Kutzenhausen im Elsass

Museum der Stickkunst

Kutzenhausen, sein Museum und die Kunst des Stickens .

Schon der Ort wirkt wie ein Museum: Hübsche Fachwerkhäuser mit den typischen schmalen Ziegeldächern über den Fenstern zum Schutz vor Regen, Blumenkästen, Reben an den Wänden, gepflegte Gärtchen hinter Sandsteinmauern, alte Brunnen vor vielen Häusern, zwei Kirchen, ein Restaurant "Fleckenstein" in einem malerischen Innenhof mit imposantem Torbogen und ein altes Milchhaus, die "Ancienne laiterie".

Dort, in Kutzenhausen im Nordelsass, wurde einst Butter hergestellt, die bis Straßburg und Paris auf den Tisch kam. Die Milch dazu lieferten unter anderem die Bauern jenes prächtigen Hofes an der Place de l’Eglise, auf dessen Putz in blauer Schrift "Maison Rurale de l’Outre-Forêt" zu lesen ist. Frei übersetzt Bauernhofmuseum, wörtlich aber Bauernhof hinterm Wald.

Gemeint ist der Wald von Hagenau, einer der größten Frankreichs, der bis ins frühe 20. Jahrhundert wie eine undurchdringliche Grenze gewirkt und dahinter lange eine ganz eigene bäuerliche Kultur erhalten hat. So hatten die Häuser von Kutzenhausen ungewöhnlicherweise zuerst Strom und später fließendes Wasser, erzählt Museumschefin Sonja Fath. Deshalb auch die vielen Brunnentröge mit den alten Schwengelpumpen.

Das Anwesen geht auf Félix Stambach zurück, einen Einwanderer aus Osteuropa, der von 1717 bis 1729 in Kutzenhausen lebte und den Hof seinen Söhnen vermachte. Das aktuelle Wohnhaus wurde 1744 gebaut. Ein Zweig der Familie wanderte nach Amerika aus, weshalb das Museum heute immer wieder Besucher aus den USA hat. 1988 entdeckte der Cercle d’Histoire de l’Outre-Forêt, heute Verein für Geschichte und Archäologie des Nordelsass, auf der Suche nach einem geeigneten Objekt für ein Bauernmuseum den Hof, der von seinem letzten Besitzer zum Verkauf angeboten wurde. Es brauchte zehn Jahre Planung und Arbeit, ehe im Mai 1998 das Museum eröffnet werden konnte. Ziel ist es, mit Dauer- und Sonderausstellungen, aber auch mit Veranstaltungen das Leben der Menschen in der Zeit vor der Motorisierung zu dokumentieren. Schon die Gebäude (Wohnhaus, Nebenhaus, Stall, Scheunen, Brennerei) sind mit ihrer u-förmigen Anordnung und der offenen Seite zur Place de l’Eglise, ursprünglich Kirchgässel, typisch für die Region.

Und so kann der Besucher die Großstub mit dem Esstisch in der Ecke bestaunen, dazu die Kleinstub und die Küche, den Alkoven, in dem der Bauer auf der Straßenseite, die Bäuerin auf der warmen Innenseite des Hauses geschlafen hat, die Schönstub für ein junges Paar und die Räucherkammer, in der es immer noch nach Speck duftet. Und natürlich jede Menge Gebrauchsgegenstände, die aus der ganzen Region zusammengetragen wurde: Viel Keramik aus Soufflenheim und Betschdorf, aber selbst die Möbel und Einrichtungsgegenstände wirken, als wären die Bewohner gerade mal aufs Feld gegangen. Charakteristisch für die Region sind die Stühle mit ihren unterschiedlichen Muster an der Rückenlehne. Früher hatte jede Familie, so erzählt Fath, ein eigenes Muster. Und wenn man sich bei einem Bauern zum abendlichen Plausch traf, brachte jeder seinen eigenen Stuhl mit.

Im Keller wird die Vorratshaltung im Bauernhof für Sauerkraut, Eier, Kartoffeln und natürlich Wein demonstriert. Dazu kommen in den Räumen, aber auch im Innenhof Geräte verschiedener Handwerker und altes landwirtschaftliches Gerät, ferner ein Garten und ein Hühnerhof. Nicht zu vergessen ein komplett eingerichtetes Klassenzimmer, in dem die 3000 Schüler, die das Museum jedes Jahr besuchen, mit Feder und Tinte Schönschrift unter den kritischen Blicken eines jungen General de Gaulle an der Wand üben können. Ein kleiner Museumsshop und eine Cafeteria ergänzen das Angebot.

In einem speziellen Ausstellungsraum werden jedes Jahr fünf bis sechs Themen vom Brotbacken übers Schnapsbrennen bis hin zu Großmutters Hausmittelchen vorgestellt. Einer der Höhepunkte ist das Festival Point de Croix et Broderie, das Kreuzstich- und Stickerei-Festival Ende Oktober, in diesem Jahr von Donnerstag, 26., bis Sonntag, 29. Oktober. Mehr als 150 Aussteller aus ganz Europa zeigen an einem Dutzend Ausstellungsorten in Kutzenhausen und den Nachbargemeinden ihre Arbeiten. Vom 19. November bis zum 31. Dezember geht es um Weihnachtszauber von der Laterna Magica bis zu Weihnachtsfilmen von Walt Disney, sowie jeden Sonntag vom 26. November bis zum 17. Dezember um elsässische Traditionen und Aromen der Advents- und Weihnachtszeit – also um Bredele und andere Leckereien.

von Rolf Müller
am Fr, 20. Oktober 2017


Badens beste Erlebnisse