Serie "Entspannung durch Bewegung"

Sanfte Bewegung hilft gegen Stress – aber wie?

Der Stresspegel vieler Menschen steigt – und mit ihm die Zahl psychischer Erkrankungen. In der Serie "Entspannung durch Bewegung" stellen wir sanfte Bewegungsformen vor.

Der Maler Pablo Picasso soll einst gesagt haben: "Arbeit bedeutet atmen für mich. Wenn ich nicht arbeiten kann, dann kann ich nicht atmen." Tatsächlich soll Arbeit Menschen nicht nur ernähren, sie soll sie auch zufrieden machen. Zunehmend ist aber das Gegenteil der Fall. Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK) empfinden acht von zehn Deutschen ihr Leben als stressig, jeder Fünfte leidet unter gesundheitlichen Folgen des Dauerstresses – von Schlafstörungen über chronische Schmerzen bis hin zum Erschöpfungssyndrom, dem sogenannten Burn-out. Der häufigste Auslöser hierfür sei Stress bei der Arbeit, der durch die andauernde Erreichbarkeit durch moderne Kommunikationsmittel verstärkt werde. "Kaum jemand kann noch richtig abschalten – und dieses Leben auf Standby macht die Menschen krank", erklärt TK-Vorstandschef Norbert Klusen.

Seit 1999 ist die Zahl der Krankheitstage von Arbeitnehmern aufgrund von psychischen Erkrankungen um mehr als 80 Prozent gestiegen, hat das wissenschaftliche Institut der Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) herausgefunden. Damit werden die psychischen Beschwerden nicht nur zum Problem der Erkrankten, sondern auch zu einem für die Volkswirtschaft. 2009 hätten kranke Mitarbeiter deutsche Unternehmen Kosten in Höhe von etwa 129 Milliarden Euro verursacht, rechnet die Unternehmensberatung Booz & Company vor. Würde in Prävention investiert, könnte dies demnach die Kosten senken. Jeder Euro, der so investiert werde, zahle sich mit bis zu 16 Euro für die Volkswirtschaft aus.

Viele große Konzerne haben dies erkannt und bieten Präventionsangebote an. Dazu gehört immer Bewegung. Aus Betriebssportgruppen sind bei vielen Dax-Konzernen ganze Abteilungen für Gesundheit und Sport geworden, die den Mitarbeitern verschiedene Kurse anbieten. In den vergangenen Jahren sei das Interesse an Entspannungskursen besonders gestiegen, erklärt Eva-Maria Jährling, die beim Softwareentwickler SAP für die Sportangebote zuständig ist (siehe Interview unten). Auch in Volkshochschulen gebe es heute mehr Angebote für sanfte Bewegungsformen als früher, sagt Boris Zaffarana, Sprecher des Deutschen Volkshochschulverbandes. 2010 belegte der Komplex Gesundheit in der Statistik bereits den zweiten Platz hinter Sprachen. Noch vor vier Jahren war der Bereich Arbeit/Beruf stärker als Gesundheit. Das hat sich nun umgedreht.

Gefragt sind vor allem Bewegungsformen wie Yoga, Tai Chi und Pilates. Die können nach Angaben von Experten tatsächlich helfen. "Entspannungstechniken sind Standardbausteine in jedem Stresskurs", erklärt Lutz Lyding, Psychologe und Trainer für Stressmanagement. In seine Kurse kommen viele Führungskräfte. Mit den verschiedenen Verfahren lernen sie beispielsweise, wie sie ihren Puls durch die Atmung kontrollieren können. Auch Stress kann man mit Bewegungsformen wie Pilates oder Yoga abbauen – das beweisen Studien über den Abbau des Stresshormons Cortisol im Blut. Lyding zitiert außerdem eine neue Untersuchung, die ergeben habe, dass Yoga und Feldenkrais glücklicher machen als Dance-Aerobic. Der entscheidende Unterschied hierbei sei, dass diese Bewegungsformen nicht auf Leistung und Vergleich abzielten, wie viele Sportarten. "Menschen mit Stresssymptomen leben fast ausschließlich in einer leistungsbezogenen Welt und dazu gehört paradoxerweise auch Sport, etwa Ausdauersportarten. Bei der Meditation oder sanften Bewegungsformen dagegen kann man sich nicht vergleichen. Zudem sind die Übungen so angelegt, dass man auch wirklich nur das macht, was einem guttut. Das ist zur Stressbewältigung ganz wichtig."

Auch Eri Trostl, Personaltrainerin, Mentalcoach und Inhaberin von Pilates Bodywerk in München, arbeitet häufig mit erschöpften Geschäftsleuten. Sie sagt: "Sobald sich der Mensch mit sich selbst beschäftigt, ist es gut für eine Veränderung. Und da ist es ganz egal, ob er Tai Chi gut findet oder Yoga oder Pilates." Für sie, die sowohl körperlich als auch mental mit ihren Klienten arbeitet, sei es zudem einfacher, über Bewegung an die Psyche eines Menschen heranzukommen, da diese das körperliche Training anfangs leichter zulassen können.

Die Manager in Lutz Lydings Kursen sind oft irritiert, wenn er erklärt, dass sie Entspannungstechniken ausprobieren sollen. "Für die meisten ist das etwas Fremdes und Esoterisches. Wenn sie es dann aber ausprobiert haben, merken zumindest einige, dass die ein oder andere Form ihnen tatsächlich im Alltag hilft. Im Grunde ist der erste Schritt ohnehin schon damit getan, dass man lernt, sich auf sich selbst zu konzentrieren – und das erreicht man mit all diesen Techniken", erklärt Lyding.

Auch Entspannungskurse im Betriebssport hält er für sinnvoll, weil sie den Angestellten zeigten: Auch wenn ich hier bin, gibt es Zeiten nur für mich. Einen ersten Schritt in diese Richtung könnten Firmen bereits mit einem einfachen Mittel unternehmen, so Lyding: "Ich kenne Betriebe, die auf jeder Etage einen Tischkicker aufgestellt haben. Wenn mittags vier Leute ein Match spielen, dann denken sie nicht an den Stress, den sie eigentlich haben."

Die BZ-Serie "Entspannung durch Bewegung" behandelt folgende Themen:

  • Teil II: Warum wirkt Yoga?
  • Teil III: Wie hilft Tai Chi?
  • Teil IV: Was kann man mit Feldenkrais erreichen?
  • Teil V: Was ist eigentlich Pilates?
Mehr zum Thema:
von Laetitia Obergföll
am Mi, 21. Dezember 2011 um 00:01 Uhr


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