Selbst König Fußball bangt

BZ-SERIE (TEIL 6):Auch der traditionsreiche und große FC Neustadt muss sich nach der Decke strecken und sucht Konzepte, um am Ball zu bleiben.

Sogar beim Volkssport Fußball ist Sand im Getriebe. Beim FC Neustadt, Nr. 1 im Hochschwarzwald, bereitet es den Verantwortlichen Kopfzerbrechen wie nach einem missratenen Kopfball: Die kleinsten Kicker stürmen das Training. Doch rechnet man 20 Spieler je Mannschaft, die es für den Spielbetrieb braucht, haben schon die C-, B- und A-Jugend Schwierigkeiten, die Kader vollzubekommen. Das setzt sich fort bis zu den Aktiven: Sieben A-Junioren kommen nach der Saison, aber ob sie es in die Erste packen?

Schule, später Ausbildung oder Studium spielen eine Rolle, oft mit Wegzug verbunden – während es Zuzug kaum gibt. Oder Eltern sind nicht bereit, ihre Jungs über den Fahrdienst zum Treffpunkt hinaus zum Spiel zu begleiten. Dabei, sagt der Vorsitzende Arnold Löffler, "lernt man auf dem Platz seine Kinder ganz anders kennen".

Wenige dürften die Fußballszene im Hochschwarzwald besser kennen als Rolf Eckert (52), Kicker durch und durch: Beim SV Titisee groß geworden, gehörte er mit 17 der Mannschaft an, die in der Landesliga spielte. "Eine coole Truppe, alles Seemer!" 1981 wechselte der Mittelfeldspieler zum FCN, 1987 kehrte er zurück, zwei Jahre später stoppte das kaputte Kreuzband seine Laufbahn. Nach zehn Jahren Vorstandsarbeit wechselte er 1999 als A-Jugendtrainer zum FCN, von 2000 bis 2012 war er Jugendleiter der Blauen, seither ist er Vize und sportlicher Leiter.

Ihn beschäftigt die Zahl 43. So viele Buben hat der Jahrgang 2010 in Titisee-Neustadt hervorgebracht. Das reicht nicht für die drei Vereine FCN, SV Hölzlebruck und SV Titisee. Es wollen ja nicht alle Jungs Fußball spielen.

Wie es weitergeht? Man hat Möglichkeiten durchgespielt:
Spielgemeinschaft (bis D-Jugend) hat Haken: Zwei Vereine, es gibt womöglich unterschiedliche sportliche Ziele, ein Verein muss federführend sein, wer organisiert und stellt Trainer/Betreuer?
Gastspieler (ab D-Jugend), bis zu fünf je Mannschaft. Der FCN kann mit höheren Spielklassen ehrgeizige Kicker locken. Doch es kann zu Unmut führen, wenn der Große den Kleinen die Besten abjagt...
Neuer Verein aus Spielern mehrerer Vereine. Aber die jeweiligen Strukturen bleiben bestehen und die höherklassigen Partner sind verpflichtet, trotzdem eine Jugendabteilung mit mindestens zwei Teams zu unterhalten. Aufwendig für Jugendleitung, Orga, Trainer- und Betreuerstab.
Fusion: Der FCN ist laut Vorstandsbeschluss mit überragender Mehrheit "offen für alles". Eckert würde sie befürworten; man müsse alle Befindlichkeiten beiseite schieben und die Sache "nur sportlich sehen".

Der Fusionsverein hätte genügend Spieler für große Kader. Wer es nicht zu den Besten schafft, könnte sich in der Reserve beweisen. Mehr Plätze stünden zur Verfügung, die Clubhaus-Frage wäre gelöst, die Organisation wäre schlanker, der Aufwand geringer: Nicht drei Vereine brauchten Vorstand, Trainer und Betreuer. Man nehme nur die Zahl der Trainer und Betreuer bei der FCN-Jugend: 28. Es waren mal 42. Manchmal springen Eltern ein, doch je älter die jungen Kicker, desto schwieriger wird das, weil die Anforderungen steigen.

So ernst ist das Problem, dass sich die Spitzen des FCN, des SV Hölzlebruck und des SV Titisee 2012 zu einer Krisensitzung trafen. Geeint in der Einschätzung, dass man etwas unternehmen muss, um nicht quälende Zeiten zu erleben. Doch wer übernähme die Federführung, wer brächte was und wie viel davon ein? Wo bliebe die Identität, wenn ein FC, ein SV oder eine Spvgg Hochschwarzwald antritt?

Schule, Studium, Beruf, Mangel an Zeit, während in den höheren Klassen der Fußball Leistung fordert: "Am Ball bleiben" lautet die Devise.

von Peter Stellmach
am Fr, 26. April 2013


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