Städtewachstum

Planspiel Wohnungspolitik

Bis wann wird die Stadt wachsen und braucht sie einen neuen Stadtteil? Die Antwort ist schwierig.

Jetzt wird’s ernst: In diesem Jahr werden die Weichen gestellt für die Wohnungspolitik der nächsten Jahre. Mitte 2013 will der Gemeinderat das "Kommunale Handlungsprogramm Wohnen" beschließen, eine Strategie gegen den Mangel an bezahlbaren Wohnungen. Denn, sagen die Prognosen, Freiburgs Bevölkerung wird wachsen und mehr Wohnraum brauchen. Der Haken an der Sache: Auf Prognosen ist nicht immer Verlass.

Im November vergangenen Jahres veröffentlichte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn eine erstaunliche Berechnung zur Bevölkerungsentwicklung in Baden-Württemberg. Freiburg, hieß es da, werde bis zum Jahr 2030 von derzeit 226 400 auf 225 200 Einwohner schrumpfen, also minus 0,5 Prozent. Ein halbes Jahr vorher hatte dasselbe Institut Freiburg ein siebenprozentiges Plus bis 2025 und Wachstum bis 2040 prophezeit. Auf wieder ganz andere Zahlen kommen die Statistiker im Rathaus: Nach ihren Berechnungen wächst Freiburg bis zum Jahr 2026 rasant von derzeit 213 500 auf knapp 230 000 Einwohner. Oder vielleicht nur auf 225 300. Oder sogar auf 238 000. Danach geht’s bis 2030 leicht abwärts. Ja, was denn nun? Schrumpfen oder Wachsen?

Kommt ganz drauf an. Auf die Methodik nämlich, die der Prognose zugrunde liegt und sogar von unterschiedlichen Einwohnerzahlen ausgeht. Das Bonner Bundesinstitut erfasst mit einem relativ grobmaschigen Modell ganz Baden-Württemberg und nimmt dafür Ungenauigkeiten im Detail in Kauf – etwa bei Unistädten wie Freiburg, die wegen der vielen Zu- und Fortzüge der "Schrecken aller Prognostiker" sind, wie Claus Schlömer vom Bundesinstitut sagt. Die Freiburger Statistiker dagegen arbeiten mit den aktuellen Daten aus dem Einwohnermeldeamt und bilden damit die Realität besser ab. "Wir sind die einzigen, die mit echten Registerzahlen arbeiten können", sagt Chef-Statistiker Thomas Willmann. Doch manchmal nützt auch das nichts. So gingen die städtischen Statistiker noch vor acht Jahren davon aus, dass Freiburg den Höchststand im Jahr 2012 mit gerade mal 210 600 Einwohnern erreichen würde. Vor drei Jahren hieß es dann, das Wachstum werde bis 2015 anhalten und sogar 214000 Einwohner erreichen. Und jetzt soll der Gipfel also 2026 erreicht werden. Vielleicht.

Dass die Lebenswirklichkeit sich nicht um Prognosen schert, ist für die Stadtplanung ärgerlich. Denn Prognosen wären, wenn man sich auf sie verlassen könnte, ein wunderbares Instrument für vorausschauende Gestaltung. Die Geburtenrate steigt über Jahre hinweg an? Kindergärten bauen. Immer mehr Senioren? Mehrgenerationenhäuser ins Auge fassen.

Doch so einfach ist das nicht. Das zeigt der Blick zurück auf die Freiburger Wohnungspolitik. Noch im Sommer 2008, als Freiburgs Entwicklung angeblich langsamer wurde, war die Zielvorgabe "nicht Wachstum um jeden Preis, sondern Innenentwicklung und Nachhaltigkeit bei geringem Flächenverbrauch" (Oberbürgermeister Dieter Salomon). Zwei Jahre später, als klar wurde, dass Freiburg stärker und länger als vorhergesagt wachsen würde, erhöhte sich auch der Flächenbedarf um gut acht Fußballfelder. Mit Innenentwicklung allein sei das nicht zu schaffen, räumte der damalige Baureferent Norbert Schröder-Klings ein. Und aktuell wird über zwei mögliche Baugebiete, nämlich die Dietenbach-Niederungen und St. Georgen-West, diskutiert.

Hätte man vor zehn Jahren die heutigen Bevölkerungsprognosen gekannt, wäre die Entwicklung Freiburgs sicherlich anders verlaufen; vielleicht hätte Freiburg bereits einen neuen Stadtteil. Oberbürgermeister Dieter Salomon und Baureferent Norbert Schröder-Klings hatten gehofft, den Bedarf an Wohnungen mit Innenentwicklung zu decken. Es gab ja auch gute Gründe, nicht noch weitere große Flächen vollzubauen: Ökologie, Wirtschaftlichkeit, Vorgaben der Landesregierung zu sparsamem Flächenmanagement. Was dazukommt: Bis 2007 hatte der glücklose Baubürgermeister Matthias Schmelas gewirkt, der das ungeschriebene Gesetz der Flächennutzungsplanung nicht beachtet hatte: Man sollte immer mehr Flächen vorsehen als man aktuell braucht. Die damalige mangelnde Vorratspolitik verursacht die heutigen Probleme: Es fehlt ein passendes Baugebiet. Bis die Dietenbach-Niederungen entwickelt sind, dauert es mindestens zehn Jahre – eine lange Zeit für einen angespannten Wohnungsmarkt.

Das alles zeigt, wie schwierig es werden wird, beim anstehenden Kommunalen Handlungsprogramm Wohnen das richtige Maß und die richtigen Mittel zu finden. Und es gibt ja noch ganz andere grundsätzliche Überlegungen. So haben sich Ende vergangenen Jahres 26 Vereine, Gruppen und Initiativen Gedanken zu einer "enkeltauglichen" Zukunft Freiburgs gemacht. Sie bezweifeln unter anderem, dass man einen neuen Stadtteil braucht – sagen doch Prognosen, dass die Einwohnerzahl ab 2030 stabil bleiben dürfte. Könnte sein, dass sie recht haben. Könnte aber auch sein, dass sich die Lebenswirklichkeit wieder mal nicht drum schert.
von Simone Lutz
am Sa, 19. Januar 2013

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