Nach einer wahren Geschichte

Roman Polanski: "Frauen sind perfider als Männer"

Mit 84 Jahren ist Roman Polanski eine Filmlegende. Der Regisseur spricht über seinen Film "Nach einer wahren Geschichte" – und verrät, ob der Spaß am Filmemachen im Alter zu- oder abnimmt.

Mit seinen 84 Jahren ist Roman Polanski längst eine Filmlegende. Überschattet wird sein Werk aber stets durch den Skandal, den er sich 1977 in Hollywood leistete. Für Sex mit einer Minderjährigen saß er 42 Tage im Gefängnis. Danach floh er nach Europa. Mit "Nach einer wahren Geschichte" über eine labile Autorin, die eine geheimnisvolle Fremde in ihr Leben lässt, kommt nun Polanskis neuer Film ins Kino. Markus Tschiedert hat ihn danach gefragt.

Ticket: Hat der Spaß am Filmemachen für Sie im Alter eher zu- oder abgenommen?
Polanski: Ein Filmstoff muss mich wirklich interessieren, ansonsten würde ich mich bei der Arbeit nur langweilen. Das war am Anfang meiner Karriere noch anders. Damals fand ich alles aufregend, aber wenn man schon so lange dabei ist wie ich, sucht man nur noch die Herausforderung.
Ticket: Inwiefern hat Sie "Nach einer wahren Geschichte" herausgefordert?
Polanski: Ich habe zuvor noch nie einen Film nur mit zwei Frauen gedreht, die in einem Konflikt zueinander stehen. In meinen bisherigen Filmen ging es entweder um Konflikte zwischen Männern oder zwischen einem Mann und einer Frau. Die andere Sache, die mich an diesem Stoff reizte, war die Auseinandersetzung mit dem Gefühl, ein weißes Blatt vor sich zu haben, das man nicht füllen kann. Das ist ein Drama, das mir selbst sehr bekannt ist, nachdem ich einen Film beendet habe und vor der Frage stehe, was als nächstes kommt.
Ticket: Ist der Konflikt zwischen zwei Frauen anders als Konflikte zwischen Männern oder Frauen und Männern?
Polanski: Absolut! Männer tragen ihre Konflikte offen aus, während Frauen das eher versteckt tun. Ich würde sogar sagen, Frauen sind generell perfider als Männer. Deshalb kommt es im Film relativ spät zu einer Konfrontation zwischen den Frauen.
Ticket: Wie jeder Mann haben sicherlich auch Sie feminine Anteile. Haben Sie diese Seite für diesen Film nochmals neu ausgelotet?
Polanski: Darüber habe ich nie nachgedacht, weil daran auch nicht glaube. Ich denke, die Entscheidung, Frau oder Mann zu sein, wird dir von der Natur gegeben. Daher ist es meiner Ansicht nach Unsinn, sich mit den angeblich eigenen Anteilen des anderen Geschlechts auseinandersetzen zu wollen.
Ticket: Der Konflikt im Film entwickelt sich aus einer Hassliebe zwischen Eva Green und Emmanuelle Seignier. Wie haben Sie solche Emotionen aus Ihren Hauptdarstellerinnen herausgekitzelt?
Polanski: Beide sind schon groß und zudem erfahrende Schauspielerinnen, die wissen, wie man so etwas hin bekommt. Ich habe also sehr auf sie gesetzt und war von Anfang an sehr neugierig, wie sie miteinander umgehen würden und zu ihren Charakteren finden. Normalerweise lasse ich bei Filmen mit vielen Dialogen die Szenen vorher proben. Darauf habe ich diesmal aber verzichtet, weil ich herausfinden wollte, welche Beziehung sie zueinander aufbauen werden. Ich habe beiden also weit weniger Regieanweisungen gegeben, als ich es sonst tue.
Ticket: Emmanuelle Seignier, mit der Sie seit 1989 verheiratet sind, spielte schon in etlichen Ihrer Filme die Hauptrolle. Ist Emmanuelle insofern Ihre Muse?
Polanski: Sicher ist, dass, wenn ich eine Rolle sehe, die zu ihr passt, ich lieber mit ihr arbeite als mit einer anderen. Denn ich weiß, was ich von ihr erwarten kann. Inzwischen ist auch sie so erfahren, dass mir die Dreharbeiten mit ihr leichter fallen als mit anderen Schauspielerinnen. Es ist ein anderes Gefühl, sie zu inszenieren als beispielsweise Eva Green.
Ticket: Seit Ihrer Anklage in den USA vor 40 Jahren wird zwischen Ihrer Arbeit und Ihrem Privatleben nicht mehr getrennt. Wie sehr leiden Sie darunter?
Polanski: Ja, das ist ein großes Unglück.
Ticket: Hoffen Sie noch immer, dass der Fall irgendwann mal zu den Akten gelegt werden kann?
Polanski: Ich weiß es nicht, aber wie Sie sicherlich wissen, hat selbst Samantha Geimer (das damals dreizehnjährige Opfer von Polanski, die Red.) darum gebeten, die Angelegenheit nach so langer Zeit endlich abzuschließen. Es tut mir leid, dass sich die Richter schon seit über 40 Jahren damit beschäftigen. Der eine befangene Richter deckt den nächsten. Vielleicht wird das irgendwann mal aufhören.

von Markus Tschiedert
am Sa, 19. Mai 2018 um 14:00 Uhr


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