Geflügelte Worte & Co.

Sachbücher und Bildbände für Weihnachten

Mode ist Kunst, Bäuerliche Welt, Iggy Pop: Die BZ-Kulturredaktion hat aktuelle Sachbücher und Bildbände für Weihnachten rausgesucht. Welche Bücher gehören auf den Gabentisch?

Blick hinter die Fassade eines Rockstars
Es ist ein großer Schatz, der 30 Jahre lang vergessen im Keller von Esther Friedman schlummerte: ein Wäschekorb voller Fotos, die ihre siebenjährige Beziehung zum Rockpionier Iggy Pop dokumentieren. 1976 haben sich beide in Berlin kennengelernt. In dieser Zeit sind viele unverstellte Aufnahmen entstanden – in der Berliner Eckkneipe, beim lesend auf einer kenianischen Insel oder kartenspielend im Tourbus. Diese Fotos machen das Buch zu einem der schönsten Pop-Bildbände der letzten Zeit. Sie zeigen nicht die Bühnenfigur Iggy Pop, sondern den Menschen James Osterberg, der sie erfunden hat – und erlauben so einen Blick hinter die Fassade eines der großen Charismatiker und Selbstdarsteller des Roll.

Esther Friedmann: The Passenger – Iggy Pop. Knesebeck Verlag, München 2013. 176 Seiten, 39,95 Euro.

Ein Herrenhaus und seine Geschichte
Die amtierende Countess of Carnarvon erzählt die Geschichte einer Ahnin, die in die adelige Familie einheiratete und Herrin von Highclere Castle wurde. TV-Zuschauer kennen das Herrenhaus aus der Serie "Downton Abbey". Highclere Castle erlebte eine Blütezeit, als Almina, uneheliche Tochter von Alfred de Rothschild, hier mit 19 einzog. Ihre Geschichte ist schillernd und spannend.
Lady Almina und das wahre Downton Abbey. Das Vermächtnis von Highclere Castle. mvg-Verlag, München 2013. 304 Seiten, 17,99 Euro.

Der Körper als Schaufläche
Der Buchtitel klingt dreist – aber nur, wenn man das Kunstwerk im kommerzfreien Raum ansiedeln will und seine technische Reproduzierbarkeit nicht wahrhaben: "Mode ist Kunst". Der Maler Francis Bacon – eben konnte eines seiner Werke den höchsten Auktionserlös aller Zeiten erzielen – hielt sie gar für "die einzige Möglichkeit, Kunst in lebenden Formen und im sozialen Miteinander umzusetzen". Designer wie Jean Paul Gaultier dagegen verwahrten sich kategorisch gegen den Begriff Künstler – sie wollten nur eins: tragbare Kleidung kreieren. Das spannungsreiche Feld von Mode und Kunst beleuchtet jetzt ein wunderschöner Bildband: In fünf Kapiteln, etlichen Porträts und Gesprächen sowie 250 prächtigen Farbfotos bekommt die Mode der Gegenwart ein Gesicht. Auf dem sich jenseits aller Designerkunst auch das Wissen um die Exhibition des Menschen im 21. Jahrhundert zeigt. Seines Körpers, seiner Haut.
Mitchell Oakley Smith, Alison Kubler: Mode ist Kunst. Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi. Prestel Verlag, München 2013. 320 Seiten, 49,95 Euro.

Die Melancholie des Untergehens
"Waß du kanst heutte Thun/ daß spare nicht biß Morgen, vertraue auf Gott", steht auf der verwitterten Fassadeninschrift eines Bauernhauses bei Memmingen zu lesen. Über Jahrhunderte ein zentrales Motto jener "Bäuerlichen Welt", deren Zerfall Wolf-Dietmar Unterweger über 30 Jahre dokumentiert hat. In seinem neuen Bildband beleuchtet der bekannte Fotograf mit diskreten Blicken den unaufhaltsamen Prozess des Niedergangs einer kleinbäuerlichen Welt im Zeitalter der Massenproduktion. Bröckelnder Putz, morsches Fachwerk – Zerfall allenthalben: Nur ein paar Holzstöße, ein paar Äpfel auf dem Fensterbrett oder das eine oder andere faltig-gegerbte Gesicht lassen in dieser Welt zwischen Franken, Schwaben und dem Elsass noch auf menschliches Leben schließen. Unterwegers Bilder verströmen tiefe Melancholie und Traurigkeit; und doch spürt man, dass diese kleine, vor dem Untergang stehenden Welt sich eines bis zum Schluss bewahren wird: ihre Würde.
Wolf-Dietmar Unterwegers Bäuerliche Welt. Biberacher Verlagsdruckerei, Biberach 2013. 144 Seiten, 49,80 Euro.

Die Wiege unserer Kultur
"Alea iacta est" (Der Würfel ist geworfen), "Carpe diem" (Ergreife den Tag), "Heureka" (Ich habe es gefunden) oder "Panta rhei" (Alles fließt): Selbst im Web-Zeitalter sind diese geflügelten Worte noch im Schwange, obwohl sie der Antike entstammen und ihre Sprache das Griechische oder Lateinische ist. In seinem launig geschriebenen Buch sorgt der Altphilologe Klaus Bartels nun für Aufklärung. Kurzweilig schildert der Autor Flugrouten und Ziel der geflügelten Worte. Man erfährt allerhand. Unter anderem, dass die – von Lateinpaukern gern als Exempel fürs Gerundivum bemühte – Idee des Politikers Cato, wonach die Rom-Rivalin Karthago zerstört werden müsse ("Ceterum censeo Carthaginem esse delendam"), uns so als fliegender Gedanke gar nicht zugeflattert ist. Oder: Wenn der Papst bei "Urbi et orbi" zugange ist, weiß man um die sprachlichen Hintergründe. Bartels’ Buch weckt Freude an der Antike, jener Wiege unserer Kultur.
Klaus Bartels: Geflügelte Worte aus der Antike. Woher sie kommen und was sie bedeuten. Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz 2013. 167 Seiten, 19,99 Euro.

"Wer Engel sucht": Der Maler August Lucas
Das war eine Entdeckung in der Städtischen Kunstsammlung in Darmstadt. Jetzt stellt sie Ralf Beil da auf der Mathildenhöhe aus. Die Blätter des Darmstädter Malers und Zeichners August Lucas (1803–1863). Auf einem fand sich gleich in einem Satzfragment auch der Titel: "Wer Engel sucht". Lucas’ frühe Studien sind von Naturliebe beflügelt. Der Zwanzigjährige schaut auf die Welt wie auf ein Wunder. Der Historienmaler Peter Cornelius in München ist nicht der Lehrer, den er sich wünscht. München hakt er ab, lieber geht er mit Freund Schilbach Motive suchen. Und natürlich geht er nach Rom. Im Sommer 1830 ist er mit Goethes Friedrich Preller im römischen Hinterland, in Olevano. Im Frühjahr 1832 malt er den Golf von Neapel. Sein Zeichnen wird strenger – artifizieller. Die Pinien vor der Villa Borghese in Frascati bilden eine grandiose rhythmische Reihe, die Büste der Margherita gefällt mit geometrisch klaren Bögen. Dann liegt auch Rom hinter ihm. August Lucas ist 31, in den drei Jahrzehnten, die noch kommen, zehrt er von den Erinnerungen. Was folgt, ist schon Spätwerk.
August Lucas. Wer Engel sucht. Hg. Ralf Beil. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2013. 94 Seiten, 120 Abb., 24,80 Euro.
von pd, Hoss, scho, adi, J.A., V.B.,
am Do, 05. Dezember 2013 um 15:46 Uhr


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