Familien in Südbaden

Patchworkfamilie: Viele Namen – eine Familie

Das Klingelschild sieht eher aus wie das einer Studenten-WG: "Strauch, Fricke, Strauch-Fricke, Lieberam." Doch dahinter steckt eine Patchworkfamilie. Alex und ihr Mann versorgen vier Kinder aus verschiedenen Beziehungen.

LAHR-KIPPENHEIMWEILER. Schon der Anrufbeantworter ist patchworkmäßig: "Strauch, Fricke, Lieberam. Leider wuseln wir alle durch die Gegend", ist aufs Band der sechsköpfigen Familie gesprochen. Das Klingelschild sieht auch eher aus wie das einer Studenten-WG: "Strauch, Fricke, Strauch-Fricke, Lieberam." Viele Namen – und doch fühlen sich ihre Träger einander zugehörig. Als Familie.

Vor der Balkontür sind fünf Paar Gummistiefel in allen Farben geparkt. Um den Tisch im Reihenhaus in Kippenheimweiler, das zu Lahr gehört, sitzt eine ebenso bunte Gruppe: Uwe (49), seine Ehefrau Alex (32) und drei Kinder. Die zwei jüngsten, Tom (11) und Emily (7), hat Alex mit in die Ehe gebracht. Die Kinder haben zwei verschiedene Väter. Weiter geht es mit der 16-jährigen Rabea. Sie ist die leibliche Tochter von Uwe, der auch Pflegevater von Leonie ist. Mit der Mutter von Leonie und Rabea war er mal zusammen. Leonie, die zunächst bei der leiblichen Mutter aufwuchs, stieß vor ein paar Jahren als Jugendliche zur neuen Familie ihres Pflegevaters Uwe. Sie ist 18 Jahre, wird gerade flügge, gehört für Uwe und Alex aber natürlich immer noch dazu.

Eine Patchworkfamilie sind die Strauch-Fricke-Lieberams streng genommen nicht. Erst wenn Uwe und Alex ein gemeinsames Kind bekämen, das die beiden Familien wie ein Flicken (Englisch: "patch") zusammenhalten würde, wäre es nach der Dudendefinition eine klassische Patchworkfamilie. Dennoch müssen Uwe und Alex alle Herausforderungen schultern, die in einer zusammengepuzzelten Mannschaft auftauchen. Unter anderem müssen sie oft folgende Fragen klären: Welches der Kinder ist gerade bei welchem Elternteil und wer besucht wann welche Großeltern oder "Beute-Großeltern", wie die neuen Großeltern auch genannt werden.

Innerhalb ist die Koordination komplex. Als besonders schwierig empfinden Uwe und Alex aber die Absprachen mit "außen", wie sie es nennen, also mit den anderen leiblichen Eltern. Eine leibliche Mutter und drei leibliche Väter kreisen um die vor einigen Jahren neugebildete Familie. Sie wollen in unterschiedlichem Maß ernst- und wahrgenommen werden. Manchmal prallten da Erziehungsstile und Ansprüche aufeinander. Einige davon konnten nur mithilfe von außen geklärt werden. Dass die getroffenen Absprachen das Familienleben einschränken, ist Alltag für Uwe und Alex. Zum Beispiel bei Emily. Ihr leiblicher Vater darf sie immer vom zweiten Weihnachtsfeiertag bis zum 1. Januar bei sich haben. "Dadurch können wir nie wegfahren", sagt Alex. Die Patchworkkonstellation kann nerven.

Aufreibend könne auch sein, wenn die Kinder von Besuchen bei ihren leiblichen Eltern zurückkommen, sagen Alex und Uwe. Wenn Tom das Wochenende bei seinem Vater verbracht hat, vergleicht der Elfjährige seine Erfahrungen manchmal mit seinem Zuhause. Da ist Streit programmiert: Beim Vater dürfe er fernsehen und der habe auch viel mehr Zeit für ihn, klagt Tom. Zu Hause dagegen ist auch grauer Alltag angesagt, Hausaufgaben, früh aufstehen, Uwe und Alex müssen arbeiten gehen, fernsehen ist reglementiert. "Dann heißt es: Bei Papa darf ich aber!" sagt Alex, die zwar Verständnis für Tom hat, aber feststellt: "Für die Familie, in der der Alltag stattfindet, ist es schwieriger."

