Der Beruf des Kfz-Mechatronikers

Mit Motoröl und Messgerät

Warum aus dem Kfz-Mechaniker ein Kfz-Mechatroniker wurde.

FRIESENHEIM-HEILIGENZELL. Ölverschmierte Arbeiter, die sich in düsteren Hallen tief über einen Automotor beugen, um beidhändig daran zu schrauben, die an Drehbänken Ersatzteile herstellen und Vergaser justieren – einen solchen Automonteur, den klassischen Kfz-Mechaniker, findet man so heute in keiner Werkstatt mehr. Im Rahmen der BZ-Serie zu 125 Jahren Automobil geht es heute um den Beruf des Kfz-Mecha-tronikers. Beim Autohaus Bayer in Heiligenzell werden ständig elf Lehrlinge in diesem Beruf ausgebildet.

Sascha Hug schaut konzentriert auf die hin- und herspringenden Digitalziffern des elektrischen Spannungsmessers. 11,8 Volt zeigt es an, im nächsten Moment 0,0 und einen Augenblick später wieder 11,8. "Was sagt uns das?", fragt Helmut Merklin. Der 53-Jährige ist Kfz-Techniker bei Auto Bayer in Heiligenzell und lernt den 18-jährigen Sascha Hug aktuell an. Der blickt hoch und sagt: "Strom liegt an. Und der Schalter funktioniert auch." – "Richtig", antwortet sein Mentor. Der elektrische Fensterheber an einem Renault funktioniert nicht. Um dem Fehler auf die Schliche zu kommen, greift Kfz-Techniker Merklin mit dem Messgerät die Kontakte am Elektromotor des Fensterhebers ab. Sein Lehrling Sascha Hug soll sich an der Fehlerdiagnose versuchen. Früher wäre das ein Fall für einen Elektriker gewesen. Diese Zeiten sind vorbei.

Wer eine Zylinderkopfdichtung wechseln kann, muss heute auch in der Lage sein, mikroprozessorgesteuerte Einspritzanlagen zu durchschauen, muss elektronische Einheiten kennen und wissen, wie sie miteinander verschaltet sind. Wer eine Nockenwelle ausbauen kann, muss auch die Schaltkreise eines Antiblockiersystems verstehen. Denn Autos sind heute rollende Halbleiterplatinen – die nebenbei von einem Verbrennungsmotor unter der Haube angetrieben werden.

So wie das Automobil hat sich auch der Beruf des Kfz-Mechanikers zum Kfz-Mechatroniker gewandelt. Den Wandel hat Helmut Merklin miterlebt: "Ich selbst habe noch eine komplette Metallausbildung gemacht, bei der ich Drehen, Fräsen oder Gewindeschneiden gelernt habe. Aber das ist heute ja kaum mehr nötig." Auto-Ersatzteile werden heute zentral beim Zulieferer geordert. Der Mechatroniker kümmert sich um die Fehlerdiagnose und ersetzt defekte Systeme. Der Werkstattleiter und Ausbildungsbeauftragte vom Autohaus Bayer, Thomas Ketterer, bestätigt das: "Das Handwerkliche ist in dem Beruf zurückgegangen. Es geht heute mehr um die Kompetenz, die Systeme in ihrem Zusammenwirken zu verstehen."

Beim Autohaus Bayer in Heiligenzell durchlaufen ständig elf Lehrlinge die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Die Lehre dauert dreieinhalb Jahre. Am Berufskolleg der Gewerbeschule Lahr kann man die Ausbildung mit einem höherwertigen Abschluss auch in drei Jahren machen. Die Ausbildungsdauer hat sich nicht geändert als im Mai 2001 aus dem Kfz-Mechaniker ein Kfz-Mechatroniker wurde. Müssen die jungen Leute deshalb heute mehr Stoff aus anderen Fachgebieten in derselben Zeit lernen? Nein, sagt Thomas Ketterer. Mit dem Rückgang bei der handwerklichen Ausbildung habe das Lernen an elektrischen Komponenten zugenommen. "Es hat eine Umschichtung der Ausbildungsinhalte analog zu den veränderten Aufgaben im Beruf stattgefunden."

Des Einen Freud ist des Anderen Leid: Azubi Sascha Hug lernt so zwar Dinge, mit denen er sonst wahrscheinlich nicht in Berührung geraten wäre. Er gibt aber zu: "Eigentlich ist die Elektrik nicht so mein Fall." In seinem Element ist er dagegen, wenn er das widerspenstige Hitzeschild zwischen Auspuffrohr und Unterboden wieder an seinen Platz schrauben soll. Mit ein wenig Hilfe von Mentor Helmut Merklin gelingt es ihm. Dabei hatte er auch beim defekten Fensterheber den richtigen Riecher. Strom war zwar da und der Schalter funktionierte. Aber wenn der Elektromotor kaputt ist, nützt das alles nichts. Fehlerdiagnose bestanden!

Alle Teile der Serie sowie weitere Berichte stehen unter http://www.badische-zeitung.de/125-Jahre-auto
von Bastian Henning
am Fr, 11. März 2011

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