Sprache verbindet

BZ-SERIE: Im Kenzinger Sprachentreff können Geflüchtete Deutsch lernen – oder auch einfach nur mal reden.

KENZINGEN. Der Adventskalender darf in der Vorweihnachtszeit nicht fehlen. Jeden Tag wird ein Türchen geöffnet, hinter dem sich ein Bild oder etwas Süßes verbirgt. Auch die BZ-Redaktion, die Presse-AG und die AG "Journalistisches Arbeiten" des Gymnasiums Kenzingen öffnen Türen in der Region und erzählen, was sich dahinter verbirgt. Heute: der Sprachentreff für Menschen mit Migrationshintergrund in Kenzingen.

Die Tür des Spielraumes in der katholischen Bücherei in Kenzingen geht am frühen Abend auf. Dahinter befindet sich ein kleiner, hell erleuchteter Raum mit einem Tisch in der Mitte. Zahlreiche Spiele stehen in den Regalen. Rund um den Tisch sitzen mehrere Frauen, die sich angeregt unterhalten. Unter den Frauen ist Henriette Ade. Die Kenzingerin hat gemeinsam mit vier weiteren Frauen im Jahr 2014 begonnen, geflüchteten Frauen Sprachunterricht zu geben – initiiert wurde dieser vom Kenzinger Ortsverein des Roten Kreuzes. "Für viele Frauen ist es schwierig, vormittags die Sprachkurse in den Volkshochschulen zu besuchen," erklärt Ade.


Die Gründung des Kurses sei für sie eine neue Erfahrung gewesen. Aktuell leitet sie gemeinsam mit Doris Mertens den Deutsch-Sprach-Treff in Zusammenarbeit mit Renate Günter-Bächle, der Koordinatorin für Flüchtlingsangelegenheiten der Stadt Kenzingen. "Dem Team der Bücherei sind wir sehr dankbar, dass wir den Kurs in diesen Räumlichkeiten stattfinden lassen können", sagt Ade.

Einmal wöchentlich trifft sich die Gruppe, um über Aktuelles oder Themen zu sprechen, die sich die Teilnehmerinnen wünschen. Zusätzlich wird in jeder Stunde eine Grammatikeinheit behandelt. Die Frauen nehmen freiwillig am Kurs teil. Die Teilnehmerzahl schwankt aber, da viele kleine Kinder haben und nicht regelmäßig erscheinen können. Dennoch kommen sie sehr gerne.

"Es ist toll, dass es kein richtiger Unterricht ist, sondern dass man einfach sprechen kann", erzählt die 43-jährige Syrerin Amira Awes. "Hier Deutsch zu sprechen, macht großen Spaß." Sie findet es für die Frauen sehr wichtig, die Sprache zu erlernen, damit sie Kontakte knüpfen, Freunde finden sowie die Kultur besser verstehen können. Zudem sei das Beherrschen der Sprache die Voraussetzung, um die Möglichkeiten, die Deutschland ihnen bietet, nutzen zu können. Eine weitere Teilnehmerin fügt hinzu, dass auch ihr der Kurs und das Lernen der Sprache viel Freude bereiteten. Das Ziel der 28 Jahre alten Ukrainerin ist es, wieder als Ärztin arbeiten zu können. Dafür sei Sprache die Grundvoraussetzung.

Die Frauen sind sich einig, dass das Lernen der deutschen Sprache wichtig ist, um Zugang zum gesellschaftlichen Leben zu erhalten. Viele Frauen kommen aus Syrien. Dort sei es für sie schwer gewesen, eine Schule zu besuchen oder zu arbeiten. Sie freuen sich über die Möglichkeiten, die sich hier jedem über Bildung erschließen können.

Amira Awes erzählt stolz von ihrem Sohn, der den Hauptschulabschluss als Bester seines Jahrgangs machte und nun eine Ausbildung beginnen wird. Auch er nahm eine Zeit lang am Deutsch-Sprachtreff teil. Die 43-jährige stellt fest: "Jeder sollte versuchen, die Sprache zu lernen. Dabei sollte man nicht denken: Ich kann das nicht, sondern es einfach probieren. Wer in Deutschland leben will, muss etwas machen." Wenn man etwas wirklich wolle, könne man auch etwas erreichen, fügt sie hinzu. Ihr Motto lautet: "Wir müssen nach vorne schauen und das Vergangene hinter uns lassen." Dabei stimmen ihr die anderen Teilnehmerinnen und Henriette Ade zu. Um auch anderen diese Chance aufzuzeigen, laden die Frauen oft weitere Teilnehmerinnen ein – wie beispielsweise eine zweifache Mutter aus Eritrea, die an diesem Tag zum ersten Mal dabei ist und von allen sehr warmherzig aufgenommen wird.

Dass die Frauen sich gegenseitig ermuntern, freut Henriette Ade besonders. Die ehemalige Schulleiterin des Schulzentrums Freiamt stellt fest, dass die Frauen sehr viel Sprachbereitschaft mitbringen würden, was das Miteinander im Kurs sehr bereichert. "Aus der Gruppe ist eine richtige Gemeinschaft entstanden", sagt die Kenzingerin. Besondere Höhepunkte seien auch gemeinsame Unternehmungen, bei denen sie den Alltag oder die Kultur in Deutschland erleben, fügt Ade hinzu. So besuchten sie am Nikolaustag zum Beispiel gemeinsam den traditionellen Kenzinger Klausmarkt.

von Luisa Scheufler (Jahrgangsstufe 12)
am Mo, 17. Dezember 2018

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