Sauerkraut für demente Schwarzwälder

Mehr Menschen leiden unter der Alterskrankheit – sie zu pflegen, bedarf besonderer Methoden.

Die Demenz nimmt zu. Immer mehr Menschen werden immer älter, und so kommt es, dass inzwischen fast jeder Bürger einen Menschen in seinem Umfeld kennt, der mit den Symptomen dieser Krankheit leben muss. Die Altenheime haben sich auf die Pflege dementer Menschen eingerichtet. Das Seniorenheim St. Raphael in Neustadt verfügt über zwei Demenzstationen. In einer davon arbeitet bereits seit 1996 die examinierte Altenpflegerin Daniela Gerwien, die hier ihre Ausbildung gemacht hat.

Sie liebt die Arbeit mit den dementen Menschen. Die Angehörigen sind mit dem verwirrenden Krankheitsbild oft überfordert und reagieren befremdet. Viele ziehen sich von ihren dementen Angehörigen schließlich zurück. Ein Drittel der Senioren in St. Raphael bekommen regen Besuch, ein Drittel wenig und ein weiteres gar keinen Besuch mehr. Die Gründe dafür liegen irgendwo in der Familiengeschichte, die Pfleger machen den Familien keinen Vorwurf. Für viele ist es schwer, von der Frau, der Mutter, der Großmutter nicht mehr erkannt zu werden. Die dementen Senioren reisen Stück für Stück in ihre Vergangenheit bis in die früheste Kindheit zurück. Das Kurzzeitgedächtnis stirbt zuerst. Am Ende kommen dann manche in ein Stadium ähnlich dem eines Säuglings.

Ruhe ist Gold wert

"Es gibt Fälle, in denen ein Patient dann alle Nahrung außer in einer Milchflasche mit Sauger ablehnen, dann müssen wir eben die Flasche geben." Daniela Gerwien sagt das mit großem Selbstverständnis, sie nimmt die Menschen so, wie sie im Moment sind, und bleibt gelassen. Wenn sich ein Patient fünfmal hintereinander wieder auszieht, hilft sie eben fünfmal wieder beim Anziehen. Schimpfen hilft in so einem Fall nicht, sondern verunsichert nur die Patienten, die sich keiner Schuld bewusst sind. "Eine Kraft, die in jeder Situation so ruhig bleibt, ist Gold wert", sagt Pflegedienstleiterin Ute Brunner. Daniela Gerwien war ihre erste Schülerin, seit Jahren ist sie Wohnbereichsleiterin. Das Essen muss an die Situation der Dementen angepasst werden. Man müsse beim Umgang bedenken, wo sie sich auf ihrer Vergangenheitsreise befinden. Grüne Nudeln isst ein alter Schwarzwälder nicht, Schäufele und Sauerkraut kennt jeder. Es wird regelmäßig frisch gemeinsam mit den Senioren gebacken, bekannte Gerüche aktivieren Erinnerungen und steigern das Wohlbefinden.

Es kommt auch mal vor, dass mehrere Patienten von einem Teller essen wollen, auch das hat Gründe in der Vergangenheit. Früher war es auf den Schwarzwaldhöfen durchaus üblich, gemeinsam aus einer Schüssel zu löffeln. Demenz sei nicht nur schrecklich, erklärt Brunner. Es ist ein Prozess, und wenn die Phase der Verunsicherung überwunden ist, gelangen die Menschen oft in einen Zustand seliger Zufriedenheit.

Alle Texte der Serie finden Sie in      unserem Online-Dossier unter      mehr.bz/serie-demografie
von Marion Pfordt
am Di, 30. April 2013


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