Boogie Woogie modern

Michael Kaeshammer kehrt mit Band, Piano und Stimme aus Kanada in seine Heimatstadt Offenburg zurück

Der in Kanada lebende Michael Kaeshammer kommt nach China-Tournee für ein Konzert in die Reithalle seiner alten Heimatstadt.

OFFENBURG. Es ist 17 Uhr in Offenburg, als die BZ-Redaktion Michael Kaeshammer ans Telefon bekommt. Der 40-Jährige ist noch nicht lange wach, aber nicht weil er das Leben eines Bohemiens führt. Im Gegenteil. Der gebürtige Offenburger ist Frühaufsteher. Bei Kaeshammer auf Vancouver Island ist jetzt 8 Uhr morgens. Obwohl er gerade von seiner China-Tournee zurück ist und der Jetlag ihm noch in den Knochen steckt, zwingt er sich in den örtlichen Tag-Nacht-Rhythmus.

Freundlicherweise auch, damit der Redakteur in Offenburg wegen der Zeitverschiebung von neun Stunden nicht seinen Feierabend für das Gespräch opfern muss. Kaeshammer wird am Dienstag nächster Woche in seiner alten Heimatstadt auftreten. Jetzt braucht es ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit, denn schon in dieser Woche geht das Tourleben des begnadeten Pianisten und Sängers Musikers weiter. Am Sonntag spielt er mit seiner Band in Londons berühmtestem Jazzclub, Ronnie Scott’s, und am Dienstag in der Offenburger Reithalle. Nach China und dem kurzen Stopp-over in Kanada reist er innerhalb gut einer Woche nun auf dem dritten Kontinent.

Das Telefongespräch nach Offenburg ist ihm aber wichtig. Auf sein Gastspiel in der Stadt, die er als 16-Jähriger verließ, um nach Kanada auszuwandern und als Pianist und Sänger in Nordamerika Karriere zu machen, freut sich Michael Kaeshammer besonders.

Ziemlich schnell fällt im Gespräch das Wort Heimat. Das ist für den bonusmeilensatten Künstler zunächst die Stadt Victoria auf Vancouver Island. Dort hat sich Kaeshammers Familie niedergelassen, als sie 1993 von Offenburg nach Kanada ausgewandert ist. Nach Wohnorten in Toronto, New Orleans und New York, wohin Michael Kaeshammer der Musik und auch der Liebe wegen gezogen war, hat er sich wieder an die kanadische Pazifikküste niedergelassen. Hier, wo der Ozean mit seinen Wassermassen nordische Regenwälder an der Küste nährt, ist es nicht so kalt wie auf dem Festland. "Minus 20 Grad brauche ich nicht mehr", sagt Kaeshammer. Victoria, Zentrum einer Region mit mehr als 350 000 Einwohnern, hat milderes Klima. Zehn Grad plus und Regen sind es an diesem Morgen. "Es fühlt sich hier nach Heimat an", sagt der Mann am anderen Ende der Leitung. Dass er sich auf die alte Heimat jenseits des Atlantiks freut, wird im Gespräch immer wieder deutlich. Dorthin sind seine Eltern mittlerweile wieder zurückgekehrt, während Michael Kaeshammer seine Pianokarriere im Mutterland des Jazz weiter verfolgte.

Schon mit 16, noch in Deutschland, war der Junge ein ziemlich kompletter Boogie-Woogie-Pianist. Der Redakteur erinnert sich an fulminante Solokonzerte des jungen Talents im 1993 neu eröffneten KiK. Da flogen die Fetzen, die Münder und Ohren standen offen, wenn der junge Kaeshammer seine jugendliche Energie mit der riesigen Spannweite seiner Hände mit Boogie Woogie und Harlem Stride Piano in die Tasten hämmerte. Den deutschen Namen Kaeshammer missverstanden Kanadier und Amerikaner nicht von ungefähr immer wieder als "Keys’ Hammer", also Zertrümmerer der Klaviertasten. Seine Inspiration bezog er, statt wie seine Altersgenossen auf Backstreet Boys oder Spice Girls abzufahren, aus dem väterlichen Plattenschrank. Dort waren die Jazzpianoklassiker seine Lehrmeister. Als er dann nach Kanada auswanderte, dem Land des Jahrhundertjazzpianisten Oscar Peterson, befand er sich endlich an der Quelle.

Kaeshammers Pianostil fußt stark in der Tradition, die er aber immer auch mit einem Augenzwinkern bricht. Wie bei der Kunst des Zen schaltet er beim Spielen die Gedanken an all seine Skills aus und lässt die Musik aus sich herausfließen. Nach Offenburg kommt er mit Band und seiner neuen CD "No Filter". Darauf und in Offenburg ist er auch wieder als Sänger zu erleben. Als Gesangskünstler hat der 40-Jährige sich vielleicht am stärksten weiterentwickelt. "Früher war ich als Sänger wie ein Schauspieler und habe verschiedene Rollen ausprobiert. Vielleicht ist es eine Frage des Alters, dass ich das jetzt nicht mehr nötig und meinen eigenen Stil gefunden habe."

Michael Kaeshammer und Band, Dienstag, 28. November, 20 Uhr, Reithalle Offenburg, Karten: Bürgerbüro Offenburg, Fischmarkt 2, Tel. 0781-822000, oder im Internet kulturbuero-offenburg.de
von Ralf Burgmaier
am Di, 21. November 2017


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