Sattes Blubbern erwärmt die Herzen

Die Mitglieder des Oldie Teams 77 mögen alte Autos und viel Hubraum – und stoßen bei ihren Touren auf viel Sympathie.

FRIESENHEIM/LAHR. Sie sind alt, rostig und gefräßig – und sie werden geliebt. Die 25 Autos in einer Halle im Kasernenareal in Lahr gehören dem Oldie Team 77 e. V. Einige Karossen haben schon bessere Tage gesehen und warten, mit offenen Wunden an Blech und Motor, auf die heilenden Hände der Mechaniker. Andere sind bereits wahre Schmuckstücke, deren Anblick nicht nur die Herzen ihrer Besitzer höher schlagen lässt. Und wenn Benzin durch die Vergaser rauscht und die Motoren blubbern, ist das Musik in ihren Ohren.

Jürgen Weis (53), Kaufmann aus Friesenheim, ist Vorsitzender des Oldie Teams 77 und der Melodie großer Motoren verfallen. Mit dem kastratenähnlichen Gekreische von Rennboliden am Nürburgring hat diese Musik nichts zu tun, sondern mit dem satten, souveränen Sound eines Achtzylinders, der sacht über die Straßen kreuzt. "Ich gehöre eher zur amerikanischen Fraktion", sagt er. Amerikanische Oldtimer haben eine andere Zündfolge als europäische, und die klingt schon im unteren Drehzahlbereich beeindruckend: eben jenes Blubbern aus den Tiefen des Motorraums.

Sympathieträger: Die meisten Menschen mögen Oldtimer

Weis spricht von der positiven Energie und von Sympathien, die rüberkommen, wenn solche Oldtimer und ihre Fahrer unterwegs sind, von Passanten, die an Parkplätzen innehalten und das Gespräch suchen. "Es gibt nur wenige, die das negative aufnehmen", sagt Weis über das Verhältnis des Deutschen zum Oldtimer. Für andere Länder gilt das auch.

Viele haben sich mit solch einem Auto einen Jugendtraum erfüllt. "Ich glaube, das ist die Nostalgie", beschreibt Weis den Faible für alte Autos. Dann besitzen die Herren (Damen sind offenkundig weniger anfällig für diese Retro-Orientierung) endlich das Fahrzeug, das sie sich früher nicht leisten konnten. Bei Weis ist es ein Lancia Fulvia, Baujahr 1971. Den hat er in Italien gekauft, nachdem er, des Familiennachwuchses wegen, mit dem Rallyesport aufgehört hatte. Langstreckenrennen ist er auch gefahren, in Brasilien und Neuseeland, beim 24-Stundenrennen am Nürburgring war er dabei.

Seit einem Jahr ist Weis im Verein, der früher eine lose Interessengemeinschaft war. Zehn Aktive aus der ganzen Ortenau gehören dazu, außerdem 50 oder 60 Sympathisanten. Gemeinsam haben sie die Hallen in Lahr gemietet. Samstags treffen sie sich zum Schrauben, zu Benzingesprächen und zu gemeinsamen Ausfahrten. Ein Lackierer und ein Kfz-Mechaniker gehören zur Oldtimertruppe. Ihre Ratschläge sind gefragt – werden aber nicht immer umgesetzt. Mancher hat sich schon etwas übernommen beim Versuch, aus einem angejahrten Auto einen Oldtimer zu machen – und dann aufgegeben. "Die Substanz muss stimmen", sagt Weis über die wichtigste Voraussetzung für einen Oldtimer. Wer Blech auf Blech schweißen muss, um den Rost durch tragende Teile zu ersetzen, wird keine Freude an seinem Auto haben.

Wie viel die Oldtimerfreunde investieren, ist sehr verschieden. Da gibt es den Ford Mustang, den einer für 7000 Euro erworben hat und den er selbst aufmöbelt, und da gibt es die 50 000-Euro-Li- mousine. Der Aufwand für Pflege und Unterhalt muss sich aber in Grenzen halten, die Oldie-Freunde verstehen sich nicht als Museumsverein, dessen Fahrzeuge mit Samthandschuhen angefasst werden. "Wir sind keine Hochglanzfreunde", sagt Weis, "wir wollen unseren Spaß haben". Zum Beispiel mit jenen Pontiac Le Mans, Baujahr 1968, mit mattem Lack und acht Zylindern.

Einige Fahrzeuge können gemietet werden. Mit den Einnahmen deckt der Verein einen Teil seiner Kosten für die Halle. Sehr gefragt ist der Ford Galaxie 500, ein Schiff von einem Auto, das früher als Polizeiauto in den USA genutzt wurde. Oder der Nachbau eines Porsche Carrera 356 auf dem Originalchassis eines VW Käfer von 1957.

Bestandsschutz: Die Benzinschleudern dürfen in Umweltzonen fahren

Die alten Autos blasen deutlich mehr Kohlendioxid und Staub aus dem Auspuff als neue Wagen. In die Umweltzonen der Städte dürfen sie dennoch fahren, für Oldtimer besteht Bestandsschutz. Ökologische Gewissensbisse hat Weis nicht: Die meisten Besitzer bewegen ihre betagten Fahrzeuge nur einige tausend Kilometer pro Jahr, etliche deutlich weniger.

Ein Traumauto hat Jürgen Weis nicht ("Jedes Auto hat ’was"), aber eine Traumtour: die Pan American in Mexico, eine Woche quer durchs Land. Diese Veranstaltung ist das Pendant zur legendären Mille Miglia in Italien. Die Voraussetzungen zur Teilnahme sind streng, unter anderem muss das Auto Baujahr 1966 oder älter sein. "Ich habe das Glück, dass meine Familie mitzieht", sagt Weis über seine Frau und seine zwei Kinder. Der 19-jährige Sohn fährt schon selbst. Bei größeren Touren sei es nützlich, ein Begleitfahrzeug zu haben: "Es gibt immer wieder mal eine Panne". Weis möchte keine Werbung machen, aber wer einen Oldtimer fahre, sollte Mitglied in einem Automobilclub mit Abschleppdienst sein. Wenn kein Benzin mehr durch die Vergaser rauscht, hat sich’s eben ausgeblubbert.

Weitere Infos unter http://www.oldie-team-77.de. Mehr Fotos finden unter http://www.badische-zeitung.de
von Peter Bomans
am Sa, 01. Oktober 2011

Badens beste Erlebnisse