Sehnsucht nach dem Leben draußen

BZ-SERIE (3): Spanischlehrerin Montserrat Prades Ochoa brauchte einige Zeit, um sich in Auggen einzuleben .

MARKGRÄFLERLAND. Im Markgräflerland finden dieses Jahr die baden-württembergischen Heimattage statt. Doch was bedeutet der Begriff Heimat eigentlich, etwa für Menschen, die aus anderen Ländern zugezogen sind? In einer Serie stellt die Badische Zeitung Menschen vor, die im Markgräflerland leben, die ihre Wurzeln aber im Ausland haben. Dies gilt auch für die zweite und zum Teil schon dritte Generation von Einwanderern.

Montserrat Prades Ochoa erwartet Gäste zum Abendessen. Sie hat frischen Mangold aus dem Garten geholt, aus dem Topf duftet es verführerisch. Der Bruch in Prades Leben ist radikal: Den ersten Teil verbrachte sie in ihrer Heimatstadt Barcelona, die letzten 26 Jahre im Markgräflerland. Nach einem Jahr in Ebringen und einem Jahr in Neuenburg zog sie mit ihrem Mann Siegfried Hipp nach Auggen, wo sie bis heute lebt. Ihre beiden älteren Kinder sind bereits aus dem Haus, nur die jüngste Tochter Alba wohnt noch bei den Eltern.

Prades Ochoa, die – wie in Spanien üblich – nach der Hochzeit ihre beiden Nachnamen behalten hat, folgte ihrem Mann, als dieser nach dem Medizinstudium eine Stelle in Bad Krozingen antrat. Sie hatten sich in Barcelona kennengelernt, wo er ein Praktikum gemacht hatte. Als Prades Ochoa nach Deutschland kam, um einen Sprachkurs zu machen, war sie schwanger. Sie sprach kaum Deutsch. Zusammen mit ihrem Mann lebte sie in einer Wohngemeinschaft, einige Bekannte aus Lateinamerika sprachen Spanisch mit ihr – ihr Deutsch beschränkte sich auf einige Sätze im Supermarkt. Ihrem ersten Kind folgte schnell das zweite.

Es war eine aufregende Zeit für Prades Ochoa, ein Leben voller neuer Erfahrungen, aber auch Entbehrungen. "Schmerzhaft" sei es mitunter gewesen, den kleinen Kindern nicht all das geben zu können, was sie aus Spanien kannte.

Ihre endgültige Entscheidung zu bleiben, fiel erst später. Drei Jahre lang, so berichtet Prades Ochoa, sei sie sich nicht sicher gewesen, ob sie nicht doch zurückkehren werde. Das führte bis zu einer Identitätskrise. Sie fragte sich: Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Erst nachdem sie die Krise überwunden hatte, begann sie konsequent Deutsch zu lernen. In einer dreijährigen Ausbildung für Körpertherapie lernte sie eine Heilmethode kennen, die ihr über die schwere Zeit hinweggeholfen hat. Dort traf sie Gleichgesinnte, machte große sprachliche Fortschritte und schuf sich gleichzeitig ein mögliches berufliches Standbein. Ihren spanischen Studienabschluss als Grundschullehrerin konnte sie in Auggen nicht gebrauchen. Sie las viel, vor allem über Psychologie. "Das war meine Rettung", sagt sie heute.

Als Montserrat Prades Ochoa ihrem Land den Rücken kehrte, nahm sie auch Abschied vom quirligen Großstadtleben in Barcelona. "Am seltsamsten waren die Sonntage", erinnert sie sich an die ersten Jahre in Auggen. Ausgerechnet am freien Tag, wenn alle Spanier draußen sind, in den Bars und Cafés sitzen, Verwandte und Freunde treffen, herrschte in den Straßen des deutschen Dorfes Totenstille. Kein Mensch war unterwegs. Auch das Klima sei gewöhnungsbedürftig gewesen, der Himmel oft grau... Jetzt, da ihr der Garten so wichtig geworden ist, freue sie sich aber auch mal über Regen.

Die Kinder nutzen ihr sprachliches Privileg

Den Kontakt nach Spanien hat Montserrat Prades Ochoa nie abbrechen lassen. Barcelona besucht sie jedes Jahr und empfindet dabei immer noch jedes Mal "eine Art Erleichterung". Die Heimat ist wie die Muttermilch, sagt sie, eine zutiefst körperliche Empfindung. Doch es hat sich auch viel geändert in all den Jahren seit ihrer Kindheit und Jugend. Ein Teil ihres Barcelonas ist durch die lange Abwesenheit unwiederbringlich verloren. Mit der Familie fuhr sie jedes Jahr ans Meer, immer im gleichen Ort in der Nähe von Figueras. Hier fanden die Kinder "ihr" Spanien, hier kannten sie jeden im Dorf, und auch die Verwandten aus Barcelona fanden sich ein. Heute sprechen ihre drei Kinder perfekt Spanisch und verstehen auch Katalanisch, das heute in der Gegend wieder mehr gesprochen wird. Und sie nutzen ihr sprachliches Privileg. Sohn Simon ist bereits mehrmals auf dem Jakobsweg gewandert, Tochter Nina plant eine mehrmonatige Tour durch Südamerika. "Die Heimat für meine Kinder ist aber sicher eher hier", sagt Prades Ochoa.

Bis heute sind ihr einige deutschen Eigenheiten fremd geblieben. Zum Beispiel der Humor. Dass sich eine Gruppe Leute ausschütten könne vor Lachen über einen Dialekt, versteht sie nicht. Sie sitze in solchen Fällen verständnislos daneben, auch wenn sie das Deutsche inzwischen fast perfekt beherrscht. Mit ihren Spanischschülern, daheim und in der Müllheimer Volkshochschule, unterhält sie sich oft über die Mentalitätsunterschiede. Deutsche seien einfach nicht stolz auf ihr Land; das widerspreche der spanischen Einstellung komplett. "Spanier sind immer stolz auf alles Spanische", sagt sie, "aber ich glaube, das hat vor allem mit Eurer Geschichte zu tun." In Spanien seien die Leute "so locker, so offen", sagten ihre Schüler oft, über Deutsche höre sie solche solche Aussagen nie.

Beim Gang durch den Garten zeigt Montserrat Prades Ochoa ihre Lieblingsecke. Eine alte Scheunenmauer teilt eine Sitzecke ab, wo man windgeschützt bis spät abends mit Gästen beim Wein zusammensitzen kann. Ein bisschen spanische Lebensart in Südbaden, immerhin das.
von Beatrice Ehrlich
am Fr, 20. August 2010

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