Natur- und Erlebnishof

In Opfingen können Kinder seltene Nutztierrassen kennenlernen

In Opfingen können Kinder seltene Nutztierrassen kennenlernen.

Achtung, der Stier kommt", ruft Katharina Mensch, Vorsitzende des Natur- und Tiererlebnishofs. Gespanntes Warten, dann fällt mit einem Quietschen das Stallgitter ins Schloss. Die Hofenten quacken aufgeregt, Hahn Konstantin kräht, dann ist es so weit: Tierhufe klappern auf dem Stallboden und Katharina Mensch biegt mit einem gehalfterten, fast ausgewachsenen Stier an der Leine in den Innenhof. "Ooooh, ist der süüüüüß!" – "Guck mal, wie putzig!", rufen die Kinder wild durcheinander.

Ein Stier, süß und putzig? In der Tat, Ferdinand ist ein Herzensbrecher. Hinter langen Wimpern schaut er aus großen, dunklen Augen treuherzig in die Welt. Doch während die Augen übergroß erscheinen, ist der Rest eher zu klein geraten: Nur 80 Zentimeter groß wird Ferdinand sein, wenn er ausgewachsen ist. Jetzt reicht er seinem Frauchen gerade einmal bis zum Schenkel. Dexter heißt die seltene, ursprünglich irische Rinderrasse. Katharina Mensch erzählt, dass ihr Ferdinand selbst innerhalb dieser kleinwüchsigen Rasse ein Mini-Stier bleiben wird.

Wie fühlt es sich an, wenn Ferdinands bläuliche Zunge das Futter aus der Hand schlotzt? Wo mag er besonders gern gestriegelt werden? Auf dem Burghof ist pflegen, anfassen und mithelfen ausdrücklich erwünscht. Katharina Mensch ist auf dem elterlichen Hof groß geworden, hat ihn zwischenzeitlich übernommen und lebt dort mit ihrem Mann und zwei Kindern. 2006 hat das Paar die ersten Sundheimer Hühner angeschafft, eine alte, vom Aussterben bedroht Rasse. Nach und nach kamen immer mehr der bedrohten Tierrassen dazu: weiße Bergschafe, amerikanische Miniaturpferde, Dexterrind, indische Laufenten und blauäugige Angorakaninchen. "Dann habe ich festgestellt, dass Kinder heutzutage kaum noch ganz selbstverständlich mit Nutztieren in Kontakt kommen, ihren Wissensdurst nirgends stillen können", sagt Katharina Mensch – und gründete den Verein Natur- und Tiererlebnishof Opfingen.

Dort können Kinder unterschiedlichen Alters bei wöchentlichen Treffen und regelmäßigen Projekten alte Gemüsesorten und Kräuter in eigenen Beeten anbauen, Tiere anfassen, Rind, Schafe und Pferde zur Weide bringen und striegeln, Hasen und Hühner füttern und streicheln. Die Mädchen und Jungen sehen, wie Küken schlüpfen, Fohlen und Lämmer aufwachsen und welche Arbeiten für den Bauern damit verbunden sind: "Die Kinder sollen ein Wertgefühl für die Tiere entwickeln, Verantwortung übernehmen", sagt Katharina Mensch.

Das alles passiert ganz automatisch: Wenn die fünfjährige Lu vor Freude quietscht und hektische Bewegungen macht, bekommt es Ferdinand mit der Angst zu tun und weicht zurück. Wurde er dann ausgiebig gefüttert, gestreichelt und gestriegelt, hat er sich seine Auszeit im Stall verdient, damit er in Ruhe wiederkäuen kann – was das ist, erklärt Katharina Mensch gleich mit dazu. Und auch, für was die Tiere auf dem Bauernhof gebraucht werden.

Bei Hühnern, Schweinen und Kühen ist das klar. Und bei den Kaninchen? Die sind zum Streicheln und zum Schlachten, wissen die Kinder. "Aber wir haben ganz besondere Kaninchen, die sind gut für drei Sachen", sagt die Jungbäuerin. Die eierlegende Wollmilchsau sei das noch nicht, aber: "Viele unserer Tiere kommen da ganz nahe dran." Großes Rätselraten – bis Katharina Mensch den Kindern einen der blauäugigen Fussel mit kecken, flauschig weichen Wollpuscheln am Ohr zum Streicheln bringt: "Ooooh, suuuuper weich", kommentieren die Kinder, können kaum aufhören, die Hände im weichen Fell zu vergraben und Sikabi, die sich das nur zu gerne gefallen lässt, zu streicheln. Nur 40 bis 50 der blauäugigen Angorakaninchen gäbe es weltweit, erzählt Katharina Mensch. Sie haben ebenso wie ihre rotäugigen Kollegen lange Wolle. "Die Hasen werden wie Schafe geschoren", sagt Katharina Mensch und zeigt, wie per Schere vorsichtig das weiche Wollvlies geschnitten wird – wie beim Friseur finden die Kinder.

Dann geht’s ab in den Hühnerstall. "Wer traut sich, unter den Flügel zu fassen und die Eier zu suchen?" Vorsichtig fassen die Kinder unter das Federkleid der Henne, zaubern ein Ei ums andere hervor: "Das fühlt sich ja ganz warm an, ist da Rührei drinne?", fragt Juri verdutzt, "schau mal, da ist ein goldenes", ruft Lu, "ne, das ist grün", widerspricht Fin und ein anderes Kind vermutet, dass die Eier schon angemalt im Hühnerstall liegen, so bunt und wie marmoriert sehen sie aus, haben verschiedene Muster, sind mal richtig groß oder winzig.

Die kleinen Eier stammen von Tinkerbell, einem schwarz-braun gefleckten Zwerghuhn, das sich wunderbar streicheln und füttern lässt – und sich zur Freude der Kinder ganz zutraulich auf die Schulter setzt.

Die Kinder könnten ewig bleiben, aber weil das nicht geht, dürfen sie zum Abschluss als kleines Sahnebonbon noch die Miniaturpferde von der Weide holen. Schließlich sind irgendwann alle Tiere wieder im Stall. Mini-Stier Ferdinand und die Schafe Shaun und Charlotta kauen friedlich das Futter, Pferd Sky stillt seinen Durst am Wassertrog.

"Tschüss Tinkerbell, tschüss Sky, tschüss Kostantin", rufen die Kinder zum Abschied und mögen sich kaum trennen von Katharina Mensch und ihren vielen zutraulichen Tieren.

von Anita Fertl
am Fr, 07. August 2015


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