BZ-Serie "Selbermachen" (Teil 1)

Phänomen Selbermachen: Do it yourself liegt wieder im Trend

Stricken, Töpfern oder Sägen – das neue Freizeitglück heißt Do it yourself. Selber Einzigartiges produzieren statt Massenware konsumieren, das ist die Devise. Die BZ geht dem Phänomen in einer neuen Serie nach.

Weben, Stricken, Nähen, Schrauben, Sägen, Schleifen, Töpfern oder Einmachen – das neue Freizeitglück heißt Do it yourself. Egal, ob es sich um den Liegestuhl aus einem Radrahmen, um einen neuen Lampenschirm oder witzige Ohrringe handelt: Produzieren statt Massenware konsumieren ist die Devise.

Selbermachen garantiert Individualität und Selbstverwirklichung ("Mach dein Ding!", wirbt eine Baumarktkette, "Respekt, wer’s selber macht", die Konkurrenz). Selbermachen ist nachhaltig: Wer stundenlang an einem Pulli gestrickt hat, der steckt das Lieblingsstück nach einem halben Jahr garantiert nicht in den Müllsack.

Selbstgemachtes ist gefragt – und wird es auch in den nächsten Jahren bleiben. Das behauptet eine Analyse des Zukunftsinstituts, die im Auftrag der Initiative Handarbeit entstanden ist. Aus Sicht der Trendforscher ist Selbermachen viel mehr als ein Zeitvertreib. Heimwerker und Handarbeiten seien typisch für einen modernen Lebensstil und selbstbewusster Ausdruck einer neuen Werthaltung. Etwas herzustellen fühle sich nicht nur gut an. Es stifte Sinn. "Selfmade" sei zum Statussymbol geworden, das für ein neues Luxusverständnis stehe – jenseits von rein materiellem Reichtum: Ich nehm’ mein Leben in die Hand. Ich bastle und baue, also bin ich. Für den amerikanischen Soziologen Richard Sennett ist dieses "Gefühl der Kompetenz", die "Freude daran, etwas gut zu machen", der eigentliche Antrieb.

Selfmade wird zum Statussymbol

Als Kind haben wir sie gehasst: die kratzigen Wollpullover, gehäkelten Mützen und selbst genähten Kleider. Noch schlimmer war der Handarbeitsunterricht. Wer einmal 50 Knopflöcher in ein Geschirrtuch nähte – von Hand, versteht sich! – war endgültig überzeugt, dass derlei vergeudete Zeit ist. Das gehäkelte Babyjäckchen (Muscheln!), die bestickten Tischsets – wie altbacken! Die Jungen von heute finden Inspiration und Austausch in aller Welt – dank Youtube, Blogs und Apps. Glaubt man Styleblogs, kommt demnächst vielleicht der Kreuzstich wieder groß raus.

Der neuen Lust am Basteln und Handarbeiten – Crafting auf Neudeutsch – geht die BZ-Serie "Selbermachen" auf den Grund. Wir blicken hinter die Kulissen, stellen Macherinnen und Marktplätze vor. Und natürlich gibt es jede Menge Vorschläge und Anleitungen. Darunter auch die schönsten und originellsten Stücke, die uns die Leserinnen und Leser geschickt haben. Wie Sie am BZ-Wettbewerb teilnehmen können, lesen Sie unten.

Von der neuen Begeisterung fürs Selbstgemachte profitieren auch die Handarbeitsbranche und die Baumärkte. 33 Milliarden Euro haben im vergangenen Jahr die 30 größten Baumarktbetreiber umgesetzt, 1,3 Milliarden die führenden Anbieter der Handarbeitsbranche. Handstrickgarne und Stoffe gelten als die großen Treiber des Wachstums, auf sie fallen drei Viertel des Gesamtmarktes. Der Umsatz mit DIY-Büchern und Handarbeitszeitschriften ist seit 2012 um 28 Prozent auf zuletzt 55 Millionen Euro gestiegen.

Die Zahl der Menschen, die großen Wert darauf legen, in ihrer Freizeit kreativ zu sein, wächst: Einen Anstieg von 21,1 auf 22,6 Millionen Personen in Deutschland allein zwischen 2012 und 2014 hat die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse berechnet.

