Jazz

Nils Wülker und Band im Jazzhaus

TICKET-INTERVIEW mit Nils Wülker, der im Jazzhaus auftritt, über das Live-Spielen.

Noch nie gab es in Deutschland so viele Jazzmusiker wie heute. Zur Speerspitze gehört der Trompeter Nils Wülker. Der gebürtige Bonner hat die vergangenen zehn Jahre seines Tourlebens auf dem Album "Decade Live" zusammengefasst. Nun kommt der 41-jährige German-Jazz-Award-Preisträger ins Freiburger Jazzhaus. Olaf Neumann hat mit ihm gesprochen.

Ticket: Ende September erschien Ihr neues Album "Decade Live". Warum macht man in Zeiten von Youtube noch Live-Platten?
Wülker: Für mich ist ein Album mehr als ein Datenträger: nämlich eine geschlossene Kunstform. Mit dieser Platte wollte ich einen großen dramaturgischen Bogen schlagen und eine in sich geschlossene Geschichte erzählen. Unser Gitarrist Arne Jansen hat sich neulich mit Pat Metheny unterhalten. Dieser sagte, seit es Youtube gibt, hätte er ein bisschen von seinem Experimentierwillen auf der Bühne eingebüßt. Die Leichtigkeit geht verloren, wenn alles am nächsten Tag im Netz landet.
Ticket: Ist das Live-Spielen Ihre eigentliche Bestimmung?
Wülker: Es ist auf jeden Fall eine Bestimmung. Und es ist die unmittelbarste Art, Musik zu machen. Aber ich gehe auch wahnsinnig gern ins Studio, um es als kreativen Raum zu nutzen. Was man auf der Bühne macht, ist flüchtig und nur für den Moment gedacht. Insofern ist ein Live-Album paradox. Wenn ich von der Bühne gehe, habe ich oft kein Gefühl dafür, wie gut die Darbietung war. Ich nenne das Post-Bühnendemenz. Als wir voriges Jahr ein paar Konzerte aufgenommen haben, wurde mir bewusst, welchen Wandel unsere Musik durchschritten hat. Das wollte ich gern einmal dokumentieren.
Ticket: Kommt man als Trompeter an der Lichtgestalt Miles Davis vorbei?
Wülker: Miles Davis war mein Erweckungserlebnis! Ich habe schon mit sechs Klavier und mit zehn Trompete gespielt. Als Jugendlicher habe ich Klassik gespielt und Pop gehört, Jazz hat in meiner Welt nicht stattgefunden. Als mir das erste Mal jemand Miles Davis vorspielte, kannte ich diesen Typen noch gar nicht. Aber seine Platte "Kind Of Blue" hat mich sofort berührt. Im Plattenladen habe ich dann nach dem Album von Miles Davis verlangt. Da hieß es: Es ist das Regal da hinten! Gekauft habe ich mir dann die Platte mit dem coolsten Cover, die zu einem günstigen Preis erhältlich war, sie hieß "Tutu". Darauf arbeitete Davis mit Programmings, was mich total verwirrte.
Ticket: Welches ist Ihre Kreativdroge?
Wülker: Die meisten Künstler sind heute eher Müslis. Man muss nicht zwingend Drogen nehmen. Meine Lieblingsart abzuschalten ist, in die Berge zu gehen. Das ist ein sehr intensives Naturerlebnis. Wenn ich an einem musikalischen Projekt arbeite, kann ich schwer loslassen. Aber in den Bergen kriege ich innerlich Abstand und komme dann ausgeglichen und aufgetankt zurück.

Termin: Freiburg, Jazzhaus, So, 21. Okt.,
20 Uhr

von onma
am Fr, 19. Oktober 2018


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