voraussetzung war natürlich, dass seine Forschungen und Erfindungen nun ausschließlich von zivilen Institutionen unterstützt und nachgefragt wurden. Ein Lernprozess Wankels war damit nicht unbedingt verbunden. Eher gab es schlicht keine Möglichkeiten mehr zu politischen Eskapaden.

Was bleibt nach dem Buch? Zwei Lesarten des Lebens Wankels erscheinen möglich. Wer will, kann in den politischen Versuchen Wankels und seiner Forschertätigkeit vor 1945 vor allem eine Charakterschwäche sehen, die ethisch-moralische Schuld angehäuft, praktisch aber keinen großen Schaden angerichtet hat. Andere werden gerade darin eine der Strukturvoraussetzungen des Nationalsozialismus wahrnehmen, der ohne Techniker wie Wankel nicht hätte funktionieren können.

Das ausgezeichnete Buch von Marcus Popplow liefert alle Fakten, die nach Abwägung und Bewertung zu einer Beurteilung Wankels führen können. Diese Abwägung vorzunehmen, ist jedoch Aufgabe der politischen Öffentlichkeit, nicht des Historikers. Letztlich wird man wohl die beiden oben skizzierten Lesarten zusammendenken müssen, um zu einer angemessenen Würdigung Wankels zu gelangen.
von Thorsten Mietzner Marcus Popplow: Felix Wankel – Mehr als ein Erfinderleben, 160 Seiten, Sutton Verlag, 15.95 Euro
am Do, 29. Dezember 2011

Badens beste Erlebnisse