"Muschi strickt fürs Rote Kreuz graue Strümpfe"

BZ-SERIE: "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (15): In Belgien wird ein Radfahrer-Bataillon zerstört, in Coburg beten die Kinder für den Pappi und den deutschen Sieg.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

18. AUGUST 1914

Mädchen, Karlsruhe
Mlawa, ein Ort von etwa 10 000 Einwohnern an der Eisenbahnlinie Soldau–Warschau, ist von den deutschen Truppen besetzt worden. Das Unterseeboot U 15 ist von einer Fahrt mehrerer Unterseeboote nach der englischen Küste nicht zurückgekehrt. Nach englischen Zeitungsberichten ist es im Kampf untergegangen.

Otto Gehrke, Rogery (Belgien)
Vormittag 7.15 Uhr Abmarsch über St. Vith, Richtung Belgien. Nachmittag 1.45 Uhr überschritten wir unter dreimal donnerndem Hurra und Absingen der Nationalhymne die Grenze bei Beho. Quartier
in Rogery, 35 km. Wetter gut, sehr heiß. Liegen im Stall, müde.

Karl Groppe, bei Offus (Belgien)
Im Laufe des Vormittags waren noch die 4. Jäger, die Maschinengewehr-Abteilung
Nr. 7, Feldartillerie-Regiment 26 und verschiedene Kavallerie-Regimenter eingetroffen. Gleich nach Mittag nahmen wir Gefechtstellung ein und erwarteten den Feind. Dieser hatte uns hier wohl nicht erwartet und kam vergnüglich auf der Höhe entlanggefahren. Der Vortrupp war ein Radfahrer-Bataillon direkt aus Paris. Wie die nahe genug heran waren, eröffneten sämtliche Maschinengewehre gleichzeitig das Feuer. Wie umgemäht stürzten die Radfahrer zu Boden. Da die Franzosen nicht angriffen, gingen wir vor. Der Feind ging jedoch schnell zurück, hinterließ 31 Tote, 18 Verwundete und 25 Gefangene. Auf unserer Seite war nur einer tot und drei verwundet.

Freifrau von Wertheim, Coburg
Muschi strickt fürs Rote Kreuz graue Strümpfe: Ob das Rote Kreuz sie je zu sehen kriegt? Der Eifer ist immer schnell erlahmt. O Muschichen, hättest du doch ein bisschen mehr Beharrlichkeit bei allem! Hans-Georg hat so viel, er kann stundenlang dasselbe tun. Abends betet ihr für den lieben Pappi und den deutschen Sieg und Muschi noch für alle Kriege der Welt, die bestehen und nicht bestehen, für den
Balkan, für Mexiko.

Milly Haake, Hamm
Sieh dir dieses Sträußchen an, Tagebuch!
Ist es nicht reizend? Ich bin ganz entzückt
davon. Ich hoffe, dass dieses hübsche Blau nicht verloren geht. Treue predigen diese
süßen Blumen. Kornblumen, die Lieblingsblumen unseres greisen Heldenkaisers, aus denen unsere süße Königin Luise einst für ihn einen Kranz flocht. Königin Luise, die edelste der deutschen Königinnen, dir gleich möchte ich werden. Ob es wohl jemals gelingt. Heute muss ich besonders daran denken, denn heute bin ich dem Kindesalter entschlüpft, bin in das lustige Backfischalter getreten. Lustig wohl, aber auch ernst, ernst für den, der das Leben nicht als ein Spiel ansieht, der es nicht verträumt oder verjubelt oder in finsterem Brüten verbringt. Nein, das will ich nicht. Gestern Abend bin ich ins Wäldchen gegangen. Es war schon ziemlich dunkel. Der Nachtwind flüsterte in den Wipfeln der Bäume und strich wie liebkosend um meinen Kopf. Es war so still und schön, und wieder überkam mich ein Sehnen, ein nie gestilltes Heimweh, Heimweh nach oben. Was nützt es, wenn die Seele sich in solchen Stunden emporschwingt zu Gott, gereinigt von allem Staub der Erde? Sie muss wieder hinab in das Getümmel der Welt. Auf einsamer Höhe kann sie nicht bleiben. Und doch, ein Rest von Seligkeit bleibt im Herzen zurück. Das hilft hinweg über viele, viele Stunden. Einst droben am Jüngsten Tag, wenn alles, alles offenbar wird, dann
wird auch Enzio wissen, dass ich ihn liebe, und er wird mich lieben, denn alle Menschen werden einander lieben. Die Hoffnung wird erfüllt, der Glaube wird zur Wirklichkeit, aber die Liebe bleibt, bleibt ewiglich. Liebe! Gott ist ja selbst die Liebe.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Mo, 18. August 2014


Badens beste Erlebnisse