Frauen aus Tamale: Rafia A-Rahaman kickt im Verein

Nach guten Mathenoten und vor der Moschee

Ein durch und durch traditionelles Leben wird auch von den jungen Frauen in Tamale im Norden Ghanas erwartet. Dass da ein Dutzend täglich zum Fußballtraining gehen, ist da durchaus was Besonderes. Und Rafia A-Rahaman hat sogar richtige Profi-Kicker-Pläne.

Ballbeherrschung ist alles. Und wenn Rafia A-Rahaman ihre Gegenspielerin ausdribbelt, ist leicht zu sehen, dass genau das ihr Ding ist: Ballbeherrschung. Trainer Aziz Hamond, einst selbst erfolgreich als Fußballer bei RTU Tamale, schaut streng, als Gegenspielerin Lalia Aoud fast schafft, Rafia aufzuhalten, aber schließlich tänzelt sie vorbei, den Ball am Fuß – und die Rollen werden getauscht. Es ist Montagnachmittag auf einem rotstaubigen Hartplatz in einem versteckten Stadtteil von Tamale – und die U-17-Team Vodafone Ladies-Mannschaft trainiert. Wie jeden Tag.

Mit zehn Jahren hat Rafia angefangen, Fußball zu spielen. Heute ist sie gerade 17 – und höchst ambitioniert. Ihr Traum: eines Tages ins Nationalteam berufen zu werden. Ihre Eltern, erzählt sie, waren nicht sehr glücklich, als ihre Tochter das Fußballspielen für sich entdeckte. Inzwischen ist das anders: "Jetzt schickt mich meine Mutter sogar los, wenn sie das Gefühl hat, ich könnte zu spät zum Training kommen!" Dafür musste sie allerdings erst unter Beweis stellen, dass die Schule nicht zu kurz kommt.

Noch zwei Jahre hat sie vor sich auf der Senior Second Highschool. Mit Mathematik als Lieblingsfach und fast unstillbarem Lesehunger, schlägt sie sich auch auf diesem Gebiet so überzeugend, dass das äußerst zeitintensive Training auch nach Ansicht der Eltern längst kein Problem mehr ist. Von Montag bis Freitag nämlich ist der Wochenplan unverrückbar: Flanken, Köpfen, Tackling – von drei bis fünf, manchmal auch bis sechs.

Etliche männliche Zaungäste beobachten das Training an diesem Nachmittag mit echter Anerkennung: "Die können richtig was!" Und erst recht die zwei Dutzend kleinen Jungs, die stolz erzählen, dass sie selber kicken, finden, dass sie von den Frauen lernen können: "Die spielen toll!" Noch nicht toll genug, fürchtet Rafia – und stoppt den Ball, passt rüber zu Lalia, nimmt auch die nächste Flanke elegant aus der Luft und spielt den Ball zurück. "Fußball macht mich beweglich und fit", sagt sie.
Vorbild für die Fußballerin ist kein geringerer als Messi: "Der ist als Fußballer wirklich fast perfekt." Dahin will sie auch. Möglichst auf vielen Positionen spielen können – zum Beispiel – obschon sie mit breitem Lachen gerne anerkennt, dass ihre große Stärke die Verteidigung ist. Vor einigen Wochen konnte sie in Accra an einem Auswahlturnier teilnehmen, das ein wichtiger Schritt in Richtung Nationalmannschaft hätte sein können. Diesmal hat es noch nicht gereicht, aber, setzt sie entschlossen nach, "ich bleib dran!" Dennoch, betont die 17-Jährige, ist es das Spielen selbst, das lockt, die Arbeit mit dem Ball, die Freude an einem guten Kick, das Spiel in einem verlässlichen Team. Ist irgendwas am Training je anstrengend, ungeliebt? Nein, nichts: "Ich liebe alles am Fußballspielen!" Und natürlich liebt sie auch das Zuschauen – ihre Favoriten sind Chelsea und Real Madrid.
Rechtsfuß Rafia hat die ersten Begegnungen mit dem runden Leder ihrem Bruder zu verdanken: Sie als einzige von vier Schwestern konnte mit dem Ball auf Anhieb fast genauso viel anfangen wie die Jungs auf dem Fußballplatz. Anfangs spielte sie denn auch in Jungenmannschaften mit ("die haben mich immer voll akzeptiert!"), später fand sie zu den Team Telecom Ladies, die heute als Team Vodafone Ladies firmieren. Ein Leben als Fußballprofi? In Ghana noch immer undenkbar, wiegelt sie ab, aber eine Zeitlang in Deutschland spielen: Warum nicht? Die deutschen Fußballerinnen stehen bei Rafia hoch im Kurs – immerhin sind sie die amtierenden Weltmeisterinnen.
Die Fußballbegeisterung steht der drahtigen Spielerin ins erhitzte Gesicht geschrieben – die Welt ringsherum verliert sie dennoch nicht aus dem Blick. Ein Leben als Fußballspielerin wäre ihr mit Mann und Kindern, etwa, käme ihr keineswegs komisch vor: "Ich hätte gerne den Fußball und eine Familie – das Fußballspielen macht schließlich keinen Mann aus mir!" Und dass es irgendwann ein Leben nach dem Fußball gibt, beschäftigt die junge Verteidigerin auch. Deshalb gibt es durchaus ernsthafte berufliche Perspektiven, an denen sie arbeitet: Ein Berufsleben als Journalistin könnte sie sich gut vorstellen. Keine schlechte Idee, denn auch da sind Dribbling- und Tackling-Künste oft genug gefragt. Spricht’s und trollt sich zurück auf den Platz, flankt aus dem Lauf punktgenau auf Lalia – und die locht eiskalt ein. Tolles Zusammenspiel, Training Ende.
von lit
am Fr, 05. März 2010 um 17:10 Uhr

Badens beste Erlebnisse