Sachlichkeit statt Schwulst

BZ-SERIE: Bei der St. Märgener Orgel muss man Kraft haben in der Hand.

ST. MÄRGEN. "Die St. Märgener Orgel wurde in einer Epoche gebaut, in der man versucht hat, zu den vermeintlichen Wurzeln des Orgelklangs zurückzukommen", erklärt Christian Wehrle, Diplom-Kirchenmusiker und ausgebildeter Orgelsachverständiger. Das war um 1967, als progressive Organisten und Orgelbauer den "Neobarock" pflegten.

Dessen Vertreter trafen sich just zu dieser Zeit im Thurnerwirtshaus bei einer Tagung, um über ihr Steckenpferd zu diskutieren. Die von ihnen favorisierte Ästhetik fand sich auch in der neuen Orgel der Ludwigsburger Traditionsfirma Eberhard Friedrich Walcker wieder.

Johannes Götz, Orgelsachverständiger der Erzdiözese Freiburg, macht keinen Hehl daraus, dass ihr Klang nicht ganz seinen Vorlieben entspricht. "Diese Orgel ist extrem obertönig und hat nur wenig klangliche Basis." Das sei damals eben modern gewesen. Die Orgel besitzt 34 Register, verteilt auf drei Manuale und Pedal. Vor vier Jahren wurde sie überarbeitet und gesäubert. "Was man sieht, das hört man", zitiert Götz ein Prinzip des Orgelbaus und deutet auf den Freipfeifenprospekt (Prospekt ist hierbei das äußere Erscheinungsbild) der Orgel. Die Frontansicht stelle ein eindrucksvolles Gebirge dar, passe aber nicht so recht in das barocke Umfeld. "Das ist ein ganz abstrakter Barock." Neobarock, um genau zu sein. Ein Barock, wie ihn sich Ideologen und Musikwissenschaftler zu jener Zeit vorgestellt haben, so Wehrle. Nicht zu verwechseln mit historisierendem Barock, wie Götz ihn liebt. Um 1967 tagte laut Götz im Thurnerwirtshaus die Avantgarde zeitgenössischer Organisten, Komponisten und Musikwissenschaftler, darunter Georgy Ligeti, Hans Werner Eggebrecht und der Schwede Bengt Hambreus. Seit den 1920er-Jahren wurde laut Wehrle versucht, den "eigentlichen, echten" Orgelklang wiederzufinden. Großes Engagement hierzu zeigte der Freiburger Musikwissenschaftler Willibald Gurlitt, der 1921 von Walcker eine Versuchsorgel in der Aula der Universität bauen ließ. Vorbild waren Klang und Konstruktionsprinzip von norddeutschen Orgeln der Renaissance- und Barockzeit. Ihr "heller, silbriger" Klang leitete die Abkehr von der grundtönigen romantischen "Orchesterorgel" ein. "Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man keinen spätromantischen Schwulst mehr, sondern eine sachlich klingende Orgel", so Wehrle. Die Firma Walcker hat den Orgelbauboom der Wirtschaftswunderzeit mitgetragen und in manchen Jahren "50 bis 100 Orgeln ausgespuckt", und das weltweit. Entsprechend habe man sachliche Musik dazu komponiert.

Deutlich wird daran etwas, was Laien eher überrascht: "Der Orgelbau ist der Mode unterworfen. Mancherorts werden Orgeln alle 50 Jahre durch Neubauten ersetzt oder umgebaut." Wehrle meint, viele Orgeln, die man in den 1980er-Jahren noch zerstört habe, wünsche man sich heute zurück. Ihm zufolge ist es kein Problem, verschiedene Stilepochen in einer Orgel zu vereinen. "Aber das ist oft nicht gewollt. Momentan sind ästhetisch geglättete, reine Stilorgeln in", etwa die mitteldeutsche Barockorgel. Ausschlaggebend sei letztendlich der Geschmack der Orgelsachverständigen und Organisten vor Ort.

Durchaus reizvolle Einzelklangfarben

Ein Freipfeifenprospekt wie in St. Märgen sei typisch für die Nachkriegszeit. "Er passt meines Erachtens sehr gut in diese Kirche, da er die barocke Raumform abstrakt aufgreift und übersetzt", findet Wehrle. Für ihn ist die St. Märgener Orgel "ein stimmiges Gesamtkunstwerk". Sie habe durchaus reizvolle Einzelklangfarben, etwa die Schalmei, Weidenpfeife oder die Flöten. "Es sind schon auch romantische Register drin. Wagt man sich von den üblichen Registriergewohnheiten weg, kann man subtile klangliche Schönheiten entdecken." Sie sei "für das Experimentieren" gebaut, für "die Mischung der Klangfarben aus den verschiedenen Manualen". Wehrle: "Die Orgel ist eine Gestalt gewordene Suche nach dem Orgelklang der Zukunft aus damaliger Perspektive."

Die Technik der Orgel ist ebenfalls Kind ihrer Zeit. Die Verbindung von den Tasten zu den Pfeifenventilen (Traktur) erfolgt mechanisch. Diese Konstruktion war für Barockorgeln selbstverständlich und wurde erst nach 1945 wieder aufgegriffen. Bis dahin war viel handwerkliches Können verloren gegangen, weshalb diese Instrumente "oft schwergängig und nicht sehr sensibel zu spielen sind", so Wehrle. Auch die St. Märgener Orgel "klackert ganz schön". Das müsse aber kein Nachteil sein. "Man muss halt Kraft haben in der Hand." Die Windladen, Standort der Pfeifen, stehen im Gehäuse auf extra Metallträgern. "Eigentlich ist das sichtbare Gehäuse nur als Attrappe herumgebaut", erklärt Götz. Typisch für jene Zeit diene der Kasten als Fassade, nicht zur Bündelung des Klangs. "In manchen Kirchen kann das ein Nachteil sein", so Wehrle, nicht aber in der guten Akustik von St. Märgen: "Die Orgel strahlt gut in die Kirche ab, sie schluckt die Töne nicht."

In St. Märgen gab es vor der Walcker-Orgel mindestens zwei Vorgänger-Instrumente. 1776/77 wurde eine Orgel von Johann Andreas Silbermann aus Straßburg eingebaut und von Klosterbildhauer Matthias Faller verziert. Das Instrument fiel dem Kirchenbrand von 1907 zum Opfer. Ersatz kam von der Firma Koulen aus Oppenau, laut Wehrle "einem der besten Intonateure des spätromantischen Orgelbaus" und Schöpfer bedeutender Orgelwerke wie im Augsburger Dom oder Straßburger Münster. Im November 1967 fand die Einweihung der heutigen Walcker-Orgel statt. Vom Freiburger Domkapellmeister Franz Stemmer wurde sie bei der Abnahme als "großartig" bezeichnet.
von Alexandra Wehrle
am Sa, 04. April 2015

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