Die Seifenkistenbauer von Hohberg

Mit 50 Sachen den Berg runter

BZ-SERIE Wie in Hohberg aus Lausbub-Schraubern professionelle Seifenkistenbauer wurden, die ein Sommerrennen fest etablierten.

HOHBERG-NIEDERSCHOPFHEIM. Seit 18 Jahren gibt es das große Seifenkistenrennen in Niederschopfheim. Was mit ein paar Latten auf einem simplen Fahrgestell ohne Lenkung und Bremse begann, hat sich zum leidenschaftlichen Wettkampf um Hundertstelsekunden an der Lichtschranken-Stoppuhr entwickelt. Das Niederschopfheimer Rennen ist heute ein fester Termin im Kalender der Seifenkistenbauer im Land.

"Meine Mutter hatte damals auf dem Dachboden einen geflochtenen Kinderwagen", erinnert sich Hubert Spitznagel. Abgedeckt mit einer Haube habe er vor Staub geschützt dort gestanden. "Aber mich haben eigentlich immer nur die Räder mit den Achsen interessiert. Diese Kinderwagenräder, die mit einer Metallklammer auf der Achse fixiert waren. Eines Tages habe ich die Haube abgenommen, die Lederschnallen aufgemacht, mit denen die Achsen zur Federung befestigt waren – und die Haube einfach wieder darüber gelegt." Über die erbeuteten Achsen legte der Neunjährige Spitznagel ein paar Latten und rauschte durch Niederschopfheim – und fing sich anschließend ein paar deftige Ohrfeigen der Mutter ein, die die Zweckentfremdung des Kinderwagen-Fahrwerks natürlich bemerkt hatte.

Hubert Spitznagel und seine Jugendclique optimierte die antriebslosen Gefährte später weiter. "Das ging damit los, dass wir die Bretter vorne ein bisschen abgeschrägt haben, wegen des Luftwiderstands." Hubert Spitznagel grinst schelmisch. "Eine Lenkung gab es später auch und wir mussten die Seifenkisten nicht mehr mit Holzlatten steuern, die wir seitlich auf die Straße gedrückt haben." Hauptverschleißteil waren die Metallklammern, mit denen die Reifen auf den Achsen fixiert wurden. "Aber die konnten wir immer beim Fahrradhändler Pius Bühler im Ort besorgen", sagt Hubert Spitznagel.

Mit der Pubertät wurden die Seifenkisten uninteressant, Mofas und Mopeds waren angesagt. Es brauchte die Initiative der Niederschopfheimerin Claudia Seitz, die damals das Kinder-Ferienprogramm ins Leben rief. "Die hat sich bei den Leuten aus unserer damaligen Clique gemeldet und gefragt, ob wir nicht eine Seifenkistenaktion ausrichten wollten", erzählt Hubert Spitznagel.

Anfangs habe es da nur wenige Kinder mit ihren Vätern gegeben, die Interesse hatten. "Jeder hat für sich gebaut und alle ohne Anleitung." Manchmal seien sie bei den Vätern vorbeigegangen, um nach dem Stand der Dinge zu schauen. Denn ein Abschlussrennen sollte das Finale des Seifenkisten-Ferienprogramms sein. Die Strecke war dabei immer dieselbe: Südlich des Niederschopfheimer Friedhofs ging es vom Zetzenberg hinunter. "Damals haben wir noch mit Walkie-Talkies an Start und Ziel den Start freigegeben und mit der Stoppuhr gemessen", erinnert sich Hubert Spitznagel. "Heute läuft das vollelektronisch mit computergestützten Zeitmessanlagen, die an einer Lichtschranke hängen." Das ist nötig, wie man etwa am Ergebnis des Endlaufs im Rennen 2005 sieht.

Für die geklauten Reifen

vom Kinderwagen setzte es eine Tracht Prügel.

Damals gewann die Seifenkiste mit einer Zeit von 1 Minute 28 Sekunden und 20 Hundertstelsekunden. Der Zweite und Dritte waren lediglich 44 und 59 Hundertstelsekunden langsamer.

Zwischen der Zeitmessung per Stoppuhr und der computergekoppelten Lichtschranke lagen Jahre, in denen die Seifenkisten von Mal zu Mal Entwicklungssprünge machten. Spitznagel: "Erst wurden aus Brettern offene Fiberglas-Verkleidungen, später bauten einige gar vollkommen geschlossene Fiberglasaufbauten. Das reduzierte den Luftwiderstand nochmals." Beim Gewicht konnte nichts mehr herausgeholt werden. Als Untergrenze hatten die Organisatoren 150 Kilo inklusive Fahrer festgelegt – was darin mündete, dass sich manch jugendlicher Fahrer zum Wiegen vor dem Rennen die Hosentaschen mit Sand auffüllte...

Eines ist über die Jahre gleich geblieben beim Niederschopfheimer Seifenkistenrennen: "Mann muss Mumm haben, um da runter zu fahren", sagt Luca Spitznagel, Hubert Spitznagels 14-jähriger Sohn und Seifenkisten-Champion. 40 bis 50 Stundenkilometer haben die Hightech-Gefährte heute drauf, wenn sie in Niederschopfheim die Strecke heruntergeschossen kommen. Für Spitznagel steht in jedem Fall fest: "Die Sicherheit geht bei uns vor und ist oberstes Gebot beim Seifenkistenrennen." Für die Rennfahrer wie Luca Spitznagel ist allerdings auch klar: Wer bremst, verliert.

Alle veröffentlichten Teile der Serie sowie weitere Berichte stehen im Online-Dossier unter http://www.badische-zeitung.de
von Bastian Henning
am Sa, 14. Mai 2011

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