65 Jahre Omnibus Schärer in Lahr

Mit dem Omnibus Freiheit erfahren

Wie die Lahrer nach dem Krieg mit schmalem Geldbeutel Mobilität genießen / Seit 65 Jahren mit Omnibus-Schärer in die nahe Welt.

LAHR. 125 Jahre Automobil, das ist zuvorderst ein technisches Jubiläum. Wo ein Diplom-Ingenieur glänzende Augen ob funktionierender Technik bekommt, die zu allem Glück auch noch im Dienste der Menschen steht, da steht nicht nur im Rückblick noch ein ganz anderer Aspekt im Vordergrund. Mobil zu sein ist in hohem Maße persönliche Freiheit. Den Anfang solch individueller Freiheit, den gab es auch für die Lahrer erst Ende der 50er Jahre. Reisen konnte man zuvor zwar mit der Bahn, doch setzte das eine gewisse Zahlungsfähigkeit voraus. Wer neugierig war auf die Welt, der musste auf den Omnibus warten. Dafür steht in Lahr als älteste Firma Omnibus-Schärer.

Winfried Schärer, der heutige Chef und gleichzeitig auch Cheffahrer, kann sich die Daten relativ leicht merken. Er ist nämlich gerade mal eine Woche jünger als das Unternehmen, das seine Eltern Willy und Liesbet am 1. September 1946 gründeten. Will sagen, im Herbst feiert Omnibus Schärer seinen 65. Geburtstag. Winfried Schärer kennt die Geschichte letztlich nur vom Erzählen. Vater Willy, 1919 geboren, war gelernter Kaufmann und trieb als Filialleiter an der Ecke Marktstraße/Sonnenplatz (früher Hut-Baum, heute Juwelier Spinner) einen Gottlieb-Markt um. "Mein Vater hat aber immer mit Lastwagen geliebäugelt. Ausfluss dieser Idee war dann kurz nach dem Krieg, bei den Behörden einen Antrag auf Personenbeförderung zu stellen für ein Taxi und einen Omnibus. Und er hatte sehr schnell ein gutes Näschen: Er erkannte, dass sehr viele Leute zum Beispiel von Heiligenzell nach Lahr wollten, worauf er sich sagte ’ich mache die Beförderung’. Also beantragte er auch eine Linienkonzession."

"1962 haben wir die ersten

Mehrtagesfahrten nach

Rüdesheim, aber auch schon nach Wien angeboten"

Winfried Schärer
Was leichter gesagt als getan war. Willy Schärfer wollte eine Linie von Lahr über Heiligenzell, Oberweier und Friesenheim und zurück in Richtung Lahr fahren. Das wiederum fand die Bahn überhaupt nicht lustig. Die Bundesbahn wollte Willy Schärer nämlich die Linie streitig machen, man näherte sich einem Rechtsstreit. Die Bahn hatte nämlich das Recht, jede Linie parallel zur Gleisstrecke – im gegebenen Fall die Bundesstraße 3 – untersagen zu dürfen. Ein Willy Schärer freundlich gesonnener Mensch im Landratsamt regte deshalb an, die Bahnparallele über die Bundesstraße einfach wegzulassen und grundsätzlich über Burgheim zu fahren. Womit die Barriere weg war. Die Linie 110 von Lahr nach Friesenheim – später wurde auch noch Schuttern angebunden – übergab die Familie Schärer zum 1. August 2001 an die SWEG. Blickt man zurück auf das, was den öffentlichen Nahverkehr ausmacht, so fuhr die Familie Schärer noch im Auftrag Schülerverkehr etwa von Niederhausen über Oberhausen nach Ettenheim.

Der Linienverkehr, das waren Zweckfahrten zum Arbeitsplatz, später zur Schule. Die Freiheit des "kleinen Mannes" und dessen Frau, das war der Omnibus im Reiseverkehr. Wiewohl das erste Schärer-Fahrzeug zur Personenbeförderung ein Lastwagen war, auf dem Sitzbänke installiert wurden. Man saß selbstverständlich im Wind, eine besonders urwüchsige Form von Air-Condition.

Der Zweite Weltkrieg war vorbei, Deutschland war ein Trümmerfeld, und doch ahnten die Großväter und Großmütter, dass in einer Zeit ohne Krieg mit der Hände Arbeit ein bisschen weniger Sorgen da sein könnten. Kurz nach dem Krieg, da konnten sich die Menschen nicht mal in Süddeutschland ungehindert bewegen, erst 1950 wurden für die Deutschen die Grenzen wieder geöffnet. "1948 erhielten wir den ersten Bus, einen Magirus, bis 1950 machten wir dann aber nur Linienfahrten", schildert Winfried Schärer die Anfänge. Der Bus trug ein französisches Kennzeichen, weil Lahr in der französisch besetzten Zone lag. Im Schärer-Archiv findet sich aber noch ein Hinweis, dass man schon 1949 zu einem Fußballspiel nach Basel fahren durfte.

Der Reiseverkehr begann zaghaft. Wer im Schärer-Archiv nachliest, kommt nicht umhin, die 1950er Jahre als in vielfacher Hinsicht historisch zu sehen. Wer konnte 1954 schon vor dem Fernseher das legendäre Endspiel der Fußball-WM zwischen Deutschland und Ungarn erleben? Mit ein bisschen Glück lauschte man vor dem Radio der Fußballübertragung, die ein überschwänglicher Herbert Zimmermann kommentierte mit dem fulminanten Schlusssatz: "Turek, du bist ein Fußballgott." Im Sommer 1954 jedenfalls war sogar der damalige Lahrer Oberbürgermeister Heinrich Friedrich mit Schärer bei der Fußball-WM in der Schweiz.