Schwierig findet der als Hausmeister angestellte Uwe auch, dass er auf der einen Seite für die Kinder finanziell aufkomme – andererseits dürfe er Alex’ Kinder nicht in den Gerichtssaal begleiten. Er fühlt sich deswegen von Staat und Gesetz veräppelt, sagt er.

Neben seiner Frau, der starken, manchmal eigenwilligen Alex, die als Erzieherin arbeitet, gibt Uwe den ruhigen, lässigen Pol der neuen Familie: "So einen großen Kopp habe ich mir im Voraus nicht gemacht", meint er zu den Anfängen der Beziehung zu Alex. Er wirkt so, als habe er alles auf sich zukommen lassen. Die Vaterrolle nimmt er jedoch ernst: Schulfeste, Arztbesuche, Elternabend – Unterschiede zwischen "deinen Kindern und meinen Kindern" werden keine gemacht, versichert er. "Höchstens in ganz wichtigen Endentscheidungen", wirft Alex ein. Darf das Kind ein Piercing haben? Soll es auf die Realschule gehen, obwohl es ganz dringend aufs Gymnasium will? Das würde man im Zweifel dann doch eher den leiblichen Eltern überlassen, meint Alex.

Das heißt, man macht also doch Unterschiede zwischen den eigenen und den anderen Kindern? "Unbewusst vielleicht", sagt Alex. Aber dass sie den leiblichen Kindern gegenüber grundsätzlich strenger, verletzlicher oder teilnahmsvoller ist, könne sie nicht ernsthaft behaupten, meint sie nach einer Denkpause, und merkt an, dass die Kinder ab und zu ja auch Unterschiede machen: "Wenn die was wollen, gehen sie vielleicht auch eher zu den leiblichen Eltern?" Sie wüssten nämlich Bescheid darüber, wie sich das Familienpuzzle zusammensetzt. Sie halten die Einzelteile genau auseinander: "Der Uwe ist doch nicht mein Papa!" sagte Emily einmal energisch, als ihr eine Verwandte das nahelegen wollte, erzählt Alex. Ob nun mit eigenen oder "Beutekindern" – so oder so ist der Alltag mit vier Kindern anstrengend. Als sich die sechs Personen noch auf zwei Standorte verteilt hatten, war er noch anstrengender. "Schlafen wir hier oder da? Ich will aber zu meinen Freunden!" bekamen Uwe und Alex von den Kindern zu hören. Bis sie schließlich alle zusammenzogen, um einen Mittelpunkt zu schaffen.

Das gemeinsame Wohnen hat vor allem praktische Vorteile, finden Alex und Uwe. Vorteil in einer Patchworkfamilie ist auch die Vielfalt an Leuten, die zusammenkommen. Wer kann schon wie Rabea vier Großväter und vier Großmütter aufweisen? Wer hat schon derart viel bunten Besuch bei sich zu Hause? Und wie viele Kinder haben einen handwerklich geschickten "Beutevater" und einen Vater, mit dem man eher auf dem Sofa liegend faulenzen kann?

Trotz allem sieht Alex ihre Familie nicht durch die rosarote Brille. Uwe und sie haben eben zusammengefunden, die Ärmel hochgekrempelt und schaffen das nun miteinander – eher so wirkt ihr Unternehmen Familie von außen. Pragmatisch, freundlich, illusionslos realistisch, was die aufreibenden Hürden anbelangt. Und eines brauche man ganz sicher auch für das Zusammenleben in einer Patchworkfamilie, so Alex: "Man braucht Mut."
von Ulrike Derndinger
am Do, 30. Oktober 2014 um 00:05 Uhr

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