"Nicht cool"

BZ-INTERVIEW: Inge Hofmeier über die Not des Bubenturnens.

Wo liegt das Problem, fragte Peter Stellmach Inge Hofmeier. Sie ist ein Vierteljahrhundert für das Turnen im Einsatz, obwohl sie selbst nie turnte, sondern "nur" Mutter einer turnenden Tochter war.

BZ: 1936, der TV Neustadt wird Olympiasieger, Franz Beckert. Heute reicht es nicht zur Fördergruppe Buben. Kicken die Jungs lieber?

Hofmeier: Turnen ist nicht cool, zum Training brauche ich eine Halle. Laufen, werfen, springen und Ballspielen kann ein Kind überall, wenn es Lust hat.
BZ: Und wenn in dem Alter die Lücke klafft, wird’s nie etwas mit Meistertiteln?
Hofmeier: Turnen ist die vielseitigste Sportart: Boden, Reck, Pferd, Ringe und Sprung bei den Jungs. Da ist viel Training notwendig. Beginnen muss ein Kind im Alter von sechs Jahren, es braucht viel Talent und muss vier bis sechs Mal die Woche ins Leistungszentrum. Das braucht die Bereitschaft der Eltern, die Kinder zu fahren und zu den Wettkämpfen zu begleiten. Das ist nicht machbar.
BZ: Erfolg im Leistungssport ist aber die Triebfeder für den Breitensport?
Hofmeier: Nicht ganz. Es gibt Euphorie nach Erfolg im Leistungssport. Ansonsten ist Leistungssport ohne Breite nicht möglich.
BZ: Packt man die Sache falsch an?
Hofmeier: Günther Hirsch – mehr als 20 Jahre lang Übungsleiter der Fördergruppe Buben – ist Sportlehrer am Gymnasium und interessiert am Geräteturnen. Die Sportlehrer heute wohnen nicht in Neustadt, somit gibt es keine Bindung zum Verein.
BZ: Was sagen Sie Jungs, die gerne Hambüchen und Nguyen nacheifern wollen?
Hofmeier: Fragen Sie 20 Jungen zwischen 10 und 15. Einer wird die zwei vielleicht kennen. Fragen Sie nach Gomez oder Schweinsteiger – alle kennen die. Turnen kommt im Fernsehen zu kurz.
BZ: Könnten sie anderswo trainieren?
Hofmeier: Die Eltern machen nicht mit, mit den Vereinen wäre es kein Problem, im Umkreis bieten aber nur Lenzkirch und Rötenbach Buben-Geräteturnen an.
BZ: Bei den Mädchen ist es anders...
Hofmeier: Die Fördergruppe ist seit mehr als 25 Jahren eine tolle Truppe. Wer nicht mehr turnt, übernimmt Betreuung und Training der Jüngeren, macht Kampfrichterausbildung und bleibt, bis es eventuell beruflich weg geht.
BZ: Reicht das für Titel und Pokale?

Hofmeier: Die Mädchen erzielen im Turnkreis gute Plätze und stehen auch auf dem Treppchen oder mal in der Qualifikation zum Bezirksentscheid – mehr geht nicht, weil die Mädchen vom Leistungszentrum mitturnen. Die Breite ist die Grundlage des TVN – Kinder und Erwachsene. Aber viele Mitglieder wollen Sport machen ohne Bindung zum Verein.

Inge Hofmeier (60), mehr als 23 Jahre Abteilungsleiterin Turnen, Vorstandsmitglied im Breisgauer Turngau, von 2000 bis 2008 Vorsitzende Turnkreis Hochschwarzwald
von pes
am Fr, 26. April 2013


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