Neu ist die Rolle des Internets: Der Hashtag #homemade erzielt bei dem Foto-Netzwerk Instagram fast 20 Millionen Treffer. Fast sechs Millionen Kreative treffen sich im Stricknetzwerk Ravelry oder bieten ihre handgefertigten Produkte bei Dawanda oder Etsy, den virtuellen Marktplätzen für Selbstgemachtes, an. Wer Ideen, Entwürfe, Anleitungen, Tipps oder Hilfe braucht, schaut im Internet nach – Inspirationen und kurze Erklärfilme, sogenannte Tutorials, sind per Mausklick abrufbar.

Wer heute strickt, näht oder werkelt, dem geht es nicht ums (gesparte) Geld. Manches Wollknäuel kostet mehr als ein Pulli bei Primark oder H & M; ein anständiger Reißverschluss ist teurer als ein Billigfähnchen aus einer weltweit agierenden Modekette. Wer produziert, statt einfach nur zu konsumieren, wehrt sich gegen die globalisierte Gleichmacherei und setzt auf individuelle Lösungen. Selbermachen stillt das Bedürfnis nach Autarkie und Unabhängigkeit.

"In einer Arbeitswelt, in der jeder Einzelne mehr oder weniger ersetzbar ist, bietet das Heimwerkeln die Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben", schreibt die Soziologin Christina Mundlos in der Fachzeitschrift Psychologie heute. "Mit dem selbst geschnitzten Messerblock können die Bastler ihre persönlichen Spuren in der Welt hinterlassen."

Die Arbeit sei überschaubar, das Produkt werde – jedenfalls, wenn es gut läuft – irgendwann fertig, den immer komplexer werdenden Aufgaben im Berufsleben werde eine einfache und handfeste Aufgabe entgegengesetzt. Je digitaler das Berufsleben wird, desto mehr sehnen wir uns nach Dingen, die uns wirklich berühren. Statt nur mit Maus und Tastatur in Berührung zu kommen, haben die Finger Kontakt mit ungehobelten Holzpaletten, weicher Wolle oder grober Wurstmasse. Das entschleunigt, entspannt, macht glücklich und zufrieden.

Deshalb ist es auch nicht nur die Generation der Großmütter und Großväter, die strickt, näht, einweckt oder schreinert. Es ist die Generation Smartphone, die weltweit vernetzt ist – und dennoch die Vorstellung hegt, dass man ganz allein für sich sorgen könnte, dass man nicht mehr abhängig ist von einem globalisierten Markt, sondern dass man das, was man braucht, auch selbst herstellen kann. Designmuseen in aller Welt haben sich der DIY-Welle bereits angenommen, fragen, ob das neue Basteln wirklich zu einer Befreiung von Konsumzwängen, Geschmacksdogmen und Gestaltungsnormen führt.

Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein stand bis vor wenigen Tagen noch eine "Maker Library", eine Mischung aus Werkraum, Bibliothek und Ausstellungsraum. Designer, Architekten, Künstler, Kuratoren, gelernte und ungelernte Macher konnten sich dort über Ideen und Anwendungen, Arbeitsweisen und Ergebnisse austauschen. Nachmachen ausdrücklich erwünscht!

Die Profis springen auf den Zug auf

Die Profis reagieren bereits auf die Handarbeitswelle. "Auffallend viele Präsentationen ähneln manchmal einer Handarbeits- und Gartlerschau", bemerkte die Süddeutsche Zeitung über die Schauen auf der jüngsten Berliner Modewoche. "Berlin zelebriert den Handmade-Schick, der aussieht wie gerade eben gefertigt und gewebt." Selbst Luxusfirmen wie Hermès sind bereits auf die Resteverwertungs- und Nachhaltigkeitswelle aufgesprungen.

Die Lust am Do-it-yourself ist aber nicht nur Balsam für die digital ausgepowerte Seele. Sie kann in Stress ausarten, wenn nur noch etwas gilt, was (möglichst viel) Zeit kostet. Wenn der Keller überquillt mit nie vollendeten Werken. Vielleicht, weil man sich eingestehen muss: Die Profis können es besser. Wer selbst etwas macht oder zu machen versucht, begreift schnell, was Wissen, Erfahrung und Sorgfalt wert sind. Und hat Achtung vor den Handwerksmeistern und ihrer Arbeit.

Am Montag lesen Sie: Aus Müll Gold und Geld machen – Upcycling

Lust auf Selbermachen? Wie weißes Porzellan mit einfachen Mitteln aufgepeppt werden kann, lesen Sie auf mehr.bz/selbermachen

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von Petra Kistler
am Sa, 12. September 2015 um 00:00 Uhr

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