"Schon von Weitem sah man das kolossale Flammenmeer"

BZ-SERIE "TAGEBÜCHER AUS DEM KRIEG" (21): Dörfer werden zerstört, es häufen sich Siegesnachrichten und Sanitätstransporte werden dringend benötigt.

Nie wurde so viel geschrieben wie in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Nach der ersten großen Kriegsbegeisterung stellte sich bei vielen Deutschen bald Ernüchterung ein. Wir dokumentieren in einer Serie die ersten Kriegswochen, wie sie sich in Tagebüchern und Briefen des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen darstellen und greifen dabei auf die im Berliner Galiani Verlag herausgekommene "Verborgene Chronik 1914" zurück. Wir blicken Tag für Tag genau 100 Jahre zurück.

25. AUGUST 1914

Jakob Krebs, bei Vacqueville

(Frankreich)


Um 9 Uhr Abmarsch, ein warmer Tag. In endloser Kolonne schiebt sich alles vorwärts. Der zweite Ort, den wir passieren, ein kleines Dorf, ist völlig verbrannt. Als es gar nicht vorwärtsgehen will, biegen wir von der Straße ab, lassen einen mit Fahrzeugen völlig verstopften Ort links liegen. An feuernder Fußartillerie vorbei fahren wir, von einem Hang gedeckt, entlang auf eine Höhe, auf dieser entlang rechts ein lichter Birkenbestand, feindwärts links freies Gelände. Eine schöne Aussicht bietet sich uns da (...).

Otto Gehrke, Namur (Belgien)

Stadt heftig beschossen, müssen warten. Eier werden ausgeteilt, können trinken, bis wir genug haben. Herz Geburtstag. In den Taschen befindet sich jetzt alles Mögliche. Wetter schön. Löhnungsappell. 2 Uhr Fertigmachen, ¼ 3 Uhr Abmarsch. Eilmarsch durch Hohlwege und Dörfer. Tote liegen umher, stinken schon in der großen Hitze. Im Dorf stehen die Leute friedlich in der Tür. Besetzen verlassene Stellung. Schwere Artillerie beschießt das nur noch 700 m entfernte Fort. (...)

Paula Busse, Bensberg bei Köln

Die Siegesnachrichten jagen sich, der Jubel ist groß. Ist es nicht ein wunderbares Gefühl, sich deutsch zu fühlen und deutsch zu sein, wenn man von solchen Siegen hört.

Willy Straub, bei Longuyon

(Frankreich)


Unser Weg führte uns durch die Stadt Longuyon, ca. 40 000 Einwohner. Schon von Weitem sah man das kolossale Flammenmeer, konnte aber noch nicht recht unterscheiden, ob es die Stadt selbst war. Vor derselben angekommen, mussten wir halten. Die Infanterie erzählte, als sie morgens beim Ausrücken war, war alles ganz friedlich. Auch den Abend vorher wurden sie mit Wein und allem Möglichen bewirtet und beschenkt. Auf ein Trompetensignal hin wurde aus allen Häusern, Ställen, Kirchen und sonstigen Verstecken auf alles geschossen, was deutsch war. Der Pfarrer hatte in der Nacht Munition an die Bevölkerung in der Kirche verteilen lassen. Auch hatte er den Franzosen die Stellungen und den Aufenthalt verraten. (...)

Freifrau von Wertheim, Coburg

In den letzten Tagen sind viele Siege gewesen, zwei vom Kronprinzen von Bayern, einer von unserm Kronprinzen, dann einer an der russischen Grenze. Man muss ja Vertrauen zum endgültigen Sieg haben. Der heutige Sieg bezieht sich auf die Franzosen, auf Erbeutung von Geschützen und Gefangennahme (...).

Georg Becker, Bensdorf,

Elsass- Lothringen


Es kommt ein Sanitätstransportzug aus Landshut und Speyer an. Während wir ihn hier so nötig gebraucht hätten, hat er vier Tage untätig in der Nähe von Zabern gestanden. Ich mache auf einem solchen Sanitätswagen eine Fahrt nach Leiningen, wo das Sanitätsdepot ist, zusammen mit Oberapotheker Kerchensteiner. Das Sanitätsdepot ist in einem großen Schuppen am Bahnhof untergebracht. In großen Kisten sind hier Verbandstoffe, Schienen, Medikamente aufgestapelt. Ich treffe den Apotheker, mit dem ich 1906 als Einjähriger Arzt in München beim Operationskurs zusammen war. Außerdem ist ein Stabsapotheker, ein Nahrungsmittelchemiker aus Frankfurt, da. Beide wohnen in einem Eisenbahnwagen und sind seit acht Tagen sozusagen nicht aus den Kleidern gekommen. Man hört dieselben Klagen wie überall über die Etappenleitung. (...)

Clara und Josephine Bohn, Ingersheim, Elsass-Lothringen

Mehrere Männer von Ingersheim mussten Gräber auf einem Acker neben dem Friedhof machen. Es wurden darin 65 Deutsche und neunzehn Franzosen begraben. Alles, was sie bei sich hatten, bekamen sie mit ins Grab.

– Lisbeth Exner und Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Hrsg. vom Deutschen Tagebucharchiv. Galiani Verlag, Berlin 2014. 416 Seiten, 24,99 Euro.

Alle Beiträge der Serie finden Sie unter http://mehr.bz/chronik
von bz
am Mo, 25. August 2014


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