Wo lagen denn die Ziele, die die Deutschen im Rahmen der neuen Freiheit und im Rahmen ihres schmalen Geldbeutels anpeilten? Anfänglich waren es nur Nahziele im Schwarzwald. Wobei zu bedenken ist, dass nach den Jahren des Aushungerns im Krieg und später der gemeine Lahrer allenfalls aufs Fahrrad zurückgreifen konnte. "1962 boten wir die ersten Mehrtagesfahrten an. Rüdesheim und Moseltal, Genfer See, Wien, Venedig, Gardasee oder auch Grindelwald waren damals die Ziele", beschreibt Winfried Schärer das elterliche Angebot. Papa Willy Schärer hatte Talent im Umgang mit den Gästen und Reisenden. Sohn Winfried: "Er lenkte den Bus und sorgte für Unterhaltung, das war damals so und kam gut an." Das hat in der Tat gut funktioniert, und bis zu den 70er und 80er Jahren wuchs die Busflotte der Familie Schärer auf sechs Busse an, wobei da die Fahrzeuge für die Linien mitgerechnet sind. Willy Schärer und seine Frau Lisbet konnten die Kunden für sich einnehmen, das Unternehmen hatte einen guten Ruf, bestätigen die älteren Lahrer. Das Wachsen hatte auch seine Schattenseiten, denn beim 50-jährigen Betriebsjubiläum scherzte Lisbet Schärer, allerdings nicht ohne Stolz: "Es war, als wäre ich mit drei Kindern ledig gewesen." Willy Schärer saß im Bus. Aber die Aussage macht deutlich, dass Schärer ein Familienunternehmen war, das auf die Mithilfe aller setzte.

Die Zeiten haben sich geändert. Winfried Schärer: "Früher waren die Vereine gute Kunden, Betriebe nutzten Busreisen für Ausflüge mit der Belegschaft. Und früher hatte jeder Busreisende ’sein’ Busunternehmen, heute geht es den Kunden ausschließlich um das gewünschte Ziel, dann holt man sich den Katalog und bucht bei dem Unternehmen, das den geschicktesten Termin mit dem richtigen Ziel hat". Auch die Frage nach dem Komfort spielt eine ungleich größere Rolle als früher. Winfried Schärer sieht auch eine Tendenz zu wieder mehr jüngeren Busreisenden. "Viele Kunden haben keine Lust mehr, selbst etwas zu organisieren, manchen ist das Autofahren lästig geworden", stellt er fest.

"Beim ersten Mal in Paris, am

Arc de Triomphe kam, ich ganz

schön ins Schwitzen"

Winfried Schärer
Winfried Schärer sitzt bis heute am Steuer seines 400 PS starken MAN-Busses. Im Dezember 1968 hatte er den Führerschein gemacht und war dann zunehmend ins Geschäft eingestiegen. "Ich bin bis heute gerne Busfahrer. Die Feuertaufe war einige Wochen nach dem Führerschein, als es im Februar 1969 nach Paris ging. Als ich damals als schüchterner Fahrer um den Arc de Triomphe herumgefahren bin und nach einer Ausfahrt im grandiosen Kreisverkehr gesucht habe, da kam ich schon ins Schwitzen." Aber das hat sich dann gelegt. "In Deutschland bin ich vermutlich am häufigsten in Hamburg gewesen", blickt Schärer auf seine Fahrten zurück, "aber ich war auch unheimlich oft in Rom." 100 000 Kilometer sind es im Jahr, die Winfried Schärer hinter dem Steuer seines Busses sitzt. Für 2011 hat er um die 30 Reisen organisiert und ausgeschrieben. "In den vergangenen Jahren sind Ost- und Nordsee verstärkt Reiseziele geworden, aber Südtirol und der Gardasee, die laufen immer noch gut." Dabei räumt Winfried Schärer unumwunden ein, dass insbesondere Städtereisen mit dem Bus in den vergangenen zehn Jahren an Attraktivität eingebüßt haben. Billigflieger und eine selbständig agierende Kundschaft sind der einfache Grund dafür.

Der gelernte Reiseverkehrskaufmann lässt sich davon aber nicht beirren. Er freut sich wie andere auch auf Ostern, "denn da fahre ich nach Meran". Die weiteste Reise in diesem Jahr führt ihn nach Sardinien. Und da er sehr gerne mit dem Omnibus fährt, wird auch das kein Problem sein. Die Freiheit hinter dem Steuer, die ist für Winfried Schärer eben das, was die Lahrer nach dem Krieg aus bescheidensten Anfängen heraus in die Welt hinaus führte. Neugierig zu sein auf andere Städte, Landschaften und Länder. Und wenn es an etwas fehlt, wenn irgend etwas nicht so funktioniert, wie man das gerne hätte: Dann hat man Winfried Schärer dabei, der als Fahrer und Chef das richten muss.

Alle veröffentlichten Teile der Serie sowie weitere Berichte stehen im Online-Dossier unter http://www.badische-zeitung.de
von Bruno Kohlmeyer
am Sa, 09. April 2011

Badens beste Erlebnisse