Mit einem Hauch von Silbermann

BZ-WEIHNACHTSSERIE: In Neuershausen steht eine der ältesten Orgeln der Region/ Kampf gegen Schimmel und Dachschaden.

MARCH. Ihre Heimstattat ist ein Kleinod, die Mitte des 18. Jahrhunderts erbaute Barockkirche St. Vincentius, und sie selber ist auch eines: die über 200 Jahre alte Orgel des Waldkircher Orgelbaumeisters Matthias Martin. Derzeit steckt das erst vor vier Jahren umfangreich restaurierte Instrument jedoch in einer Holzverschalung und in Schwierigkeiten, die der desolaten Dachstatik des Kirchengebäudes geschuldet sind. Im Dach sitzt der Schwamm.

Seit vier Jahren ist das katholische Gotteshaus offiziell geschlossen und seit geraumer Zeit eine Baustelle. Und die zum Schutz vor den Bauarbeiten eingehauste Orgel muss schweigen. Zwischen Baugerüst und -materialien stehen die Pfarrgemeinderatsvorsitzende Monika Kretsch und der Marcher Musikwissenschaftler und Orgelkenner Markus Zimmermann. "Die Deckenstatik steht wieder", freut sich Kretsch nach Jahren des Bangens und Geldsammelns und Monaten des Bauens. Weitere Gewerke allerdings stehen aus. Als nächstes sollen die in Mitleidenschaft gezogene Stuckdecke, im Anschluss daran Chor, Sakristei und Turm renoviert werden. "An Ostern hoffen wir, hier wieder einen Gottesdienst mit Orgelbegleitung feiern zu können", ist Kretsch zuversichtlich. Die weiteren Bauabschnitte sollen davon unabhängig erfolgen. Fleißig wird immer noch Geld gesammelt, denn die Rettung ist kostspielig.

Ihre Rettung während des ersten Weltkrieges verdankt die Neuershauser Orgel wohl schlicht glücklichen Umständen. Sie gehörte zu den wenigen, deren Pfeifen nicht aus Materialmangel vernichtet wurden, freut sich Orgelkenner Zimmermann über den Erhalt der Originale. Mehr Sorgen bereitete ihm der Schimmelbefall am Instrument, der durch die jetzige Einhausung ausgelöst, aber mittlerweile in den Griff bekommen wurde. Ohnehin, so Zimmermann, sei Schimmel an Kirchenorgeln ein wachsendes Problem, denn die Messner, die regelmäßig und bereits in den frühen Morgenstunden sowie an Wochenenden lüften würden, gäbe es kaum mehr.

Statt Menschhand soll auch in Neuershausen künftig moderne Technik, die das Raumklima überwacht und die Fenster elektrisch öffnet, für ein Orgel-Wohlfühlklima sorgen, wünschen sich Kretsch und Zimmermann. Dieser beginnt nun zu schwärmen, denn Neuershausens Orgel wurde "von Silbermann angehaucht". Für alle Nicht-Experten: Johann Andreas Silbermann, 1712 in Straßburg geboren, ist Spross einer der bekanntesten Orgelbauerfamilien des 18. Jahrhunderts. Auch die 1769 geweihte Orgel in der Wallfahrtskirche St. Landelin in Ettenheimmünster wurde vom elsässischen Meister gebaut. Hier wiederum wurde im Jahre 1765 Matthias Martin als Sohn eines Klosterziegelmachers geboren. Jahre später arbeitete Martin, inzwischen selbst Orgelbauergeselle, bei einem ehemaligen Silbermann-Schüler – in der Orgelwerkstatt des Hoforgelmachers Johann Ferdinand Balthasar Stieffell in Rastatt. 1811 war die Orgel fertig und wurde bis 1817 dann in Raten abbezahlt.

"Die gesamte Orgel ist das System Silbermann. Eine ganz einfache Mechanik mit Hebeln aus Metall und Holz, für die es nie Ersatzteilschwierigkeiten gibt. Die kann jeder Handwerker bauen", erläutert Zimmermann, wie man mit einfachsten Mittel mittels hoher Kunstfertigkeit zu höchstem Klanggenuss kommt. Eines der zwei Zungenregister, mutmaßt Zimmermann, könne noch "original Martin" sein. Über die beiden Jahrhunderte sei der Orgel jedoch mit Klein- und Kleinstreparaturen "einigermaßen zugesetzt" worden, so der Musikwissenschaftler. 1859 kam es zu ersten Reparaturen, Blasebalg und Windladen waren schadhaft. 1927 beklagte ein Freiburger Domkapellmeister, die Blasebälge seien wahre "Froschmäuler" und "das ganze altersschwache Werk macht den Eindruck, als ob an demselben auch von Pfuschern herumgearbeitet worden sei", zitiert ihn die Ortschronik. Es kam zu einer ersten und 1973 zur zweiten, größeren Restaurierung.

Im Jahre 2000 gründete sich in Neuershausen dann ein Orgelförderverein, der innerhalb von zehn Jahren die nötigen Mittel für die ebenfalls wieder dringend nötige Komplettrestaurierung sammelte. Seitdem ist die Orgel, die für ihre Frischzellenkur rund ein Jahr im Exil beim Pforzheimer Orgelbauer Rohlf weilte, wieder "etwas Ganzes", wie sich Markus Zimmermann ausdrückt. "Die Klaviatur geht wunderbar zu spielen, der Wind ist sehr regelmäßig", beschreibt er das Instrument, dessen Windanlage sich nicht nur elektrisch, sondern – wie zu Silbermanns Zeiten – auch per Handbetrieb betätigen lässt. Wer der Heimat der Martin-Orgel, der Kirche St. Vincentius, etwas Gutes tun möchte, spendet für die Aktion "Deckenträger gesucht": Pfarrgemeinde Neuershausen, Stichwort Sanierung, Konto 12610 bei der Volksbank Breisgau-Nord, BLZ 680 920 00.
von Julius Steckmeister
am Fr, 19. Dezember 2014

MARTIN-ORGEL

- Baujahr: 1810/11

-  Firma: Matthias Martin, Waldkirch, - Register: 13

- Orgelpfeifen: 785

- Restauriert: zuletzt 2010 bei Orgelbau Rohlf in Neubulach

Weitere Serienteile gibt es unter http://mehr.bz/orgelserie
 

Autor: just

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